1. Juni 2011, 22:45 Uhr

Russland verbietet West-Gemüse

Russland hat auf die Ausbreitung des Ehec-Erregers mit einem Importverbot für Gemüse aus der EU reagiert. Einreisende werden auf Ehec-Symptome untersucht.

Russland macht die Grenzen für EU-Gemüse dicht: Wegen der Gefahr durch den Darmkeim Ehec hat das größte Land der Erde ein Importverbot für Gemüse aus den insgesamt 27 Länder der Europäischen Union verhängt. Der Schritt löste bei der EU-Kommission in Brüssel am Donnerstag scharfen Protest aus.

Das Einfuhrverbot sei "unverhältnismäßig", kritisierte ein Sprecher. Doch Russlands Agrarministerium und sogar das wegen der politischen Brisanz auf den Plan gerufene Außenministerium versicherten, es gehe hier nur um den Verbraucherschutz. Beobachter sprachen hingegen von einer Machtdemonstration des größten Landes der Erde, das mit dem Schritt seine Stärke als Wirtschaftsnation beweisen wolle. Das Einfuhrverbot für frisches Gemüse hatte zunächst nur für Deutschland und Spanien gegolten. Grund für die Verschärfung sei jedoch die andauernde Ausbreitung des Darmkeims, sagte Russlands oberster Amtsarzt Gennadi Onischtschenko nach Angaben der Agentur Interfax.

Wegen des gefährlichen Darmbakteriums überprüft Russland auch Reisende aus der EU und vor allem aus Deutschland auf mögliche Symptome. Seit dem 28. Mai seien an Grenzübergängen und Flughäfen insgesamt rund 46.000 Menschen kontrolliert worden, teilte die Verbraucherschutzbehörde am Donnerstag in Moskau mit. Bislang habe es aber noch keine Verdachtsfälle gegeben.

Ehec, Darmkeim, Erreger, Bakterium, Keim, Gurken, Spanien, spanische,, EU, Prüfer-Storcks, Rohkost, salat, Tomaten,

Die Intensivstation des UKE Hamburg: In der Hansestadt gibt es mehrere hundert Infektionen und Verdachtsfälle©

"Testergebnisse der zuständigen Behörden haben gezeigt, dass Gurken nicht für Infektionen mit Darmbakterien EHEC verantwortlich sind", schrieb die EU-Kommission. Sie erinnerte daran, dass die Seuche auf ein eng umrissenes Gebiet in Norddeutschland begrenzt sei. Die EU-Kommission hat eine Gesundheitswarnung vor spanischen Gurken aufgehoben. Tests in Deutschland hätten ergeben, dass es sich bei auf einigen Gurken gefundenen Bakterien nicht um den Auslöser der schweren Erkrankungen handle, teilte die Kommission am Mittwochabend in Brüssel mit. Auch Tests der spanischen Behörden seien negativ ausgefallen. Das Institut für Risikobewertung (BfR) in Berlin hatte zuvor mitgeteilt, dass die Erreger auf verdächtigen, aus Spanien stammenden Gurken nicht mit dem für den derzeitigen Ausbruch verantwortlichen Keimtyp übereinstimmten.

Die Regierung in Madrid erklärte, die Aufhebung der Warnung sei ein "sehr wichtiger Schritt, um so schnell wie möglich wieder Normalität im spanischen Landwirtschaftssektor herzustellen". Das Gesundheitsministerium betonte erneut, rechtliche Schritte gegen die Hamburger Gesundheitsbehörde zu prüfen, die spanische Gurken für die Erkrankungen verantwortlich gemacht hatte. Der spanische Verband der Obst- und Gemüseproduzenten und -exporteure schätzt, dass die Negativschlagzeilen über Ehec pro Woche einen Verlust von 200 Millionen Euro verursachten. Die EU hatte ihre Warnung vor spanischen Gurken am vergangenen Donnerstag ausgesprochen.

Zahl der Fälle steigt rasant

Die Ehec-Welle breitet sich unterdessen wieder aus. Innerhalb eines Tages stieg die Zahl der gemeldeten Infektionen und Verdachtsfälle bundesweit von rund 1500 auf 2000. Niedersachsen meldete zudem einen weiteren Todesfall. Bereits am Sonntag war dort eine 84 Jahre alte Patientin an der schweren Ehec-Komplikation HUS gestorben. Damit sind bundesweit 17 Todesfälle registriert, 15 davon waren Frauen.

Vor allem in Norddeutschland stieg die gemeldete Zahl der bestätigten Erkrankungen und der Verdachtsfälle sprunghaft an. Niedersachsen meldete am Mittwoch 344 Verdachtsfälle, das sind 80 mehr als am Vortag. "Wir verzeichnen wieder einen deutlichen Anstieg der Erkrankungsfälle durch Ehec und HUS", sagte auch Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD). Dort gebe es 668 Ehec-Fälle oder Verdachtsfälle, 119 mehr als am Vortag.

