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Hokuspokus oder hilfreich bei chronischen Schmerzen?

Ursprünglich wurde die Therapie EMDR für seelisch traumatisierte Menschen entwickelt. Nun zeigt sich: Sie kann auch Patienten mit chronischen Schmerzen helfen.

Von Nina Poelchau

Jonas Tesarz von der Uniklinik Heidelberg mit dem Patienten Andreas Brakebusch (mit Brille) bei einer EMDR Therapie

Andreas Brakebusch bei einer EMDR Therapie in der Uniklinik Heidelberg

Die Rückenschmerzen, die ihn vier Jahrzehnte tyrannisierten, begannen bei Andreas Brakebusch, als er gerade 20 war, ein junger, dynamischer Mann. An einen Auslöser kann er sich nicht erinnern, allerdings an das Ausmaß der ersten Attacke. „Höllisch.“ Und: Die Schmerzen gingen nicht mehr weg. Mal waren sie stärker, mal schwächer, in Ruhe ließen sie ihn nie mehr. Der Hotelkaufmann schleppte sich durchs Leben – mit Krankengymnastik und Massage, mit Fango und Einrenkungen, mit vielen, vielen Schmerztabletten und vielen, vielen Spritzen.

Dann – er war 61 – lud ihn die Universitätsklinik Heidelberg, Abteilung Allgemeine Innere Medizin und Psychosomatik, ein, an einer Studie teilzunehmen. Die Ärzte wollten herausfinden, ob und warum bei Menschen mit chronischen Schmerzen, bei denen einfach gar nichts half, eine Therapie vielleicht doch helfen würde: EMDR. Eye Movement Desensitization and Reprocessing. Die deutsche Übersetzung dieser Behandlungsmethode klingt nicht minder kompliziert: "Desensibilisierung und Verarbeitung durch Augenbewegung".

Andreas Brakebusch erschien das, was ihm ein Arzt beim ersten Kontakt in Heidelberg erzählte, wie "Hokuspokus". Irgendwas mit Augenrollen, irgendwas mit Trauma – das blieb bei ihm hängen. Er wunderte sich, dass man an einer Universitätsklinik solche Sachen veranstaltete. Er ließ sich dennoch darauf ein, denn: "Schlimmer konnte es nicht werden." EMDR ist eine der verblüffendsten Behandlungsmethoden der zurückliegenden Jahrzehnte – angewendet wird sie bisher vor allem bei psychischen Leiden: Bei Menschen mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), die nach einer massiven seelischen Erschütterung oft noch Jahre später mit Flashbacks, Depressionen oder Panikschüben zu kämpfen haben.

Bahnbrechende Wirkung

Die Methode funktioniert in ihrer klassischen Form so: Der Patient sitzt seinem Therapeuten gegenüber. Er taucht gedanklich tief in die traumatisierende Situation von einst ein und beginnt, darüber zu sprechen. Der Therapeut begleitet ihn mit Fragen und Anteilnahme, dabei bewegt er auf Augenhöhe des Patienten eine Hand mit gestrecktem Zeige- und Mittelfinger hin und her. Der Patient folgt, während er sich erinnert, mit seinem Blick den Fingern.

Diese merkwürdig anmutende Therapieform zeigt bei vielen Menschen eine bahnbrechende Wirkung, die inzwischen in zahlreichen Studien nachgewiesen ist: Es gelingt ihnen, sich emotional von den erlebten Tragödien zu lösen. Erleichterung stellt sich ein.
Die amerikanische Psychologin Francine Shapiro hat EMDR Mitte der 80er Jahre ge- und erfunden – sozusagen am eigenen Leib. Kurz zuvor war bei ihr Krebs festgestellt worden. Sie registrierte, dass sie die Diagnose als wesentlich weniger belastend empfand, wenn sie im Park spazieren ging und mit den Augen dem flirrenden Licht in den Blättern folgte. Sie begann intensiv zu forschen und entwickelte das Konzept der "bilateralen" – also beidhirnigen – Provokation durch gezielte horizontale Rechts-links-Bewegung der Augen. Über die Jahre wurde die Therapie weiterentwickelt. Inzwischen werden in Behandlungen oft nicht mehr nur optische Reize gesetzt, sondern durch Berührungen oder Klopfen auch taktile beziehungsweise akustische Reize.

Krankenkassen übernehmen Kosten

Seit 2013 wird EMDR von der Weltgesundheitsorganisation WHO als eine von zwei Methoden zur Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörung empfohlen, seit 2015 übernehmen die Krankenkassen die Kosten für die Behandlung Erwachsener. Bis ins Detail ist noch nicht geklärt, warum und wie die Methode wirkt.

