Startseite

Behindertenbeauftragter fordert Verbot der neuen Bluttests

Mit ein paar Tropfen Blut sollen werdende Eltern künftig Klarheit erhalten, ob ihr Kind das Down-Syndrom hat. Zugleich befeuert der sogenannte PraenaTest aber auch die alte Debatte über die vorgeburtliche Diagnostik. Der Bundesbeauftragte für die Belange behinderter Menschen fordert ein Verbot.

  Eine Mutter hält ihr Kind mit Down-Syndrom in Tirana, Albanien bei einer Feier zum Welt-Down-Syndrom-Tag

Eine Mutter hält ihr Kind mit Down-Syndrom in Tirana, Albanien bei einer Feier zum Welt-Down-Syndrom-Tag

Der Bundesbeauftragte für die Belange behinderter Menschen, Hubert Hüppe, hat die Bundesländer zum Verbot eines neuen Schwangerschafts-Bluttests auf das Down-Syndrom (Trisomie 21) aufgerufen. "Ich halte den Test für illegal", sagte Hüppe am Donnerstag in Berlin. Ein in Auftrag gegebenes Rechtsgutachten bestätige, dass er kein zulässiges Diagnosemittel nach dem Gendiagnostikgesetz sei. Der Test sei nicht nur "im hohen Maße diskriminierend", sondern diene einzig und allein "der Selektion von Menschen mit Down-Syndrom", kritisiert Hüppe. Zudem handele es sich bei dem sogenannten PraenaTest um ein nicht verkehrsfähiges Medizinprodukt, da es die Sicherheit und Gesundheit der Ungeborenen gezielt gefährde. Der Chromosomen-Fehler Trisomie 21 führt in der Regel zu geistigen Behinderungen und körperlichen Auffälligkeiten.

Der Test des Konstanzer Unternehmens "LifeCodexx" soll im Juli auf den Markt kommen. Im Gegensatz zu früher genügt bei dem neuen Test allein das Blut der Mutter anstelle einer riskanten Fruchtwasseruntersuchung. Das Verfahren, dessen Entwicklung vom Bund mit rund 230.000 Euro gefördert wurde, soll zunächst in rund 20 Praxen und Pränatalzentren in Deutschland angeboten werden und rund 1250 Euro kosten, wie Elke Decker, Sprecherin von LifeCodexx, ankündigt. Die Summe müssen die Frauen selbst zahlen.

Der PraenaTest ist für Frauen ab der zwölften Schwangerschaftswoche gedacht, bei denen ein erhöhtes Risiko für Chromosomenveränderungen beim Embryo besteht. Zudem müssen sich die Frauen gemäß Gendiagnostikgesetz von einem qualifizierten Arzt beraten und aufklären lassen. Der Test kommt zum Beispiel in Frage, wenn es beim Ersttrimester-Screening einen auffälligen Befund gibt. Bislang erfolgt meist eine Fruchtwasseruntersuchung oder eine Punktion des Mutterkuchens - der Eingriff durch die Bauchdecke kann allerdings zur Fehlgeburt führen. Laut der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) verlieren etwa zehn von 1000 Frauen infolge des Eingriffs ihr gesundes Kind.

Was tun bei positiver Diagnose?

LifeCodexx schätzt, dass der neue Test jährlich 600 bis 700 Kinder in Deutschland "vor den tödlichen Folgen eines invasiven Eingriffs" bewahren kann. Bestätigt sich allerdings der Verdacht auf eine Trisomie 21, dann steht die Frau immer noch vor der Frage, ob sie ein behindertes Kind zur Welt bringen will. Schon heute werden etwa 90 Prozent aller ungeborenen Kinder mit Trisomie 21 abgetrieben.

Die Bundesvereinigung Lebenshilfe und Down-Syndrom-Organisationen in Deutschland kritisieren, der Tests stelle das Lebensrecht von Menschen mit Down-Syndrom in Frage. Die DGGG sieht in dem Test indes "keinen ethischen Dammbruch", auch sei keine sprunghafte Zunahme von Schwangerschaftskonflikten zu befürchten. Auch Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery befürwortet den Bluttest. Im Kern der Debatte geht es nach seiner Meinung auch nicht um den neuen Test, sondern vielmehr "um die Pränatal-Diagnostik und ihre Konsequenzen insgesamt". Mit den vielen offenen Fragen rund um die Gendiagnostik befasst sich derzeit der Deutsche Ethikrat, der im Auftrag der Bundesregierung dazu eine Stellungnahme erarbeiten soll.

Eins von 700 Kindern hat das Down-Syndrom

Das Down-Syndrom geht auf einen Fehler im Erbgut zurück: Betroffene haben einen Erbgutabschnitt, ein sogenanntes Chromosom, zu viel. Das Chromosom 21 liegt bei ihnen nicht wie im Normalfall zweifach, sondern dreifach vor. Daher kommt auch die Bezeichnung Trisomie (Verdreifachung) 21. Auf annähernd 700 Geburten kommt nach Angaben des Arbeitskreises Down-Syndrom durchschnittlich ein Kind mit Trisomie 21. Mit höherem Alter der Eltern steigt die Wahrscheinlichkeit, ein Kind mit Down-Syndrom zu bekommen. Derzeit leben in Deutschland rund 50.000 Menschen mit dem Syndrom.

Charakteristisch sind körperliche Auffälligkeiten und eine verminderte Intelligenz. Typische organische Probleme sind Herzfehler, die Anfälligkeit für Infekte und Schwerhörigkeit. Wissenschaftlich beschrieben wurden die Besonderheiten von Menschen mit Trisomie 21 erstmals vom englischen Neurologen John Langdon-Down (1828-1896) im Jahr 1866.

jwi/DPA/AFP/DPA
täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools