Der ewige Kügelchen-Streit

16. Juli 2010, 19:46 Uhr

Über wenig lässt sich so erbittert streiten wie über Homöopathie. Das zeigen Reaktionen auf Karl Lauterbachs Forderung, sie als Kassenleistung zu verbieten. Warum ist das Thema eigentlich so heikel? Von Nina Weber

Homöopathie, Karl Lauterbach, homöopathisch, Alternative Medizin, alternative Heilmethode, Krankenkassen, Gesundheitssystem

Kleine Kugeln, große Aufregung: Homöopathie ist ebenso beliebt wie umstritten©

Karl Lauterbach mosert gern gegen das deutsche Gesundheitssystem. Es bietet ja auch reichlich Angriffsfläche. Nun hat er wegen einer auf den ersten Blick nicht besonders spektakulären Forderung deutlich Gegenwind erhalten. Der SPD-Politiker schlug vor, den gesetzlichen Kassen zu verbieten, homöopathische Behandlungen zu erstatten. Einige Kassen bieten dies an. CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn stimmte ihm - schon ungewöhnlich - zu, in den eigenen Reihen regte sich dagegen sofort Widerspruch.

Klar ist: Als Hebel für Einsparungen eignet sich ein Einschnitt an dieser Stelle kaum. Laut dem Zentralverein homöopathischer Ärzte haben die Krankenkassen im Jahr 2009 rund sieben Millionen Euro für die homöopathische ambulante Versorgung ausgegeben sowie 25 Millionen für entsprechende Arzneien. Zum Vergleich: Die Gesamtausgaben für Arzneimittel beliefen sich auf 28 Milliarden.

Ein Randthema - eigentlich. Trotzdem entbrannte eine heftige Diskussion, auch auf stern.de und Facebook. Warum? Weil es um mehr geht als Lauterbachs steile Forderung.

Der Ärger über Lauterbachs Vorschlag spiegelt den Unmut am gesamten Gesundheitssystem wider

Die Kassenbeiträge steigen, gleichzeitig werden Leistungen gestrichen. Seit Jahren scheint es so zu gehen. Dass wir bei einer Zweiklassen-Medizin angekommen sind, in der gesetzlich Versicherte länger warten und schneller abgefertigt werden, geben selbst Ärzte zu. Während die Mediziner zu den Spitzenverdienern zählen, wird bei den Leistungen für die Beitragszahler wieder der Rotstift angesetzt. So klingt auch der Vorstoß von Lauterbach. Da ist es nicht erstaunlich, wenn sich viele Bürger ärgern. In welchem anderen Bereich bekommt man für immer mehr Geld immer weniger geboten?

Es geht ums grundsätzliche Verhältnis zwischen Arzt und Patient

Kalte, unpersönliche Gerätemedizin auf der einen Seite, sympathisch-persönliche Homöopathie auf der anderen. Der Gegensatz wird gerne mal aufgebaut, nicht völlig zu Unrecht. Wer von seinem Hausarzt nach ein bis zwei Minuten Gespräch mit einem Rezept in der Hand vor die Tür gesetzt wird, fühlt sich mit seinem Leiden meist nicht ernst genommen. Mindestens eine Stunde beschäftigt sich dagegen ein entsprechend fortgebildeter Arzt beim ersten Homöopathie-Termin mit seinem Patienten, auch bei Folgeterminen wird nicht mit Zeit gegeizt. Die verschriebenen Mittel versprechen demzufolge, mit allergrößter Sorgfalt für genau diesen Menschen mit seinen ganz eigenen Gesundheitsbeschwerden ausgewählt worden zu sein. Das erklärt sicher einen Teil der Begeisterung für Homöopathie.

Dieser Effekt lässt sich auch bei Ärzten beobachten, die keine Homöopathie anbieten: Sicher kennt jeder die Empfehlung für einen bestimmten Mediziner, weil sich dieser mehr Zeit lässt, auf Fragen antwortet und alles Sachverhalte genau erläutert, anstatt den Patienten mit Fachbegriffen zu überfordern.