Schleswig-Holstein meldete einen Anstieg um rund 100 Fälle auf 458 bestätigte Ehec-Infektionen. Sorge bereitet den Ärzten dort ein starker Anstieg neurologischer Komplikationen. "Wir haben Patienten, die überhaupt keinen Durchfall haben, aber schwere neurologische Symptome", schilderte der Kieler Klinikdirektor Prof. Ulrich Kunzendorf. Ein Beispiel sind epileptische Anfälle.

"Erste Hinweise auf Mensch-zu-Mensch-Übertragung"

Bei der Suche nach der Quelle des gefährlichen Erregers tappen die Experten derweil völlig im Dunkeln. Es gebe keinen Anlass für Entwarnung, unterstrich der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Reinhard Burger, bei einer Sondersitzung des Bundestags-Verbraucherausschusses in Berlin. Die Quelle sei unbekannt, und es sei nicht auszuschließen, dass sie weiter zu Infektionen führe. Erst in einigen Tagen werde sich zeigen, ob die Warnungen vor rohem Gemüse die Infektionen gebremst haben.

Unklar ist auch, ob bzw. wie leicht eine Übertragung von Mensch zu Mensch möglich ist. Wenn man normale Hygieneregeln einhalte, sei eine Übertragung sehr unwahrscheinlich, meinte Gesundheitssenatorin Prüfer-Storcks. "Sehr viel wahrscheinlicher ist wirklich die Primärinfektion über ein Lebensmittel, das man zu sich nimmt." RKI-Präsident Burger mahnte dagegen insbesondere bei der Pflege erkrankter Angehöriger zu strikter Hygiene. Das gelte auch für Krankenhauspersonal. Mittlerweile gebe es "erste Hinweise, dass eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung erfolgen kann".

Aufruf zum Blutspenden

Auch im Ausland breitet sich der Keim weiter aus: In Tschechien gibt es einen ersten nachgewiesenen Ehec-Fall. Eine amerikanische Touristin sei definitiv an dem Erregertyp O104 erkrankt, teilte das nationale Referenzlabor in Prag mit. Die EU-Kommission nannte zudem folgende Ehec-Zahlen: Schweden 41 (davon 15 HUS), Dänemark 14 (davon 6 HUS), Frankreich 6 Ehec-Fälle, Großbritannien 3 Fälle (davon 2 HUS), Niederlande 7 (davon 3 HUS) und Österreich 2 Ehec-Fälle. In den meisten Fällen handele es sich um Menschen, die kurz zuvor in Deutschland gewesen seien.

Angesichts des hohen Bedarfs an Blutkonserven und Blutplasma wegen der zahlreichen schweren Ehec-Erkrankungen haben Experten zum Blutspenden aufgerufen. "Wir haben zwar eine gut organisierte, länderübergreifende Versorgung mit Blutkonserven, aber wir sollten nicht vergessen, dass die Urlaubssaison unmittelbar bevorsteht, in der erfahrungsgemäß durch ein erhöhtes Unfallgeschehen auch wieder mehr Blutkonserven benötigt werden", erklärte der Sprecher des Landesverbandes der Ersatzkassen in Mecklenburg-Vorpommern.

Verläuft die Ehec-Erkrankung schwer, muss eine Blutwäsche eingesetzt werden. Auch Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) und Gesundheitssenatorin Prüfer-Storcks riefen zum Blutspenden auf - und spendeten gleich selbst.

Der Ehec-Keim "Ehec" ist eine Abkürzung für Enterohämorrhagische Escherichia coli, eine gefährliche Variante der eigentlich harmlosen Kolibakterien. Bei Ehec handelt es sich um ein Darmbakterium mit der Eigenschaft, bestimmte Zellgifte, sogenannte Shigatoxine, zu produzieren, die bei Menschen schwere Erkrankungen auslösen können. Möglich sind etwa blutige Durchfälle oder als Komplikation das hämolytisch-urämische Syndrom (HUS), das ein Nierenversagen verursachen kann. Es gibt Hunderte verschiedener Ehec-Stämme. Den aktuellen Erreger haben die Forscher des Instituts für Hygiene am Universitätsklinikum Münster identifiziert: „Es handelt sich um einen Vertreter des Typs ‚HUSEC 41’ des Sequenztyps ST678", sagt Institutsdirektor Helge Karch. Der extrem seltene Erreger wird auch Serotyp O104:H4 genannt. Als Serotypen werden verschiedene Varianten eines Bakteriums bezeichnet. Das O beschreibt hierbei die Oberflächenstruktur des Erregers, und das H steht für verschiedene Geißel-Antigene, mit denen das Bakterium sich fortbewegt. „Bei Ehec gibt es 186 O-Antigene und 53 H-Antigene, die in jeglicher Kombination auftreten können", sagt Mikrobiologe Lothar Beutin, Leiter des Nationalen Referenzlabors für Escherichia coli am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Somit gebe es zahlreiche Serotypen.

mad/DPA/AFP
 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
Ehec-Erreger entschlüsselt Das Genom des Schreckens

Deutsche und chinesische Experten haben das Erbgut des grassierenden Ehec-Bakteriums sequenziert. Darin findet sich eine bislang nicht beschriebene Neukombination von Genen.

