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Ich, ich, ich - die Selbstoptimierung macht uns verrückt

Fast jeden treibt der Wunsch, sich selbst zu finden. Doch je mehr wir um uns selbst kreisen, desto unglücklicher werden wir, sagt der Psychologe Steve Ayan. Er plädiert für mehr Selbstvergessenheit.

Von Mirja Hammer

Wer bin ich? Was will ich? Und wie nutze ich meine Chancen optimal? Fragen, die sich heute viele stellen. Workshops, Coachings, Selbsterfahrung und Psychoratgeber sollen uns dabei helfen, unsere wahren Bedürfnisse - unser wahres Ich - zu erkennen. Denn nur so, sind wir überzeugt, können wir ein erfülltes, bewusstes Leben führen. Und das wollen wir um jeden Preis, schließlich haben wir nur eins und das soll bitte perfekt sein! Doch was wir bei all der Suche nach dem großen Glück vergessen: Wie der Partner fürs Leben, kommt das Glück nicht, wenn man krampfhaft danach sucht.

Coachings, Psycho-Kult und Selbstoptimierung. Herr Ayan, machen wir uns durch den Wunsch nach Ich-Verwirklichung verrückt?

Ja. Ich glaube, dass wir uns oft zu sehr mit uns selbst beschäftigen. Die ständige Konzentration darauf, wie es mir geht, ob mir mein Job die Erfüllung bringt, oder ob ich mit dem richtigen Partner zusammen bin, führt letztlich dazu, dass ich immer unzufriedener werde. Studien belegen, dass Menschen, die sich stark darauf konzentrieren, zufrieden zu sein, letztlich weniger Zufriedenheit erleben. Wer ständig darauf achtet, ob er auch ja glücklich ist, nimmt viel stärker wahr, wenn er es mal nicht ist.

Sollten wir es einfach ignorieren, wenn es uns schlecht geht?

Probleme wegzudrücken hat in unserer Gesellschaft ein schlechtes Image. Aber es kann durchaus hilfreich sein, eine Krise auch mal auszuhalten und durch Formen der Ablenkung und des Miteinanders den Fokus vom Problem wegzulenken. Die meisten Dinge - ich spreche nicht von schwerwiegenden psychischen Erkrankungen - können wir sehr gut alleine meistern. Unsere Resilienz, also die psychische Widerstandsfähigkeit, ist stärker als wir glauben. Und Krisen sind letztlich der einzige Weg, diese Widerstandskraft zu fördern. Wenn ich mir nie einen Virus einfange, haut es mich bei nächster Gelegenheit um. Unsere Resilienz funktioniert da ähnlich wie das Immunsystem des Körpers.

Finden Sie etwa, dass wir wehleidig geworden sind?

Es geht überhaupt nicht darum, hart gegen sich zu sein. Sondern darum, welche Haltung, welche Strategie wir wählen, um mit Schwierigkeiten besser zurecht zu kommen. Und da pathologisieren wir immer häufiger Dinge, die zum Leben dazu gehören: Prüfungsangst wird zur Phobie, berufliche Durchhänger zum Burn-Out und Liebeskummer oder familiärer Zwist zum Fall für die Couch. Es gibt diesen Trend, weil mit manchen Etiketten eine Art Belohnung einhergeht. Bei ADHS winken Medikamente für mehr Konzentration, und ein Burn-Out wird gesellschaftlich honoriert: "Seht her, wie viel er gegeben hat". Ich leugne keineswegs, dass es ADHS, Burn-Out und Depressionen wirklich gibt, und dass das schlimme Erkrankungen sind. Aber im Zuge der Entstigmatisierung gibt es auch einen Überschuss an Problematisierungen von familiären Schieflagen und persönlichen Eigenarten, die solche Label aufgeklebt bekommen.

Was gefällt Menschen so gut daran, selbst kleinste Problemchen zu psychologisieren?