Der Zeitmangel der Ärzte ist auch auf einen Fehler im System gegründet: Gesprächszeit lohnt sich für sie aus betriebswirtschaftlicher Sicht nicht. Ein Haus- oder Facharzt kann nur kurze Intervalle abrechnen, die auch noch vergleichsweise schlecht vergütet sind. Arzte, die Homöopathie anbieten, werden durch diese Gesprächstermine sicher auch nicht reich, aber sie können immerhin eine Erstsitzung von mindestens 60 und einige Folgesitzungen mit mindestens 30 Minuten abrechnen.

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KOMMENTARE (10 von 33)
 
G.W.B. (19.07.2010, 17:03 Uhr)
Gefährliche Homöopathen
Homöopathie ist Humbuk.

Aber Homöopathen sind eine große Gefahr: Denn sie versuchen, ihre (garantiert unwirksamen) Mittelchen an Patienten, die dringend in die Hand von erfahrenen Ärzten gehören.

Ein Beispiel findet man leicht mit Google unter dem Stichwort

?Homöopathische Reiseapotheke ( 60 Mittel)?

im Internet:

Hier nur eine Kostprobe:

Arnica C 200 hilft bei Schädel-Hirn-Traumen, Schlaganfall und Herzbeschwerden ? und bei Hypertonie . . .

Bryonia C 200 bei Akuter Lungenentzündung oder Rippenfell,
Gallenblasenentzündung und Blinddarmentzündung . . .

Phosphorus C200 + C 1000 bei hellroten Blutungen aus allen Körperöffnungen, einschließlich des Bluthustens und Bluterbrechens,
Akuter Leberentzündung . . .
. . .
und was hilft gegen solche Homöopathen?
Parvis (19.07.2010, 16:32 Uhr)
@Stern007
Könnte es sein, dass sie hier Homöopathie mit Naturheilkunde verwechseln? Arnika wird, durchaus mit Erfolg, in der Phytotherapie eingesetzt. Allerdings können sehr wohl Nebenwirkungen, je nach der Dosis und der Verabreichungsart bis zum Herzstillstand, eintreten.
Elysia (19.07.2010, 15:44 Uhr)
Zwei verschiedene paar Schuhe
@stern007

Was Sie meinen ist Naturheilkunde. Es ist unbestritten, dass da einiges hilft, z. B. auch Johanniskraut bei leichten Depressionen. Homöopathie ist etwas ganz anderes und beruht auf mystischen Zubereitungsverfahren, hier ist keine Wikrung empirisch bewiesen.
horst.pachulke (19.07.2010, 14:15 Uhr)
Zusatz zu "Homöopathie"
Die wirkliche Gefahr von wirkungslosen Mitteln im Katalog der "Schulmedizin" wäre natürlich, dass es "Kandidaten" gibt, die mit der Begründung "Ich merk jetzt gar keine Wirkung - is eh nur ein Placebo" die "echten" Mittel nicht mehr nehmen...
horst.pachulke (19.07.2010, 14:11 Uhr)
Homöopathie
ist wenigstens eine Methode, zuverlässig einen Placebo-Effekt zu generieren: Für den Placebo-Effekt benötigt es schließlich eine "Cover-Story", die erklärt, weshalb das verschriebene Mittelchen denn wirken soll.

Einfach Zuckerpillen im Rahmen der "normalen" Medizin verschreiben könnte aus zwei Überlegungen Schwierigkeiten bedingen. Zum Einen würde sich herumsprechen, welche Mittel gegen Herzklappenverrostung (rechtsseitig) sind und welche für die "echten" Herzinfarktkandidaten sind; also würden die Zuckerkügelchen nicht mehr wirken.
Zum Anderen wäre allein das weithin bekannte Vorhandensein von wirkungslosen, meinetwegen wuderbar-wirksam bitter schmeckenden Präparaten im Katalog der mögliche Auslöser für das Gegenteil des Placebo-Effektes. So hat auch die Einnahme eines nur vermeintlich Schäden verursachenden eventuell einen Nocebo-Effekt: Es treten dann tatsächlich Nebenwirkungen auf - die es in der Homöopathie laut Philosophie ja so gar nicht gibt.

