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Das globale Versagen

Seit einem halben Jahr wütet das Ebola-Virus in Westafrika. Mit hunderttausenden Fällen muss inzwischen gerechnet werden, weil die frühen Hilferufe im Rest der Welt kaum jemanden interessierten.

Ein Kommentar von Frank Ochmann

  Helfer in Schutzanzügen tragen einen Toten davon. In Liberia wütet das Ebola-Virus besonders schlimm.

Helfer in Schutzanzügen tragen einen Toten davon. In Liberia wütet das Ebola-Virus besonders schlimm.

Als die Weltgesundheitsorganisation (WHO) kürzlich wieder einmal Zahlen aus dem Infektionsgebiet in Westafrika bekannt gab, war von deren Ausmaß niemand mehr überrascht. Mehr als 3000 Tote, etwa 6500 Infektionsfälle waren insgesamt gezählt worden. Doch dürfte das wahre Elend weitaus größer sein. Mit zwei bis vier Mal so vielen Opfern ist zu rechnen, lehrt die Erfahrung der WHO bei solchen Ausbrüchen. Der Überblick aber ist längst verloren gegangen, von der Kontrolle ganz zu schweigen.

Schon im Februar war in Guinea der erste Patient mit einem "viralen hämorrhagischen Fiebers" aufgetaucht. Mindestens 35 Ebola-Fälle waren es dann schon, als der für Notsituationen zuständige Mediziner im Gesundheitsministerium von Guinea an die Öffentlichkeit ging: "Diese Krankheit schlägt zu wie der Blitz", warnte Sakoba Keita am 19. März. Aber dieses virale Gewitter schien von weitem wie ein harmloses Wetterleuchten. Jenseits von Afrika interessierte es keinen wirklich, zuckten die Blitze doch über einer Region, die für alles bekannt ist, nur nicht für gute Nachrichten. Die Welt war im Übrigen beschäftigt – mit Putin und der Ukraine, mit Israel und Gaza, mit dem IS und der irakisch-syrischen Hölle auf Erden.

Ebola ist ein Spiegel

Viren wie Ebola allerdings pfeifen darauf, welcher Irrsinn Menschen gerade umtreibt. Zum Ausbruch aus einem ihrer sicheren Reservoirs lassen sie sich keine Gelegenheit entgehen. Aber die Menschen da unten sind ja auch selbst schuld, heißt es dann oft bei uns. Wer Fledermäuse und Affenhirne verzehre, müsse sich doch nicht wundern. Doch sind Kalbsbries und Schnecken eine kulinarische Selbstverständlichkeit?

Die Menschen im Epidemiegebiet wären zudem, was die Medizin angeht, sehr unverständig, heißt es weiter. Sie hätten mehr Angst vor Ärzten und Quarantäne als vor einer Ansteckung. Doch sind die Einwohner von Guinea, Liberia oder Sierra Leone kulturell zurückgeblieben, weil sie kranke Angehörige nicht allein ihrem Schicksal überlassen, weil sie überfüllte Isolierstationen meiden und ihre Toten nicht ohne den gebotenen Respekt unter die Erde bringen wollen? Wer wie wir aus einer Gesellschaft kommt, in der Grippe mit einem Schnupfen gleichgesetzt wird, Masern oder Keuchhusten als Kinderkrankheiten gelten und Impfungen unter Generalverdacht stehen, sollte sich mit Kritik am medizinischen Bildungsstand in Afrika jedenfalls besser zurückhalten.

Ebola ist ein Virus, eine Seuche. Ebola ist aber auch ein Spiegel. Selbst als die WHO Anfang August von einer weltweiten Bedrohungslage sprach, mit der auch ihre Experten ganz offensichtlich nicht gerechnet hatten, waren die Reaktionen weltweit verhalten. Da hatten die USA zwar schon mit großem Tamtam samt eisgekühltem Wunderserum zwei infizierte Helfer in die Heimat ausgeflogen, während einheimische Ebola-Kranke in Notkliniken nicht genug zu essen hatten und um Wasser bettelten.

Doch als Präsident Barack Obama endlich auch militärische Hilfe ankündigte, meinte er zunächst ein 25-Betten-Feldlazarett zur Versorgung ausländischer Helfer, die sich – wie natürlich ihre einheimischen Kollegen auch – unter den unzureichenden Quarantänebedingungen vor Ort gleich reihenweise anstecken. In über der Hälfte der Fälle sterben sie dann mit ihren Patienten. Erst als die Kritik an den enttäuschenden Washingtoner Plänen auch intern heftig wurde, kam es zur Aufstockung der Hilfe. Und allmählich erwachten da auch die Verantwortlichen in Berlin.

Eine "menschliche Welt"?

Dass jetzt auch bei uns staatlicherseits Freiwillige gesucht werden, ist richtig, auch wenn dabei Regierungsmitglieder wie Ursula von der Leyen und Hermann Gröhe auftreten, als stünden sie schon immer an der Spitze einer antiviralen Eingreiftruppe. Die vielen, die sich in der kurzen Zeit seit dem Aufruf schon für den Einsatz in Afrika gemeldet haben, verdienen jedenfalls höchsten Respekt. Doch das alles kommt Monate zu spät und ist immer noch viel zu wenig. Wie die WHO vorrechnet, braucht es 200 bis 250 Menschen auf der Personalseite, um eine Ebola-Klinik mit gerade mal 70 Betten verantwortlich führen zu können. Die Fallzahlen aber schnellen in die Höhe. Hunderttausende Infizierte werden bis Ende des Jahres in der Region befürchtet. Wer weiß das schon genau, nachdem alle Chancen einer frühen Eindämmung vertan wurden – lokal, national und vor allem international.

"In einer menschlichen Welt können wir es nicht zulassen, dass die Menschen in Westafrika so sehr leiden", beschwor die WHO-Generaldirektorin Margaret Chan ihre Zuhörer in New York am Rande der UN-Vollversammlung. Doch es scheint, wir können. Oder diese Welt ist eben keine "menschliche". An der gegenwärtigen Ebola-Katastrophe sind vor allem jene schuld, die nicht direkt von ihr betroffen sind. Gegen ein Erdbeben, einen Tsunami oder einen Vulkan wie den japanischen Ontake in diesen Tagen sind Menschen weitgehend machtlos. Doch eine solche unbeherrschbare Naturkatastrophe ist die gegenwärtige Ebola-Epidemie nicht. Sie hätte verhindert werden können. Und sie hätte verhindert werden müssen.

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