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8. Januar 2011, 11:51 Uhr

Skandal um giftige Lebensmittel weitet sich aus

Getestete Legehennen enthalten 2,5 Mal mehr Dioxin als erlaubt. Südkorea stoppt deutsches Schweinefleisch. Großbritannien nimmt eventuell belastete Eiprodukte aus dem Regal. Allein Niedersachsen muss Zehntausende belastete Schweine befürchten.

Erste Dioxin-Tests haben überhöhte Giftwerte in Hühnern ergeben. Auch Zehntausende Schweine dürften nach offiziellen Schätzungen allein in Niedersachsen belastet sein. Das Ausland stoppt bereits deutsche Agrarprodukte. Unterdessen kommen neue Vorwürfe gegen die Futterfett-Firma Harles und Jentzsch auf: Der Verdacht des Betrugs und der Steuerhinterziehung liege nahe, sagte der Sprecher des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums, Gert Hahne.

Nach Informationen des Magazins "Focus" stellten die Behörde erstmals erhöhte Giftwerte in Legehennen fest. Dies gehe aus einem Bericht vom 6. Januar hervor, den die Bundesregierung am Freitag nach Brüssel geschickt habe. Demnach hätten Proben aus dem Fettgewebe dreier Tiere einen Wert von 4,99 Pikogramm Dioxin pro Gramm ergeben. Der erlaubte Höchstwert liege bei 2 Pikogramm.

Aus welchem Betrieb die Hühner stammten, gehe aus dem Bericht nicht hervor. Die Länder hätten nicht öffentlich gewarnt, weil "keine unmittelbare gesundheitliche Beeinträchtigung durch den Verzehr zu erwarten sei", zitiert "Focus" aus dem Bericht des Bundesministeriums für Verbraucherschutz.

Ministeriumssprecher Hahne sagte am Freitagabend, vieles spreche dafür, dass Harles und Jentzsch seine Kunden betrogen und technische Mischfettsäure als teures Futterfett verkauft habe. Für eine Tonne Industriefett habe die Firma bloß 500 Euro erlösen können, für eine Tonne Futterfett hätten die Kunden aber 1000 Euro bezahlt. Hier liege der Verdacht der falschen Rechnungsstellung und somit der Steuerhinterziehung nahe, sagte Hahne dem Bielefelder "Westfalen- Blatt" (Samstag). Ohnehin ermittelt die Justiz gegen das Unternehmen wegen des Verstoßes gegen das Lebensmittel- und Futtermittelgesetz.

Allein Niedersachsen rechnet wegen des Futters mit Zehntausenden dioxinbelasteten Schweinen. Das Land hat vorsorglich insgesamt 3285 Schweine-Betriebe mit einem vorläufigen Handelsverbot belegt. Agrar- Staatssekretär Friedrich-Otto Ripke (CDU) erwartet, dass 95 Prozent dieser Betriebe und deren Fleisch nicht mit erhöhten Dioxin- Grenzwerten belastet seien. Allein die verbleibenden 5 Prozent entsprechen jedoch - rechnerisch - einer Zahl von 164 Betrieben.

Der Fettanteil im Schweinfutter ist deutlich niedriger als im Futter für Legehennen. Die Sperrung sei angeordnet worden, um mögliche Export-Probleme und Sanktionen durch die EU zu verhindern, sagte der Staatssekretär am Freitag in Hannover.

Südkorea blockiert wegen der Krise um dioxinverseuchtes Tierfutter bereits seit Mitte vergangener Woche Schweinefleisch aus Deutschland. Das bestätigte der Sprecher von EU-Verbraucherkommissar John Dalli der Nachrichtenagentur dpa in Brüssel am Samstag. Nach Angaben der "Süddeutschen Zeitung" ist Südkorea das erste Land, das wegen des Skandals ein Importverbot für deutsches Fleisch verhängt.

Unterdessen haben britische Supermärkte Produkte, die von deutschen Dioxin-Eiern verseucht sein könnten, aus dem Regal genommen. Die meisten der Kuchen und Törtchen, die betroffen sein könnten, seien bereits verkauft und vermutlich schon gegessen, teilte die für Ernährung zuständige Behörde Food Standards Agency (FSA) mit. Vorsorglich sollten die Geschäfte auch die wenigen Reste aus dem Verkehr ziehen. Der Dioxin-Gehalt wurde den Angaben zufolge bei der Verarbeitung so weit verdünnt, dass kein Risiko bestehe.

Am Freitag hatte die Slowakei hat wegen der Dioxinfunde ein vorübergehendes Verkaufsverbot für Eier und Geflügelfleisch aus Deutschland verhängt. Zudem ordnete das EU-Land umfangreiche Test auf mögliche Belastungen der importierten Lebensmittel an. Fielen diese negativ aus, könne der Verkauf wieder aufgenommen werden, teilte das Landwirtschaftsministerium in Bratislava mit.

Seit bekanntwurde, dass Dioxin in deutsches Tierfutter gelangte, haben die deutschen Behörden in zahlreichen Betrieben vorsorglich Tiere töten lassen oder den Verkauf untersagt. Die Analyse auf das Gift ist zeitaufwendig. Die Substanz gelangte in Futter für Hühner und Schweine, das an Hunderte Höfe verkauft wurde. Daher könnten in den nächsten Tage weitere positive Befunde folgen.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sieht auf der Grundlage der bisher vorliegenden Untersuchungsergebnisse von Eiern und Geflügelfleisch keine akute Gesundheitsgefahr für Verbraucher - zumindest nicht "durch den einmaligen Verzehr dieser Produkte".

Wegen Dioxin-Verdachts haben die Behörden unter anderem in einem Thüringer Schlachthof rund 6,6 Tonnen Fleisch sichergestellt. Ein Teil davon stamme von Schweinen aus einem Mastbetrieb in Sachsen- Anhalt, wo die Tiere vermutlich dioxinbelastetes Futter erhalten haben, teilte das Gesundheitsministerium am Freitag mit. Aus der gesperrten Schweinemästerei sei ein Tier Anfang der Woche geschlachtet worden, um das Fleisch auf Dioxin-Rückstände zu testen.

Als Konsequenz aus dem Skandal hat der Chef des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen, Gerd Billen, ein schärferes Futtermittelgesetz gefordert. "Was für ein Futtermittel verwendet werden darf, muss klaren, genau definierten Vorgaben unterliegen. Da brauchen wir eine gesetzliche Nachbesserung", sagte Billen der "Rheinischen Post" (Samstagsausgabe). Zudem fehlten in Deutschland Lebensmittelkontrolleure, bemängelte Billen.

Am Montag will Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) Vertreter der Futtermittelbranche, der Landwirtschaftsverbände sowie führende Verbraucherschützer in Berlin treffen. Die Kontrolle der Lebensmittel ist in Deutschland die Sache der Länder.

DPA
 
 
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