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Der ewige Kügelchen-Streit

Über wenig lässt sich so erbittert streiten wie über Homöopathie. Das zeigen Reaktionen auf Karl Lauterbachs Forderung, sie als Kassenleistung zu verbieten. Warum ist das Thema eigentlich so heikel?

Von Nina Weber

  • Nina Weber

Karl Lauterbach mosert gern gegen das deutsche Gesundheitssystem. Es bietet ja auch reichlich Angriffsfläche. Nun hat er wegen einer auf den ersten Blick nicht besonders spektakulären Forderung deutlich Gegenwind erhalten. Der SPD-Politiker schlug vor, den gesetzlichen Kassen zu verbieten, homöopathische Behandlungen zu erstatten. Einige Kassen bieten dies an. CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn stimmte ihm - schon ungewöhnlich - zu, in den eigenen Reihen regte sich dagegen sofort Widerspruch.

Klar ist: Als Hebel für Einsparungen eignet sich ein Einschnitt an dieser Stelle kaum. Laut dem Zentralverein homöopathischer Ärzte haben die Krankenkassen im Jahr 2009 rund sieben Millionen Euro für die homöopathische ambulante Versorgung ausgegeben sowie 25 Millionen für entsprechende Arzneien. Zum Vergleich: Die Gesamtausgaben für Arzneimittel beliefen sich auf 28 Milliarden.

Ein Randthema - eigentlich. Trotzdem entbrannte eine heftige Diskussion, auch auf stern.de und Facebook. Warum? Weil es um mehr geht als Lauterbachs steile Forderung.

Der Ärger über Lauterbachs Vorschlag spiegelt den Unmut am gesamten Gesundheitssystem wider

Die Kassenbeiträge steigen, gleichzeitig werden Leistungen gestrichen. Seit Jahren scheint es so zu gehen. Dass wir bei einer Zweiklassen-Medizin angekommen sind, in der gesetzlich Versicherte länger warten und schneller abgefertigt werden, geben selbst Ärzte zu. Während die Mediziner zu den Spitzenverdienern zählen, wird bei den Leistungen für die Beitragszahler wieder der Rotstift angesetzt. So klingt auch der Vorstoß von Lauterbach. Da ist es nicht erstaunlich, wenn sich viele Bürger ärgern. In welchem anderen Bereich bekommt man für immer mehr Geld immer weniger geboten?

Es geht ums grundsätzliche Verhältnis zwischen Arzt und Patient

Kalte, unpersönliche Gerätemedizin auf der einen Seite, sympathisch-persönliche Homöopathie auf der anderen. Der Gegensatz wird gerne mal aufgebaut, nicht völlig zu Unrecht. Wer von seinem Hausarzt nach ein bis zwei Minuten Gespräch mit einem Rezept in der Hand vor die Tür gesetzt wird, fühlt sich mit seinem Leiden meist nicht ernst genommen. Mindestens eine Stunde beschäftigt sich dagegen ein entsprechend fortgebildeter Arzt beim ersten Homöopathie-Termin mit seinem Patienten, auch bei Folgeterminen wird nicht mit Zeit gegeizt. Die verschriebenen Mittel versprechen demzufolge, mit allergrößter Sorgfalt für genau diesen Menschen mit seinen ganz eigenen Gesundheitsbeschwerden ausgewählt worden zu sein. Das erklärt sicher einen Teil der Begeisterung für Homöopathie.

Dieser Effekt lässt sich auch bei Ärzten beobachten, die keine Homöopathie anbieten: Sicher kennt jeder die Empfehlung für einen bestimmten Mediziner, weil sich dieser mehr Zeit lässt, auf Fragen antwortet und alles Sachverhalte genau erläutert, anstatt den Patienten mit Fachbegriffen zu überfordern.

Der Zeitmangel der Ärzte ist auch auf einen Fehler im System gegründet: Gesprächszeit lohnt sich für sie aus betriebswirtschaftlicher Sicht nicht. Ein Haus- oder Facharzt kann nur kurze Intervalle abrechnen, die auch noch vergleichsweise schlecht vergütet sind. Arzte, die Homöopathie anbieten, werden durch diese Gesprächstermine sicher auch nicht reich, aber sie können immerhin eine Erstsitzung von mindestens 60 und einige Folgesitzungen mit mindestens 30 Minuten abrechnen.

