Über wenig lässt sich so erbittert streiten wie über Homöopathie. Das zeigen Reaktionen auf Karl Lauterbachs Forderung, sie als Kassenleistung zu verbieten. Warum ist das Thema eigentlich so heikel? Von Nina Weber

Kleine Kugeln, große Aufregung: Homöopathie ist ebenso beliebt wie umstritten© Philipp Guelland/DDP
Karl Lauterbach mosert gern gegen das deutsche Gesundheitssystem. Es bietet ja auch reichlich Angriffsfläche. Nun hat er wegen einer auf den ersten Blick nicht besonders spektakulären Forderung deutlich Gegenwind erhalten. Der SPD-Politiker schlug vor, den gesetzlichen Kassen zu verbieten, homöopathische Behandlungen zu erstatten. Einige Kassen bieten dies an. CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn stimmte ihm - schon ungewöhnlich - zu, in den eigenen Reihen regte sich dagegen sofort Widerspruch.
Klar ist: Als Hebel für Einsparungen eignet sich ein Einschnitt an dieser Stelle kaum. Laut dem Zentralverein homöopathischer Ärzte haben die Krankenkassen im Jahr 2009 rund sieben Millionen Euro für die homöopathische ambulante Versorgung ausgegeben sowie 25 Millionen für entsprechende Arzneien. Zum Vergleich: Die Gesamtausgaben für Arzneimittel beliefen sich auf 28 Milliarden.
Ein Randthema - eigentlich. Trotzdem entbrannte eine heftige Diskussion, auch auf stern.de und Facebook. Warum? Weil es um mehr geht als Lauterbachs steile Forderung.
Die Kassenbeiträge steigen, gleichzeitig werden Leistungen gestrichen. Seit Jahren scheint es so zu gehen. Dass wir bei einer Zweiklassen-Medizin angekommen sind, in der gesetzlich Versicherte länger warten und schneller abgefertigt werden, geben selbst Ärzte zu. Während die Mediziner zu den Spitzenverdienern zählen, wird bei den Leistungen für die Beitragszahler wieder der Rotstift angesetzt. So klingt auch der Vorstoß von Lauterbach. Da ist es nicht erstaunlich, wenn sich viele Bürger ärgern. In welchem anderen Bereich bekommt man für immer mehr Geld immer weniger geboten?
Kalte, unpersönliche Gerätemedizin auf der einen Seite, sympathisch-persönliche Homöopathie auf der anderen. Der Gegensatz wird gerne mal aufgebaut, nicht völlig zu Unrecht. Wer von seinem Hausarzt nach ein bis zwei Minuten Gespräch mit einem Rezept in der Hand vor die Tür gesetzt wird, fühlt sich mit seinem Leiden meist nicht ernst genommen. Mindestens eine Stunde beschäftigt sich dagegen ein entsprechend fortgebildeter Arzt beim ersten Homöopathie-Termin mit seinem Patienten, auch bei Folgeterminen wird nicht mit Zeit gegeizt. Die verschriebenen Mittel versprechen demzufolge, mit allergrößter Sorgfalt für genau diesen Menschen mit seinen ganz eigenen Gesundheitsbeschwerden ausgewählt worden zu sein. Das erklärt sicher einen Teil der Begeisterung für Homöopathie.
Dieser Effekt lässt sich auch bei Ärzten beobachten, die keine Homöopathie anbieten: Sicher kennt jeder die Empfehlung für einen bestimmten Mediziner, weil sich dieser mehr Zeit lässt, auf Fragen antwortet und alles Sachverhalte genau erläutert, anstatt den Patienten mit Fachbegriffen zu überfordern.
Der Zeitmangel der Ärzte ist auch auf einen Fehler im System gegründet: Gesprächszeit lohnt sich für sie aus betriebswirtschaftlicher Sicht nicht. Ein Haus- oder Facharzt kann nur kurze Intervalle abrechnen, die auch noch vergleichsweise schlecht vergütet sind. Arzte, die Homöopathie anbieten, werden durch diese Gesprächstermine sicher auch nicht reich, aber sie können immerhin eine Erstsitzung von mindestens 60 und einige Folgesitzungen mit mindestens 30 Minuten abrechnen.