Hirnforscher gehen davon aus, dass es bei einem Trauma zu einem "sprachlosen Entsetzen" kommen kann, bei dem in der rechten Hirnhälfte Bilder des Erlebten gespeichert werden, während das Sprachzentrum in der linken Hirnhälfte aktiv unterdrückt wird. Weil das Geschehene nicht in Worte gefasst werden kann, wird die Verarbeitung erschwert oder sogar verhindert. Während der Therapie wird die Aufmerksamkeit der Patienten nun doppelt gebunden – zum einen konzentrieren sie sich auf die schmerzliche Erinnerung, zum anderen auch auf die ruhige Bewegung der Finger des Behandlers. Durch diese Verknüpfung werden die Traumatisierten mehr und mehr zu Beobachtern ihrer Erfahrungen, vermuten die Wissenschaftler: Es gelingt ihnen, über das erschütternde Geschehen zu sprechen, und die quälenden Erinnerungen verlieren in dem beruhigenden und klar strukturierten Setting nach und nach an Macht.

Doch sollte es möglich sein, dass diese Methode nicht nur bei psychischem Leiden wirkt, sondern auch bei körperlichem Schmerz? Bei Rückenproblemen etwa, einem der verbreitetesten Leiden in Deutschland?
Bereits 2012 veröffentlichte der amerikanische Hirnforscher Vania Apkarian die These, dass die für die Gefühlsregulation zuständigen Gehirnregionen beteiligt sein könnten, wenn Schmerzen zum Dauerzustand werden – dass sich dort also, ebenso wie bei der Posttraumatischen Belastungsstörung, besonders bedrohliche Erlebnisse festsetzten und ständig weiter Alarm funkten. Parallelen zwischen einer PTBS und chronischem Schmerz hatte bereits Francine Shapiro beobachtet. Der seelische Stress eines unter Schmerzen leidenden Menschen sei bisweilen ähnlich hoch wie der eines psychisch traumatisierten Menschen. Unbezwingbare Schmerzen könnten ebenfalls mit dem Gefühl eines vollkommenen Kontrollverlustes einhergehen. Die Folge sei, so Shapiro, dass eine gesunde Verarbeitung, ein "Zu-den-Akten-Legen" im Gehirn, nicht gelingt.

Hilfreich auch bei chronischem Schmerz?

Der Arzt und Forscher an der Uniklinik Heidelberg, Jonas Tesarz, hat mehrere Studien ausgewertet, die die Wirkung von EMDR auch bei chronischen Schmerzen nahelegen. Mit einer Gruppe von Wissenschaftlern, zu der auch der Internist und Psychosomatiker Wolfgang Eich und der Psychotraumatologe Günter H. Seidler zählten, setzte er eine eigene Studie auf und entwickelte ein spezifisches Behandlungskonzept. Die Forscher wollten herausfinden, in welchem Kontext sich die Schmerzen der Probanden verstetigt hatten – und natürlich: ob EMDR ihnen helfen würde. Tatsächlich konnten sie nachweisen, dass EMDR unter bestimmten Umständen Schmerzen lindert. Im Oktober wurden Tesarz und ein Kollege von der Deutschen Schmerzgesellschaft dafür mit dem Förderpreis für Schmerzforschung aus gezeichnet.

Andreas Brakebusch beschreibt sich als jemanden, der "eigentlich lieber handelt als grübelt". Er musste, erzählt er, für die Studie etwas tun, das ihm ziemlich wesensfremd war. In den Sitzungen bei Jonas Tesarz sollte er genau in die Schmerzsituationen hineinspüren, an die er sich erinnerte. Er musste beschreiben, wann er besonders heftige Attacken erlebt hatte. Es fiel ihm beispielsweise diese Situation ein: Als junger Mann saß er in der Straßenbahn. Dauernd musste er sich hin und her bewegen, um seine Rückenschmerzen auszuhalten. Eine Frau fuhr ihn an, er solle endlich ruhig sitzen. Er stieg bei der nächsten Station aus, fühlte sich ausgestoßen und gedemütigt. Gut möglich, sagt Jonas Tesarz, dass es belastende Erfahrungen dieser Art waren, die sich nun mit dem Schmerz verbanden, das Gefühl von Ausgeliefertsein verstärkten und dazu beitrugen, dass der Schmerz nie mehr wegging. Während Brakebusch seine Erinnerungen hervorbaggerte, folgte er mit den Augen den Fingern von Tesarz. Er sollte währenddessen immer wieder sagen, als wie stark er den erinnerten Schmerz beurteilte.

Brakebusch war selbst überrascht: Hatte er anfangs auf einer gedachten Skala von eins bis zehn "9" angegeben, ging er im Rahmen der Behandlung auf "3", dann auf "2" zurück – schließlich war nur noch die Erinnerung an die Situation übrig, aber kein Schmerzgefühl mehr. Zehn Sitzungen hat es gedauert, dann war auch der aktuelle Rückenschmerz verschwunden. Das ist zwei Jahre her. Brakebusch sagt, er habe ein ganz neues Lebensgefühl. "Wenn mir jetzt mal der Rücken wehtut, dann höchstens nach vier Stunden Unkrautrupfen." Nach Jonas Tesarz’ Forschungen hat jeder zweite chronische Schmerzpatient die Chance, von EMDR zu profitieren, vor allem jene, bei denen nicht beachtete Gefühle zu einer Verstetigung des Schmerzes geführt hätten. Bei den übrigen 50 Prozent hat die Methode keine positiven Effekte – und zwar unabhängig davon, ob die Patienten an den Sinn der geführten Augenbewegungen glauben oder die ganze Sache für Hokuspokus halten.

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