Es geht ums Misstrauen gegenüber der Pharmaindustrie

Das richtig große Geld wird auf dem Arzneimittelmarkt mit neuen Medikamenten gemacht. Dementsprechend setzen die Pharmakonzerne auf ihre neuen Blockbuster. Einzelne Präparate, mit denen pro Jahr dreistellige Millionen- oder sogar Milliardenbeträge umgesetzt werden. So manches dieser Mittel ist umstritten, weil es eventuell nicht besser wirkt als ältere, günstigere Präparate oder mehr Nebenwirkungen hat. Einige aktuelle Beispiele: das Diabetes-Medikament Avandia oder der Cholesterinsenker Inegy.

Es ist legitim, an den guten Absichten der Pharmaunternehmen zu zweifeln. Homöopathischen Unternehmen haftet dieser schlechte Ruf nicht an. Die großen Spieler in Deutschland sind Mittelständler, keine Weltkonzerne. Denen geht es natürlich auch um ihre Jahresbilanz, aber sie erhaschen leicht einen Vertrauensbonus. Ob das gerechtfertigt ist, steht auf einem anderen Blatt.

Es prallen Wissenschaft und Lebenswelt aufeinander

Darüber zu streiten, ob homöopathische Mittel wirken oder nicht, ist eigentlich müßig. Wissenschaftliche Studien kommen zum Ergebnis, dass sie nicht besser wirken als Placebos. Trotzdem finden sich zahlreiche Menschen, die felsenfest behaupten, dass ihnen oder ihren Kindern diese Form der Alternativmedizin geholfen hat. Beide Seiten haben Recht.

Dass Homöopathie nicht besser wirkt als ein Placebo, ist schlicht erwartbar, schließlich enthalten die Mittel im Prinzip das gleiche. Während es sich bei Placebos um Zuckerkügelchen oder Flüssigkeiten ohne einen Wirkstoff handelt, wurde bei den homöopathischen Präparaten ein anfangs enthaltener Wirkstoff so weit herunter verdünnt, dass im Kügelchen - Globuli genannt - oder der Flüssigkeit praktisch kein Molekül davon zu finden ist.

Allerdings kommt hier eine der faszinierendsten Tatsachen der Medizin ins Spiel: Placebos wirken. Daher müssen auch neue Mittel in Studien beweisen, dass sie mehr ausrichten als die Scheinmedikamente. Denn allein das Einnehmen eines Placebos sorgt manchmal dafür, dass sich das Befinden verbessert. Die Beratung eines Arztes unterstützt den Effekt. Es ist also gut möglich, dass ein Patient, der enttäuscht von der Schulmedizin beim homöopathischen Arzt landet und sich dort endlich aufgehoben fühlt, auch gesundet. Das widerlegt nicht den Stand der Wissenschaft, wirkt sich aber sehr wohl auf die Einstellung des Einzelnen zur Homöopathie aus.

Das Thema polarisiert zwangsweise

Gut jeder zweite erwachsene Deutsche hat schon ein homöopathisches Mittel eingenommen. Die Methode ist so bekannt, dass praktisch jeder eine Meinung dazu hat. Und während insbesondere Naturwissenschaftler über der Unsinnigkeit der Homöopathie klagen, berichten eben andere aus persönlicher Sicht von ihren Erfolgen. Gern kombiniert mit dem Ausspruch "Wer heilt, hat recht".

Gegner der alternativen Heilmethode fürchten, dass deren Anhänger auch bei schweren Leiden nicht mehr auf die Schulmedizin zurückgreifen. Tatsächlich gibt es dramatische Fälle, etwa den des Ehepaares Sam, deren Tochter im Alter von neun Monaten mit einem schweren Ekzem starb, nachdem sie sie fünf Monate lang nur homöopathisch behandelt hatten.

Die Fronten in diesem Streit werden nicht aufweichen. Selbst die beste Studie hat Mängel, das liegt im System der Wissenschaft. Und so kann jede Metaanalyse, die der Homöopathie die Wirksamkeit abspricht, zerredet werden, zumal, wenn man mutwillig vorgeht. Einen Beweis bleibt die Homöopathie der Wissenschaft aber schuldig. Die Gefahr, die eine völlige Abkehr von der Schulmedizin mit sich bringt, existiert auch. Und schlußendlich darf man sich darüber echauffieren, dass die Krankenkassen Behandlungen zahlen, deren Wirksamkeit jenseits des Placebo-Effekts nicht erwiesen ist. Also wird weiter gestritten.

Bedacht werden sollte dabei allerdings, dass unser Gesundheitssystem insgesamt vor größeren Problemen steht als dieser Streitfrage. Da wird auch Herr Lauterbach zustimmen.

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