Menschen, die so "aufgeklärt" sind, dass sie an Homöopathie rein gar nicht glauben können, sind einfach nur arm dran. Ihnen fehlt eine Möglichkeit körpereigene Kräfte zu mobilisieren - weil sie dafür viel zu vernünftig sind. Ferner fehlt ihnen die Möglichkeit - einen guten Homöopathen vorausgesetzt - die tatsächlich ernstzunehmenden Symptome, die im Alltag einfach untergehen und ignoriert werden, im Gespräch herauszufinden, differentialdiagnostisch abzuklären sowie gegebenenfalls "schulmedizinisch" behandeln zu lassen.
Parvis (19.07.2010, 12:23 Uhr)
gazerbeam (19.07.2010, 09:09 Uhr)
'Das Homöopathie bei Tieren hilft, ist unbestritten. Tiere kennen keinen Placebo-Effekt, '
Wie kommen sie auf diesen schmalen Grat?

Ich wiederhole: Auch bei Tieren läßt sich der Placeboeffekt nachweisen, siehe z.b. 'R. Ader und N. Cohen: Behaviorally conditioned immunosuppression. In: Psychosom Med 37, 1975, S. 333?340.'
Übrigens, Tierhomöopathische Mittel werden bis D6 potenziert. Dort sind die Stoffe nachweisbar!
Stern007 (19.07.2010, 11:33 Uhr)
Erfahrungen
also ich habe ein wenig Erfahrungen mit der Homöopathie! Und ich muss sagen, ganz objektiv, sie hilft! Ich bin aber auch der Ansicht, sie sollte die Schulmedizin unterstützen. Leider sind die Homöopathen oft ideeologisch vernebelt und zum Teil führt das zu gefährlichen Behandlungen (bzw. nicht Behandlung durch Schulmedizin!)
Bei leichtne Verletzungen z.B. hilft Arnika hervorragend!! Sollte mal wirklich jeder selber versuchen. (es ist kein witz: stößt man sich udn es würde eine schmerzhafte Beule kommen, verhindert Arnika dies, es gibt nichtmal einen blauen Fleck. Über die Kinder bin ich an diese Art der HP gekommen). Aber auch bei Kopfschmerzen, Übelkeit, udn auch einem "Kater" am nächsten Morgen hilft die HP. Auch sehr viel Erfolg hat man bei Hautproblemen!
Es ist also kein Teufelszeug, aber auch nicht das Allheilmittel und es sollte auch nicht gegen die Schulmedizin konkurrieren! Leider sehen das die HP oft anders, da wird behauptet, wenn man die "klassische Medizin" einnimmt, hilt die HP nicht mehr!
Ich kann jedem nur Empfehlen es mal auszuprobieren, schaden kann es ja nicht! Und schon unsere Großeltern haben z.B. Arnika zur Heilung verwendet! Oder wenn man Magenprobleme hat, einen Kammilentee trinken, das ist nicths weiter als HP!
Datenaktuell (19.07.2010, 10:54 Uhr)
Mäusekost und 10* schwarzer Kater
Warum soll sowas nicht wirken wenn man nur lange schüttelr statt rührt und eine D007 Bond Mischung den Patienten gibt ?!
Natürlich sollte jeder Vertrauen zu einem Hausarzt haben die 'dieses D123 Produkt half schon einer befreundeten Vooddo-Priesterin bei gleicher Krankheit' verkündet.
Pharma, Antibiotika, Impfung, Intensivmedizin was ist das gegen einen guten Schüttelreim beim Homöopathen ?

Wer sich auch noch einzelne Untersuchungen mit zufällig pistiven Ausgang bei Wirkstudien zu Homöopathie zieht kann gleich 'Dank Homöopathie mehr Vollmond' verkünden.
Homöopathie vertreibt geweihtes D123 Wässerchen was prima zur religiöse Tradition paßt. Wobei ich den Pott in der Kirche und 'Ave Marie' doch für effizienter erachte. Und dafür hat man eh schon Kirchensteuer bezahlt.
martineden (19.07.2010, 10:34 Uhr)
Humbug
Wer tausendfach überteuertes geschütteltes Wasser oder Zuckerkügelchen will, soll sie sich selbst kaufen. Die Anrufe bei der Astro-Hotline zahlt ja auch nicht die Kasse.
OneSizeFitsAll (19.07.2010, 10:14 Uhr)
@admins
Was geht denn heute ab hier?
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