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Die Panik ist gefährlicher als das Virus!

Hunderte deutsche Helfer arbeiten demnächst in Ebola-Risikogebieten. Allein die Panik vor den Rückkehrern könnte unsere Notfallsysteme rasch kollabieren lassen.

Von Bernhard Albrecht

Die Sonderisolierstation im Klinikum München Schwabing: Hier sollen Ebola-Patienten behandelt werden.

Die Sonderisolierstation im Klinikum München Schwabing: Hier sollen Ebola-Patienten behandelt werden.

Am vergangenen Freitag war es soweit: Die ersten Freiwilligen der Bundeswehr sind in Liberias Hauptstadt Monrovia eingetroffen – dem Hotspot der Ebola-Epidemie. Zusammen mit Mitarbeitern des Deutschen Roten Kreuzes wollen sie eine Klinik für 100 Infizierte in Betrieb nehmen. Bald werden wohl mehrere hundert Deutsche in der Ebola-Region arbeiten.

Und wahrscheinlich werden nicht alle gesund nach Hause zurückkehren. Ein Prozent der Helfer könnte sich trotz aller Sicherheitsmaßnahmen mit dem Virus infizieren, schätzt der Arbeitskreis für hochansteckende Infektionskrankheiten des Robert Koch-Instituts. Schon im Verdachtsfall sollen Deutsche ausgeflogen werden – auch dann, wenn sie nur Kontakt mit den Körperflüssigkeiten Ebola-Kranker hatten. Wenn sie später Symptome wie Fieber entwickeln, müssen sie in einer Sonderisolierstation unter Quarantäne gestellt werden. Dafür hält Deutschland 47 Betten an sieben Standorten bereit, mehr als irgendein anderes Land. Sind wir also bestens gerüstet?

Das sagt: ja. Zwar könnten aus Kapazitätsgründen nur 25 bis 30 Kranke gleichzeitig versorgt werden, erklärte die zuständige Schutzkommission vergangene Woche. Aber eine Epidemie wie in Westafrika sei nahezu auszuschließen. Das stimmt. Und doch gibt es Anlass zur Sorge.

Fehlalarm durch den Hausarzt

Beispiel Klinikum München Schwabing: Zwei Betten in einem Raum hat die Sonderisolierstation. Dort könnten infizierte Rückkehrer behandelt werden, erklärt der Chefarzt Clemens Wendtner, darüber hinaus dienten sie dem Bevölkerungsschutz. Vor einigen Wochen probte die Klinik unfreiwillig den Ernstfall. Ein Hausarzt aus dem bayerischen löste ihn aus. In seine Sprechstunde kam ein Mitarbeiter der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen", der aus Afrika zurückgekehrt war und Fieber hatte. Der Doktor wich zurück und informierte das Gesundheitsamt – Ebolaalarm: Drei Klinik-Teams, bestehend aus je zwei Pflegekräften und Facharzt, standen für diesen Fall seit Monaten bereit.

Team eins sollte im isolierten Rettungswagen nach Kaufbeuren fahren. Team zwei bereitete die Station vor. Es beschaffte Apparate aus anderen Abteilungen, die dort eigentlich gebraucht wurden – unter anderem ein Dialysegerät für Nierenkranke, Wert 100.000 Euro, das nach Behandlung eines Ebola-Patienten als Sondermüll entsorgt werden müsste. Das Belüftungssystem braucht drei Stunden, um den Unterdruck aufzubauen, der verhindern soll, dass die Viren durch Schleusen und Türen nach außen dringen. Team drei machte sich bereit für den ersten Einsatz in der "roten Zone", also im Behandlungsraum.

Allerdings: Niemand hatte überprüft, ob der Ebola-Verdacht plausibel war. Der Hausarzt hatte zu schnell Alarm geschlagen. Erst der Facharzt von Team eins stellte dem Patienten im Rettungswagen über das Handy einige gezielte Fragen. Dann war klar: Der Mann konnte unmöglich haben. Sein Einsatz lag länger als 21 Tage zurück, und er hatte nie Kontakt mit Ebola-Patienten gehabt. Ein Fehlalarm.

Warum sollte uns das beunruhigen? Zeigt der Fall doch, dass auch Hausärzte die Gefahr im Blick haben. Alles gut also?

Nein, denn dieser Fall verdeutlicht etwas anderes: Die panische Angst vor Ebola kann schnell auch das beste System lähmen und kollabieren lassen. Aus einem harmlosen Verdachtsfall hätte schnell ein kaum noch zu bewältigender Ernstfall werden können – erst recht, wenn demnächst infizierte Bundeswehrsoldaten in den Isolierstationen liegen.