Ehec-Keim und der "Gurkenkrieg" Spanier fühlen sich als Bauernopfer

Für ein paar Tage waren spanische Gurken schuld am Ehec-Ausbruch. Doch dann ruderte das Hamburger Hygiene-Institut zurück und nun hängt der Haussegen zwischen Spanien und Deutschland schief.

Darmkeim Ehec Zahl der Infizierten steigt rapide

Die Zahl der Ehec-Fälle steigt wieder deutlich an, in Niedersachsen sind bereits über 340 Menschen mit dem Darmbakterium infiziert. Erste Krankenkassen rufen zu Blutspenden auf.

Suche nach Ehec-Erreger Spanien sauer auf deutsche Ehec-Fahnder

Spanische Gurken unschuldig - die Mitteilung der Hamburger Ehec-Fahnder sorgte in Madrid für Empörung: Deutschland habe Spanien ohne Beweise irreparabel geschadet.

Ehec-Erreger Spanische Gurken sind unschuldig

Die Welle gefährlicher Ehec-Infektionen geht wohl doch nicht auf spanische Gurken zurück. Forscher fanden keine Übereinstimmung mit dem Erreger aus Stuhlproben. Die Suche geht damit von vorne los.

Darmkeim Ehec Erster Todesfall außerhalb Deutschlands

Die Zahl der Ehec-Toten in Deutschland ist auf 15 gestiegen. Und erstmals gibt es einen Todesfall außerhalb der Bundesrepublik - in Schweden - und einen Verdachtsfall in Spanien.

Darmkeim Ehec Wissenschaftler entwickeln Schnelltest

Die Uni Münster meldet einen Durchbruch bei der Entwicklung eines Ehec-Schnelltests. Ab sofort soll es möglich sein, den Darmkeim innerhalb weniger Stunden nachzuweisen.

Ehec-Keim Mediziner setzen auf neue Therapie

Während die Ehec-Welle weiterrollt, melden Wissenschaftler einen ersten Erfolg mit einer neuen Therapie. Ein Wundermittel ist es nicht - doch es könnte bei besonders schweren Fällen helfen.

Debatte um Ehec Keim entfacht Streit um Lebensmittelkontrollen

Gurken aus Spanien sollen das Ehec-Bakterium ins Land gebracht haben. Jetzt streiten Behörden und Landwirte über unzureichende Kontrollen im EU-Binnenmarkt.

Suche nach der Infektionsquelle Aktenzeichen Ehec ungelöst

Die Fahndung nach dem Erreger und der Quelle erinnert an Detektivarbeit. Puzzlestück um Puzzlestück fügen Behörden hinzu - zum ganzen Bild fehlen noch einige Teile. Der Ermittlungsstand.

Ehec-Infektionen Gurken-Frage entfacht Streit mit Spanien

Deutsche Behörden widerlegen den spanischen Vorwurf, dass die Ehec-Keime erst in Deutschland auf die iberischen Gurken kamen. Spanien legt EU-Beschwerde ein, aus Holland kommt ein Dementi.

Angst vor Ehec-Keimen Der Albtraum eines Vegetariers

Der Ehec-Erreger verdirbt den Appetit auf frisches Gemüse. Was für den normalen Allesfresser schlimmstenfalls unangenehm ist, stellt mich als Vegetarierin vor ein Dilemma: Was soll ich essen?

Ehec-Angst schadet Landwirten "Unsere Ernte ist sauber"

Gemüse- und Salatbauern wie Christian Behn sind die Leidtragenden der Ehec-Angst: Die Kunden meiden ihre Produkte. Dem Robert-Koch-Institut wirft der Landwirt vor, "unfundierte Thesen" zu verbreiten.

Ehec und die Wochenmärkte Sauregurkenzeit

Die Warnung vor Tomaten, Gurken und Salat sorgt auf zwei Hamburger Wochenmärkten für Erregung bei den Händlern. Sie schwören auf ihre Produkte - doch das Geschäft ist vorerst vermasselt.

Fragen und Antworten zu Ehec Muss Gemüse in den Müll?

Das Hamburger Hygiene-Institut hat Salatgurken aus Spanien als Träger der gefährlichen Ehec-Erreger identifiziert. Was bedeutet das für Verbraucher?