Es ging um ihr Leben: Karolin Seinsche ist an Ehec und am HU-Syndrom erkrankt. Jetzt erholt sich die junge Frau langsam - und erzählt von den fürchterlichsten Wochen ihres Lebens. Von Sonja Popovic

Karolin Seinsche erkrankte an Ehec, dann am HU-Syndrom und lag zwei Wochen auf der Intensivstation© Gero Breloer/DAPD
Noch immer müssen Besucher, Pfleger und Ärzte Schutzkleidung tragen, wenn sie in Karolin Seinsches Zimmer kommen - grüner Einwegkittel, Einweghandschuhe und Mundschutz. Doch ist sie nicht mehr isoliert, ihr Krankenzimmer teilt sich die Fotoredakteurin des stern-Jugendmagazins "Yuno" mit einer anderen Patientin. Es ist warm und etwas stickig, die Fenster lassen sich nicht öffnen, im gesamten Krankenhaus nicht. "Seit zweieinhalb Wochen hatte ich keinen frischen Luftzug mehr um die Nase", sagt Karolin Seinsche und lächelt. Am Wochenende wird sie entlassen, darauf fiebert sie hin und schaut alle halbe Stunde auf die Uhr.
Sie kann wieder lachen, nörgeln, ungeduldig sein. Daran war noch vor wenigen Tagen nicht zu denken.
Am 22. Mai kam die 29-Jährige in die Asklepios-Klinik in Hamburg-Altona, es war Sonntagnacht. Eine Freundin fuhr sie hin, weil sie starke Bauchschmerzen, Krämpfe, Fieber hatte - und jene Durchfälle mit Blut im Stuhl, die ein deutlicher Hinweis auf eine Ehec-Infektion sind. Die Ärzte haben sie dabehalten, der positive Befund kam erst drei oder vier Tage später, erzählt sie. "Es gab jeden Tag so viele Neuaufnahmen, dass die Ärzte gar nicht hinterherkamen." Zunächst sah es nach einem moderaten Verlauf aus, nichts Schlimmes, hieß es, in wenigen Tagen sollte sie wieder nach Hause fahren können.
Doch ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich Tag für Tag. Dann war klar: Sie hat auch das HU-Syndrom, jene schwere Komplikation, bei der die Nieren und das Gehirn angegriffen werden. Am Freitag, nach fünf Tagen, waren die Nierenwerte so schlecht, dass sie auf die Halb-Intensivstation verlegt wurde. Sie bekam täglich eine Blutwäsche, man legte einen Zugang in die Vene am Hals, über den sie versorgt wurde. Essen konnte sie da längst nicht mehr.
Gleichzeitig hatte sie starke Schwellungen, Ärzte nennen das Ödeme. In ihren Lungen und Rippenbögen, in Armen und Beinen sammelte sich Wasser an, viel Wasser, insgesamt zehn Liter. Normalerweise trägt Karolin Seinsche Kleidergröße 38, jetzt musste ihre Mutter Unterwäsche in Größe 46 kaufen, weil sie in ihre nicht mehr hineinpasste. Sie trug den Pyjama des Vaters. Ihre Fußgelenke waren nicht mehr zu erkennen, das Gesicht war so aufgedunsen, dass sie die Augen kaum aufbekam. "Da waren nur noch Schlitze, ich sah aus wie ein Sumo-Ringer", sagt die 29-Jährige.
Sie konnte sich kaum bewegen, nicht einmal weinen, obwohl ihr danach war, weil alles so weh tat. Überhaupt verbrachte sie die ersten zwei Wochen in einer Art Dämmerzustand. Jede Regung strengte sie über die Maßen an. Wenn sie zur Toilette ging, fühlte sie sich danach total erschlagen. Lesen oder fernsehen war unmöglich, selbst eine Kindersendung überforderte sie, erst recht die grelle, laute Werbung.
Ihren absoluten Tiefpunkt erlebte Karolin Seinsche dann am darauffolgenden Mittwoch. Es war schon spät am Abend, gegen 22 Uhr. "Ich hatte einen Krampfanfall und habe plötzlich meine linke Körperhälfte nicht mehr gespürt", erzählt sie - Lähmungserscheinungen, was darauf schließen ließ, dass auch das Gehirn angegriffen war. Die linke Hand verkrampfte, sah aus wie eine Kralle. Gleichzeitig spürte sie überdeutlich, wenn jemand sie berührte. "Das ist schwer zu beschreiben, es kribbelte im Körper und brannte wie Feuer. Und mein Herz wurde ganz kalt. Da hatte ich zum ersten Mal Todesangst, dachte, das war's jetzt." Ihre Mutter, die bei ihr war, merkte, dass es der Tochter schlechter ging, fragte ständig: "Was ist mit dir?" Karolin Seinsche konnte nicht antworten, die Worte nicht formen, sprach sehr undeutlich. Sie brachte noch heraus: "Mama, ich will noch nicht sterben!" - bereute es aber sofort, als sie in die geweiteten Augen ihrer Mutter blickte. Die rannte auf den Flur, rief panisch nach Hilfe. "Es war gut, dass sie da war, denn ich hätte niemanden rufen oder einen Knopf drücken können. Ich war wie weggetreten."
Die Neurologin kam sofort, hielt ihre Patientin bei Bewusstsein, gab ihr ein Medikament, ein Psychopharmakon. Karolin Seinsche dämmerte weg. An die Zeit danach erinnert sie sich nicht, überhaupt fehlen ihr so einige Details aus diesen Tagen - ein seltsames Gefühl.
Am nächsten Morgen, vergangene Woche Donnerstag, war der Spuk dann vorbei. Sie hatte keine Schmerzen mehr, langsam gingen auch die Schwellungen zurück. Seitdem wird es jeden Tag etwas besser. Endlich wurde der Zugang am Hals wieder herausgenommen, und seit dem Wochenende kann sie wieder feste Nahrung zu sich nehmen. Mittwochmorgen schaffte sie es erstmals, ein ganzes Brötchen mit Honig zu essen.
Mit Rohkost wird sie künftig etwas vorsichtig sein, sagt Karolin Seinsche. Aber sie ist nicht der ängstliche Typ, will sich nicht verrückt machen. "Ich bin Vegetarierin, esse kein Fleisch und keinen Fisch, Gemüse ist mein Hauptnahrungsmittel. Das wird auch so bleiben." Was sich sicher ändern wird: Sie möchte noch reinlicher mit den Lebensmitteln umgehen und sehr genau darauf achten, woher sie kommen.
Noch ist Karolin Seinsche geschwächt, aber munter. Ihre Augen sind wach und lebendig, sie spricht gefasst und ohne Mühe. Die Ärzte sind zuversichtlich, dass ihre Nieren in drei Monaten wieder voll funktionsfähig sein werden, auch von den neurologischen Ausfällen ist nichts geblieben. Jetzt will sie sich eine Woche Ruhe gönnen, bei ihren Eltern im Sauerland. Sie hofft, dass sie sich schnell erholen wird und bald wieder arbeiten kann, und wenn es anfangs nur halbtags ist. "Ich kann das nicht, so lange herumsitzen und nichts tun. Da werde ich wahnsinnig!"
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