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Die sieben häufigsten Irrtümer über die Schwermut

Eine Depression ist eine Krankheit – doch wird von vielen nicht so wahrgenommen. Irrtümer wie dieser erschweren es Betroffenen, über ihre Schwermut zu sprechen. stern klärt die wichtigsten Missverständnisse auf.

Von Sonja Helms

Wer an einer Depression erkrankt, sieht sich mit vielen Vorurteilen und Irrtümern konfrontiert - und schweigt oft aus genau diesem Grund.

Wer an einer Depression erkrankt, sieht sich mit vielen Vorurteilen und Irrtümern konfrontiert - und schweigt oft aus genau diesem Grund.

Aufklärung tut Not. Obwohl eine Depression eine ernste Erkrankung ist und viel darüber berichtet wird, sind noch immer viele Irrtümer darüber im Umlauf und halten sich hartnäckig. Auch das führt oft dazu, dass Betroffene ihr Leiden lieber verschweigen und versuchen, es geheim zu halten, was das Unverständnis auf Seiten der Angehörigen und Freunde nicht gerade fördert. Das sind die wichtigsten Irrtümer und Missverständnisse.

1. Eine Depression ist keine richtige Krankheit

Ein Stimmungstief ist nicht mit einer echten Depression zu vergleichen, doch vielen Menschen fällt genau diese Trennung schwer. Jeder ist mal niedergeschlagen, traurig oder antriebslos, weil er überarbeitet ist. Oder schlimmer, den Job oder eine nahe stehende Person verloren hat. Doch die meisten denken: Ich reiße mich auch zusammen und lasse mich nicht hängen, warum kann der andere das nicht? Das ist ein möglicher Grund dafür, dass Depression oft nicht ernst genommen wird.

Und doch ist sie eine echte Krankheit. "Eine Depression ist eine Erkrankung, die auch weitgehend unabhängig von äußeren Faktoren auftreten kann, und zwar bei jedem", sagt Ulrich Hegerl, Psychiater Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Leipzig. Das heißt: auch bei Menschen, denen es gut geht, die in einer glücklichen Partnerschaft leben oder beruflich erfolgreich sind. "Es hat viel mit Veranlagung zu tun. Wenn man diese Veranlagung hat, ist das Risiko groß, in diesen speziellen Zustand hineinzurutschen."

Es kann dann zwar Auslöser geben, dieser muss aber nicht der eigentliche Grund sein. "Vielmehr werden in einer Depression die Probleme, die das Leben mit sich bringt, vergrößert wahrgenommen", sagt Hegerl. Die Kritik eines anderen treffe einen mitten ins Herz und man habe das Gefühl, wertlos zu sein. Die Rückenschmerzen würden als Zeichen gedeutet, dass man im Rollstuhl enden werde. "In so einem Zustand meint man, die Probleme beiseiteschaffen zu müssen. Doch das ist oft nicht der Punkt. Wird die Depression behandelt, sieht der Patient zum Beispiel den Stress bei der Arbeit als das an, was er ist: als Teil des normalen und oft schwierigen Lebens."

2. Eine Depression trifft nur schwache Menschen

Depressive Menschen sind keineswegs nur jene, die psychisch labil oder schwach sind oder die sich gehen lassen. "Im Gegenteil: Oft sind es sogar eher Menschen, die dazu neigen, gewissenhaft zu sein, Verantwortung zu übernehmen, für andere da zu sein, die auch Leistungsträger in einem Unternehmen sind", sagt Hegerl. Aber das ist kein Muss. Es kann jeden treffen: die Erfolgreichen und die Erfolglosen, die Tüchtigen und die Faulen, die Mutigen und die Furchtsamen, das folgt keiner Regel.

3. Depressionen treten immer häufiger auf

In den vergangenen Jahren hat es viel Berichterstattung zu diesem Thema gegeben, viele Prominente äußerten sich dazu, weil sie selbst betroffen waren, daher könnte dieser Eindruck entstehen. Doch er trifft nicht zu. "Schaut man sich die gesamte Bevölkerung an, nehmen die Depressionen nicht zu", sagt Hegerl. "Was zunimmt, ist die Zahl der Menschen, die sich Hilfe holt, und die Zahl der Ärzte, die eine Depression als solche erkennen - sie versteckt sich häufig hinter körperlichen Beschwerden wie chronischen Rückenschmerzen und ähnlichem." Das heißt, mehr Menschen bekommen heute eine entsprechende Diagnose als vielleicht noch vor einigen Jahren.

Und das sei laut Hegerl positiv zu werten: "Seit den 80er Jahren hat sich die Zahl der Suizide von 18.000 auf 10.000 Fälle reduziert, das heißt, heute nehmen sich pro Tag 20 Menschen weniger das Leben als noch vor 30 Jahren. Das ist ein sensationeller Fortschritt, denn die häufigste Ursache für einen Suizid sind noch immer Depressionen."

