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10. Juni 2011, 13:15 Uhr

Sensation: Mensch isst Gurke!

Großer Auflauf in Hamburg: Wütende Landwirte aus der Hansestadt haben demonstriert und ihr Gemüse stiegenweise verschenkt. Und weil gleichzeitig die Entwarnung kam, griffen die Hamburger beherzt zu. Von Swantje Dake

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Die Gemüsebauern Horst Lischke (l.) und Hermann Rudolf Müller verschenken Gurken in der Hamburger Innenstadt© Malte Christians/DPA

Lollo bianco, Rauke, Eisberg- und Kopfsalat – stiegenweise stapelt sich das Grünzeug an der Mönckebergstraße, der Hamburger Einkaufsstraße. Und tütenweise wird es von Passanten weggetragen. Hunderte Köpfe Salat, dutzende Gurken und bündelweise Frühlingszwiebel bringen einige Landwirte und Gemüsehändler aus den Vier- und Marschlanden, dem Gemüsegarten der Hansestadt, an diesem Freitagmorgen in der Innenstadt unters Volk.

"Unser Gemüse ist sauber und unbedenklich", behaupten die Bauern – und fühlen sich von der Entwarnung des Robert-Koch-Instituts (RKI) bestätigt. Die Forscher haben den Gurkenbann aufgehoben. Die Erleichterung sieht man den Gemüsebauern und -händlern an. "Das Gegurke hat ein Ende. Mutti Aigner sagt, wir dürfen wieder Gurken essen", schreit Jürgen Albiez, Qualitätsmanager eines Gemüsehändlers, über die Straße und will gleich mal ein paar Flaschen Champagner holen. Wenn da nicht diese Wut wäre – auf die Behörden, auf die Politiker und ja, auch auf die Medien.

"Wi heft dat immer geäten"

Klar, Verständnis haben sie vor den Warnungen. Aber sie wurden zu lange aufrechterhalten, waren zu unkonkret, nicht dezidiert genug. "Natürlich steht der Verbraucherschutz über unseren wirtschaftlichen Interessen", so Gemüsegärtner Rainer Horstmann aus Allermöhe. Aber schließlich sei nicht eine einzige Probe aus regionalem Anbau belastet gewesen.

Lange vor der Entwarnung des RKI hatten die Bauern beschlossen, mit ihrer Aktion für Vertrauen unter den Menschen zu werben. Sie verschenken ihre Ernte des gestrigen Tages, die sie in der Nacht auf dem Hamburger Großmarkt nicht losgeworden sind. "Wir werden ja als Epizentrum der Epidemie bezeichnet", sagt Albiez. Diesen Makel will man abschütteln. "Wi heft dat immer geäten", sagt Renate Müller in feinstem Platt und beißt in eine Gurke von ihrem Feld. Sie will den Leuten wieder Appetit machen. "Wir werden von hinten bis vorn überprüft", so die 62-Jährige. Aber genützt haben die Beteuerungen und Zertifikate nichts. Die Verunsicherung der Kunden und Käufer war massiv.

Gurken, so viele man tragen kann

Doch die scheint plötzlich wie weggeblasen. Fischmarktstimmung mitten in der Hamburger Innenstadt. In Kisten, Tüten und Jutebeuteln wird das Grünzeug abtransportiert. Eine Mutter gibt vor laufenden Kameras ihrem Kind in der Karre ein Stück Gurke und beißt selbst herzhaft hinein. Eine junge Frau schleppt zwei große Tragetaschen. "Für meine Kollegen und mich", sagt Kim Jule Gerst. Die Ökotrophologin vertraut auf die Kontrollen der Behörden, aber ganz frei machen konnte sie sich in den letzten Tagen auch nicht von den Warnungen. Frühlingszwiebeln und Gurken hat sich Karin Weist eingepackt. "So viel wie derzeit wird doch nie wieder geprüft", sagt sie. Aus den Gurken wird sie dennoch Schmorgurke kochen.

Kompostiert und untergepflügt

Immer noch besser als vernichten. Die Krux: Gurken kann man nicht beliebig lange an ihrem Strauch hängen lassen. Alle zwei Tage muss das reife Gemüse abgeschnitten werden, sonst verkümmern die nachwachsenden. Gemüsegärtner Horstmann hat in den vergangenen Wochen seine Gurken geerntet, geschreddert und kompostiert. "Den Salat habe ich mit der Bodenfräse untergepflügt", erzählt Horstmann. Es lohnte sich für den Landwirt nicht, seine Produkte zum Hamburger Großmarkt zu fahren. Er hätte sie wieder mit nach Hause nehmen müssen.

Fünf Wochen bis zur Normalität

Das muss er auch nach der Verschenkaktion in der Hamburger Innenstadt. Auf einem Teil der Salatköpfe bleiben die Gemüsebauern sitzen. Zwar ist der Andrang groß, doch die Zeit für die Bauern abgelaufen. Die Polizei drängelt, die Busfahrer beschweren sich. Man will rasch zur Tagesordnung übergehen. Für die Landwirte und Gemüsehändler wird sich die nicht so schnell einstellen. Sie sind sich sicher, dass sich erst in vier bis fünf Wochen die Geschäfte wieder normalisieren. "Bis das Thema aus den Köpfen der Leute raus ist, das dauert."

Von Swantje Dake
 
 
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