Hysterische Reaktionen bei Freunden

"Wohin soll dann ein Verdachtsfall wie der aus Kaufbeuren?", fragt Wendtner. Würde man ihn auch auf die Isolierstation bringen, würde er sich möglicherweise an seinem Zimmergenossen mit Ebola infizieren. Er müsste in ein anderes Bundesland, was dort schnell zu neuen Engpässen führen würde. Dieses für Experten nicht unwahrscheinliche Szenario zeigt, wie schnell sogar in Deutschland das Notfallsystem überlastet sein könnte.

Schon jetzt gibt es viele Verdachtsfälle. Vorzugsweise nachts rufen die Notaufnahmen der Krankenhäuser derzeit die Behörden zu Hilfe, weil sich beispielsweise ein Patient mit schwarzer Hautfarbe auf dem Flur übergeben hat, berichtete kürzlich der Leiter des Frankfurter Gesundheitsamts , der zuständig ist für die Bundesländer Hessen und Rheinland-Pfalz. Eine Deutsche, die nach einem Afrika-Aufenthalt weit entfernt von den Ebola-Risikogebieten Fieber bekam, wurde von einem großen Krankenhaus abgewiesen. "Man muss sich nur vorstellen, sie hätte eine schwer verlaufende Malaria gehabt und wäre gestorben – die Klinik wäre verantwortlich gewesen", so Gottschalk.

Rückkehrer aus den Ebola-Gebieten berichten von teils hysterischen Reaktionen im persönlichen Umfeld. Die Mitbewohnerin einer Journalistin etwa zog für mehrere Wochen aus der gemeinsamen Wohnung aus und ließ sie per SMS wissen: "Hat nichts mit dir zu tun." Und der Ebola-Beauftragte der Bundesregierung, Walter Lindner, sprach im "Tagesspiegel" nach seiner Westafrika-Reise über eigene irrationale Ängste: "Diese Selbstbeschau des Körpers. Man wacht auf und fragt sich: Habe ich jetzt nicht Kopfweh, ist mir nicht heiß?"

Die Ebola-Panik grassiert bundesweit. Bisher konnten die Verdachtsfälle immer schnell entkräftet werden. Ein Glück. Aber das psychosoziale Immunsystem der Deutschen ist schon jetzt im Ausnahmezustand. Und es hat längst auf die Mitarbeiter des Gesundheitssystems übergegriffen. Die Ärzte, Schwestern und Pfleger in Deutschland brauchen nur noch den einen Fall, der unkontrollierbar erscheint. Ein Ebola-Infizierter, der tags zuvor in einer Berliner U-Bahn gestanden oder Haut an Haut auf einer Party im Kölner Karneval getanzt hat, und schon sieht alles anders aus. Wir sind genau drei Ernstfälle entfernt von einem Panikausbruch wie kürzlich in New York.

Die deutsche Epidemie: Ebola-Panik

Die Gefahr, dass sich in Deutschland viele Menschen mit Ebola infizieren, ist verschwindend gering. Auch Nigeria konnte die aufkeimende Epidemie eindämmen. Die wahre Epidemie aber, die uns droht, ist eine sich wie ein Lauffeuer ausbreitende Ebola-Panik.

Politiker und Gesundheitswächter müssen neue Wege finden, um ihr zu begegnen. Der Präsident des Robert Koch-Instituts, Reinhard Burger, weist auf die Website seines Instituts hin, die alle Informationen vorhalte, um die realen Risiken für die eigene Gesundheit besser einschätzen zu können. "Ärzte und Pflegekräfte sind verpflichtet, sich damit auseinanderzusetzen", sagt er. So könnten Fehlalarme und Panikmache vermieden werden.

Vielleicht aber reicht es nicht, auf die Vernunft zu vertrauen. Vielleicht sollten Ärztekammern, kassenärztliche Vereinigungen und große Krankenhäuser für ihre Mitarbeiter Pflicht-Weiterbildungen zu Ebola anbieten. Damit wenigstens diejenigen, die uns schützen sollen, einen kühlen Kopf bewahren.

Immerhin: Die WHO meldete kürzlich einen deutlichen Rückgang der Ebola-Toten in Monrovia. Hoffen wir also, dass dies ein erstes Zeichen ist, dass sich alles zum Guten wendet – noch bevor das Panik-Virus hierzulande um sich greifen kann.

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