Es erscheint uns spontan plausibler, Dinge aktiv anzugehen, als sie einfach geschehen zu lassen. Der Glaube an unsere Selbstwirksamkeit, dass wir selbst etwas bewegen können, ist stark verwurzelt: Du musst nur genug wollen, dann schaffst du es auch. Die Wissenschaft hat für uns - die wir kaum noch an höhere Mächte glauben - einen extrem hohen Stellenwert, wenn es darum geht, unser Leben zu gestalten. Wir orientieren uns daran, was Forscher über Glück, Resilienz, Sex, Erfolg etc. herausgefunden haben. Allerdings warne ich davor, der Psychologie blind zu folgen. Sie ist ein großes Becken an Theorien, die sich oftmals widersprechen, und statistischen Zusammenhängen, die keinen Leitfaden zum richtigen Leben hergeben.

Wir sind Perfektionisten ohne Platz für Probleme

Ist der Kult um die Ich-Optimierung eigentlich ein typisches Phänomen unserer Zeit?

Wir leben sicher in einer Zeit des Bewusstseinskults. Alles wollen wir bewusst machen: bewusst entscheiden, bewusst essen, bewusst atmen. Ein Konsumententypus steht exemplarisch dafür: Die Lohas – abgekürzt für Life of Health and Sustainability (zu Deutsch: ein gesundes, nachhaltiges Leben). Lohas sind Perfektionisten, die sich ständig selbst beobachten im Streben nach dem großen Glück und dem perfekten Ich. Keiner will Probleme haben, das ist vollkommen natürlich. Aber negative Gefühle erscheinen uns in unserer auf Leistung und Effizienz getrimmten Gesellschaft nicht länger hinnehmbar. Wir deklarieren unvermeidliche Dinge wie Todesfälle, Liebeskummer oder Stress im Job als inakzeptable No-gos.

Also ist die Gesellschaft schuld daran, dass wir uns verrückt machen?

Wir haben heute Tausende von Möglichkeiten, was einerseits toll ist. Aber das Wissen, dass so Vieles möglich ist, birgt enorme Pseudorisiken: Nutze ich meine Chancen? Mache ich das Beste aus mir? Was, wenn ich mich jetzt für diesen einen Job, Partner oder Handy-Vertrag entscheide, und dabei könnte es einen viel passenderen für mich geben? Wir zerbrechen uns den Kopf darüber, wie wir das Bestmögliche aus allem herausholen. Das raubt uns die Ruhe und Gelassenheit, um zu erkennen, was wir eigentlich haben. Der Psychologe Barry Schwartz unterteilt Menschen in Maximizer und Satisficer. Satisficer geben sich mit ihrer Wahl rasch zufrieden, Maximizer wollen dagegen unter allen Optionen immer die beste finden. Sie werden häufiger depressiv, weil sie beständig das Gefühl plagt, nicht die beste Chance genutzt zu haben.

Was raten Sie, um aus der Grübelfalle rauszukommen?

Ich empfehle mehr Selbstvergessenheit, denn selbstvergessen lebt es sich leichter. Das ist zugegeben zunächst eine paradoxe Aufforderung so wie: Nimm dir vor, spontan zu sein! Aber wir können uns solche Momente, in denen wir komplett abschalten, bewusst schaffen. Etwa indem wir uns verabreden, Sport machen, Musik hören, Yoga machen oder einfach in den Bus setzen und durch die Stadt treiben lassen. Momente, in denen wir uns hingeben können, die nicht "genutzt" werden müssen. Wenn ich nicht ständig um mein Problem kreise, erscheint es mir vielleicht auch nicht mehr so gravierend. Es lohnt sich, das zumindest auszuprobieren. Der Schuh drückt eben umso mehr, je stärker ich mich darauf konzentriere.

Steve Ayan ist Psychologe, Wissenschaftsjournalist und Autor des Buches "Hilfe, wir machen uns verrückt. Der Psychokult und die Folgen". Er selbst hat sich damit zufrieden gegeben, dass er nie exakt so sein wird, wie er gern wäre. Kreisen seine Gedanken doch mal wieder zu sehr um ihn selbst, macht er Faxen – das hilft!

Mirja Hammer
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