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Todesopfer Nummer 14 ist ein Mann

Die Ehec-Epidemie hat ihr 14. Todesopfer gefordert: In Rendsburg ist ein 75-Jähriger an den Folgen der Infektion verstorben. Er ist erst der zweite Mann unter den Opfern.

In Schleswig-Holstein ist am Wochenende ein 75-jähriger Mann an den Folgen der Ehec-Infektion gestorben. Damit steigt die Zahl der Ehec-Toten in Deutschland auf 14. Der Mann war Patient im Rendsburger Krankenhaus, wie das Kieler Gesundheitsministerium mitteilte. Er ist das fünfte Todesopfer des aktuellen Ausbruchs in Schleswig-Holstein und bundesweit der zweite Mann, der an dem gefährlichen Darmkeim gestorben ist.

Zuvor waren erstmals auch Todesfälle außerhalb Norddeutschlands bekannt geworden. In Nordrhein-Westfalen sind zwei Menschen Opfer der Darmseuche Ehec geworden. Im Kreis Gütersloh starb eine Frau, teilte der Kreis mit. Ihr Alter wurde mit 40 bis 50 Jahren angegeben. Sie litt nach der Infektion unter Komplikationen, dem sogenannten hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS). Zuvor hatte der Kreis Paderborn mitgeteilt, dass eine 91-jährige Frau aus Bad Lippspringe am Sonntag der Krankheit erlegen ist. Die Frau habe mehrere schwere Vorerkrankungen gehabt, teilte der Kreis mit.

Auch in Mecklenburg-Vorpommern hat es einen ersten Todesfall durch den Darmkeim gegeben. Wie das Landesamt für Gesundheit und Soziales berichtete, starb eine 87-jährige Frau aus dem Landkreis Parchim.

Minister raten zur Vorsicht

Nach einem Spitzentreffen haben Bund, Länder und Behörden die Bevölkerung auf eine weitere Ausbreitung der Infektionswelle eingestimmt. "Eine Reihe von Patienten ist deutlich gefährdet. Es sind auch keine weiteren Todesfälle auszuschließen, sondern eher wahrscheinlich", sagte der Präsident des Robert Koch-Instituts, Reinhard Burger, am Montag in Berlin. Ein Abschwächen der Welle erwarte er nicht. "Es geht weiter."

Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) sagte: "Ergebnis ist, dass leider weiter mit einer steigenden Fallzahl zu rechnen ist." Es gebe Anzeichen, dass die Infektionsquelle weiter aktiv sei. "Wir haben eine angespannte Situation, aber sie ist zu bewältigen", sagte Bahr mit Blick auf die Ehec-Patientenversorgung. Die Bürger seien zu vorsichtigem Verhalten aufgefordert.

Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) sagte: "Ehec hat längst eine europäische Dimension." Sie betonte: "Wir stehen gemeinsam vor einer großen Herausforderung." Zum Schutz der Verbraucher sei es richtig gewesen, frühzeitig Verzehrhinweise zu geben. Der Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), Andreas Hensel, sagte, es sei der größte bisher bekannte Ehec-Ausbruch in Deutschland. Und: "Wir können bis zum heutigen Tage nicht sicher eine Infektionsquelle benennen."

RKI bekräftigt Warnung

Der Präsident des Berliner Robert Koch-Instituts (RKI), Reinhard Burger, erneuerte die Empfehlung, Gemüse insbesondere in Norddeutschland nicht roh zu essen. Waschen des Gemüses allein biete keinen sicheren Schutz, sagte er im RBB-Inforadio. Er äußerte Verständnis für die Klagen der Bauern über Umsatzeinbrüche.

Bundesgesundheitsminister Bahr verteidigte die Gemüse-Verzehrwarnungen. "Wenn es um Gesundheit geht, ist höchste Vorsicht geboten", sagte er dem "Mindener Tageblatt". Auf die Frage, ob der Bund den Landwirten finanziell helfen werde, sagte Bahr, Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) sei mit den betroffenen Verbänden und der Ernährungsindustrie im Gespräch, "um einen guten Umgang mit diesem Problem zu finden".

Vorsichtiger Optimismus

Die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) berichtete unterdessen von ersten Erfolgen bei der HUS-Behandlung mit einem neuen Mittel. Die Therapie mit dem Antikörper namens Eculizumab scheine erfolgreich zu verlaufen. Dies könne bei aller gebotenen Vorsicht gesagt werden, erklärte die Hochschule. Mediziner setzen dort - wie in anderen deutschen Kliniken - bei HUS auf das neue Mittel. Eculizumab hatte 2010 bei drei Ehec-infizierten Kindern die HUS-Symptome drastisch gebessert, wie Ärzte im Fachblatt "New England Journal of Medicine" berichtet hatten.

Die Welle steigt nicht mehr so schnell

Die Welle von Ehec-Infektionen ist in Deutschland indes noch nicht gestoppt. Die Zahl der bestätigten Infektionen und Verdachtsfälle stieg auch am Montag weiter an. Allerdings gibt es zumindest in Hamburg erste Anzeichen, dass die Welle nicht mehr ganz so schnell steigt. Am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) sei die Zahl der Neuerkrankungen "deutlich rückläufig", berichtete der Ärztliche Direktor des UKE Jörg Debatin. Hamburg ist bislang am schwersten vom Ehec-Ausbruch betroffen. In der Klinik liegen mehrere schwerkranke HUS-Patienten. Debatin befürchtet, dass nicht alle gerettet werden können.

Sorge bereiten den Hamburger Ärzten vor allem die Probleme mit dem Nervensystem, die viele HUS-Erkrankte bekommen. Bei den schwer erkrankten Patienten gebe es "zunehmend mehr neurologische Ausfälle", erklärte der UKE-Neurologe Prof. Christian Gerloff. "Es sind von den 58 Patienten, die momentan bei uns stationär sind, mehr als die Hälfte." Es gebe Unruhezustände, aber auch Sprachstörungen - ähnlich wie bei einem Schlaganfall - oder Zuckungen bis hin zu epileptischen Anfällen. Einzelne Patienten hätten auch kleine Schlaganfälle als Folge der Erkrankung gehabt, berichtete Gerloff - weil kleine Gefäße verstopfen. "Das wird auch bleibende Schäden hinterlassen."

Mehr als 1300 Infektionen

In Hamburg wurden bis Montagvormittag (11.00 Uhr) 488 Ehec-Infektionen und Ehec-Verdachtsfälle registriert (Samstag 467 Fälle). In Niedersachsen stieg diese Zahl auf 242, Schleswig-Holstein hat mindestens 250 Infizierte und Mecklenburg-Vorpommern über 50. Deutschlandweit gibt es mehr als 1300 EHEC-Infektionen und Verdachtsfälle. Nach wie vor ist Norddeutschland am schwersten betroffen, aber auch aus München wurden drei weitere schwere Fälle gemeldet.

Patienten, die lebensbedrohlich Ehec erkrankt sind, benötigen gewaltige Mengen an Blutplasma, wie das Deutsche Rote Kreuz erläuterte. "Der Patient braucht vier bis fünf Tage lang jeweils bis zu zehn Liter täglich", sagte der Sprecher der DRK-Blutspendedienste, Friedrich-Ernst Düppe. Das Deutsche Rote Kreuz verfüge noch über genügend Plasma-Konserven. "Es gibt aber einige Kliniken, die von Engpässen berichten und zu verstärktem Blutspenden aufrufen."

san/DPA/Reuters/AFP/DPA/Reuters

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