4. Einmal depressiv, immer depressiv

Weit verbreitet ist auch die Annahme, dass eine Depression nicht heilbar ist. Wen es einmal erwischt hat, der kommt nie wieder aus der Spirale heraus, so die Überzeugung vieler Menschen. Das stimmt so nicht. "Depressive Episoden sind gut behandelbar, Betroffene werden auch wieder völlig gesund und leistungsfähig", sagt Hegerl. Bei manchen Menschen bleibe aber durchaus ein erhöhtes Risiko, eventuell im späteren Verlauf des Lebens erneut in eine solche Episode zu rutschen, vor allem, wenn die Erkrankung unbehandelt bleibe. "Die Veranlagung ist ein wichtiger Punkt, diese kann erworben oder genetisch bedingt sein", sagt der Psychiater. Umso wichtiger sei es, dass Betroffene sich mit der Krankheit auseinandersetzen, sich informieren und zum Experten in eigener Sache werden. Betroffene können sich zum Beispiel im Diskussions-Forum der Stifung Deutsche Depressionshilfe austauschen.

5. Antidepressiva machen süchtig

80 Prozent der Bevölkerung glauben, das Antidepressiva süchtig machen. Das hat eine Umfrage der Stiftung Deutschen Depressionshilfe ergeben. Das stimmt aber nicht. "Es gibt keine Dosissteigerung und keinen Drogenschwarzmarkt für Antidepressiva", sagt Hegerl. "Antidepressiva machen auch nicht high, sondern wirken gezielt gegen Funktionsabläufe im Gehirn, die bei einer Depression gestört sind." Abhängig machten andere Psychopharmaka wie Schlaf- oder Beruhigungsmittel, das werde oft nicht unterschieden, dürfe damit aber nicht verwechselt werden.

Antidepressiva sind nicht für den kurzfristigen Einsatz gedacht, vielleicht rührt der Irrglaube daher. Sie wirken nicht sofort, im Gegenteil: Es braucht ein bis zwei Wochen, bis Betroffene erste Verbesserungen bemerken. Tritt eine Verbesserung ein, muss der Patient das Mittel mindestens vier bis sechs Monate einnehmen. Danach müssen Arzt und Patient entscheiden, ob das Medikament weiter eingenommen oder abgesetzt wird - keinesfalls abrupt, sondern langsam. Ärzte nennen das ausschleichen.

6. Antidepressiva verändern die Persönlichkeit

Das ist eine ebenfalls weit verbreitete Angst vieler Menschen: dass Antidepressiva ihre Persönlichkeit verändern und sie ihre Autonomie verlieren. Das stimmt aber nicht. Vielmehr sei es die Depression, die zu schweren Veränderungen im Erleben und Verhalten der Betroffenen führe. "Wenn Menschen mit Antidepressiva behandelt werden, sagen sie oft: 'Jetzt bin ich wieder so, wie ich mich kenne'", sagt Hegerl.

7. Depressive müssen sich mal ausschlafen

Eine Depression wird mit Erschöpfung und einem Gefühl des Ausgebrannt-Seins in Verbindung gebracht. Da liegt es nahe zu denken, Betroffene müssten sich mal richtig erholen, richtig ausschlafen. Wie seltsam mutet es da an, dass in Kliniken ausgerechnet Schlafentzug als wirksame Maßnahme eingesetzt wird.

"Menschen mit einer Depression haben die Sehnsucht, endlich tief zu schlafen und am Morgen erfrischt aufzuwachen", sagt Hegerl. "Deswegen gehen sie früher ins Bett, bleiben länger liegen." Das kann aber ein Teil des Teufelskreises sein, weil sie nicht wirklich zur Ruhe kommen. Erstaunlicherweise bringe Schlafentzug bei 60 Prozent der Patienten abrupte Verbesserungen mit sich, haben zahlreiche Untersuchungen gezeigt. In der Praxis sieht das so aus: Die Patienten gehen entweder gar nicht ins Bett oder werden gegen Mitternacht geweckt und bleiben die Nacht über wach, schauen sich Filme an, unterhalten sich oder spielen Brettspiele. "In den frühen Morgenstunden bemerken sie dann eine Verbesserung, haben wieder Energie", sagt Hegerl. "Das Problem ist jedoch, dass die mit dem nächsten Schlaf wieder zurückkehren." Man kann diese Maßnahme nach einigen Tagen wiederholen, insgesamt zwei- bis drei Mal. Es ist immer nur ein unterstützendes Verfahren.

Der Psychiater empfiehlt seinen Patienten, ein Schlaf-Tagebuch zu führen. Darin trägt man ein: Wie lange war ich im Bett? Wann bin ich aufgestanden? Wie war die Stimmung am Morgen? "Patienten merken dann oft, dass es ihnen morgens schlechter geht, wenn sie länger im Bett waren. Und wenn sie die Kraft dazu haben, können sie gezielt gegensteuern: später ins Bett gehen, früher aufstehen." Vielen Patienten helfe das. Ein mögliche Erklärung dafür ist: "Bei einer Depression ist die innere Anspannung sehr hoch, das Gehirn ist in permanentem Alarmzustand. Schlafentzug und Sport wirken dem entgegen, weil es die schläfrig machenden Prozesse im Gehirn stärkt."


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