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Wir sind alle Kiffer

Ein Joint entspannt und lindert Schmerz. In manchen Situationen ist diese Wirkung lebensnotwendig, deshalb hat der Körper seinen eigenen Drogencocktail aus hanfähnlichen Stoffen - eine Fundgrube für Mediziner, die damit gegen Epilepsie und Phobien vorgehen wollen.

Wieder einmal kann sich der junge Mann an nichts erinnern. Hat er auf der Party ausgelassen gefeiert oder sich zwischendurch gelangweilt? Worüber hat er sich unterhalten? Bei diesen Fragen lässt ihn sein Kurzzeitgedächtnis kläglich im Stich: Ein paar Joints haben sein Gehirn vernebelt. Kein Einzelfall, sondern eine normale Wirkung nach dem Konsum von Cannabis. Der Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC) trübt das Erinnerungsvermögen.

Endocannabinoide beruhigen, machen hungrig, lindern Schmerz

Wie und warum die Droge Vergangenes verblassen lässt, dieses Rätsel haben Forscher um Beat Lutz vom Institut für Physiologische Chemie und Pathobiochemie der Universität Mainz gelöst. Dabei entdeckte Lutz Erstaunliches: THC kann das Gedächtnis blockieren, weil auf den Hirnzellen eigene Andockstellen für die Substanz sitzen. Und nicht nur dort. Auch auf den Immunzellen, in der Leber und im Fettgewebe finden sich Anlegeplätze. Derart viele Bindungsstellen würde der Körper nie für einen Fremdstoff bereithalten. "Der Körper verfügt über eine eigene Drogenproduktion. Er bildet selbst hanfähnliche Stoffe, so genannte Endocannabinoide", bringt Lutz die ungewöhnliche Erkenntnis auf den Punkt. Die körpereigenen Substanzen können in der Nervenflüssigkeit des Menschen nachgewiesen werden.

Bei Stress bildet das Gehirn die Drogen ebenso wie bei Reizüberflutung. Endocannabinoide können den Appetit zügeln, Schmerz lindern, die Erinnerung verwässern und bei Hektik beruhigen. "Sie sind eine Feinkontrolle, die uns wieder in die Balance bringt. Zustände der Übererregbarkeit werden durch dieses Wohlfühlsystem abgeschwächt", erklärt Lutz.

So allgegenwärtig wie die körpereignen Drogen im Gewebe sind, so vielfältig ist ihre Bedeutung bei verschiedenen Erkrankungen. Der Pharmakonzern Aventis vermarktet beispielsweise bereits einen Wirkstoff namens Rimonabant gegen Übergewicht. Er bindet an eine Andockstelle für Endocannabinoide im Gehirn an und unterdrückt dadurch das Hungergefühl.

Abbauhemmer von Endocannabinoiden funktionieren im Tierexperiment

Lutz hofft dagegen, dass ihm die Endocannabinoide den Weg zu neuen Therapien gegen Epilepsie weisen. Die Betroffenen werden immer wieder von schmerzhaften Krampfanfällen gepeinigt, gegen die in jedem dritten Fall handelsübliche Medikamente nichts ausrichten können. Während eines Anfalls feuern die Nervenzellen des Gehirns eine endlose Salve an Signalen ab. Dieses Neuronengewitter kann sich vermutlich nur dann zusammenbrauen, wenn es an Endocannabinoiden mangelt oder zu wenige Andockstellen im Gehirn vorhanden sind. Dass ein Mangel an Andockstellen zu Epilepsie führen kann, demonstrierte Lutz bereits bei Mäusen. Fehlen den Tieren die Bindungsstellen in einem bestimmten Teil des Gehirns, dem Hippocampus, so entwickeln die Nager die typischen Krampfanfälle.

Das Wohlfühlsystem auf Basis der körpereigenen Drogen ist bei Epileptikern offenbar in die Schieflage geraten. Ihnen könnten Medikamente helfen, die den natürlichen Abbau der Cannabinoide hemmen, hoffen die Forscher. "In Tierexperimenten kann der Abbau der körpereigenen Drogen um einen halben Tag hinausgezögert werden", berichtet Lutz. Die Schutzmänner für die Endocannabinoide tragen Kürzel wie UCM-707 und ODM-2.

Wirkung nur im Gehirn erwünscht

"In den Versuchen funktioniert das recht gut. Aber für den Patienten ist das Prinzip noch Zukunftsmusik", meint Lutz. Die große Kunst bestehe darin, den Abbau der Endocannabinoide nur in der Hirnregion zu bremsen, in der sich gerade ein Neuronengewitter entlädt. "Wenn man die Substanz unspezifisch überall im Körper bindet, dann wird vielleicht das Essverhalten verändert oder das Gedächtnis beeinträchtigt. Es treten viele unerwünschte Nebeneffekte auf", sagt Carsten Wotjak vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München.

Auch Wotjak befasst sich mit den körpereigenen Drogen und ihrer Funktion. Sie scheinen nämlich bei Tieren nicht nur epileptische Anfälle zu verhindern, sondern auch übertriebene Furcht abklingen zu lassen. Abbauhemmer der Endocannabinoide machen ängstliche Ratten unbeschwerter, beobachtete Wotjak. Vor der Therapie schrieen sieben Tage alte Jungtiere unentwegt nach ihrer Mutter, sobald diese sich entfernte. Dagegen nahmen sie mit den Abbauhemmern deren Abwesenheit mit weniger Geschrei hin.

Behandlung von Phobien und Traumata denkbar

"Solche Substanzen wird man nie zuhause im Sessel einwerfen können", glaubt Wotjak. Die Medikamente sollen nur in den Hirnarealen wirken, die bei der Verabreichung gerade aktiv sind. Wotjak schwebt deshalb eine begleitende Therapie vor: Zum Beispiel könnten einem Spinnenphobiker die furchteinflößenden Tiere vorgesetzt und gleichzeitig Abbauhemmer gegeben werden. Posttraumatische Erlebnisse etwa bei Soldaten nach einem Kriegseinsatz könnten durch die Konfrontation mit dem Schreckensereignis gemeinsam mit den neuen Arzneien behandelt werden.

Wotjak strebt als nächstes weitere Untersuchungen an, um herauszufinden, wie Endocannabinoide die Furcht beim Menschen steuern. Bevor Ärzte jedoch in die körpereigene Drogenproduktion eingreifen, um Erkrankungen zu kurieren, ist es noch "ein sehr weiter Weg", erklärt der Forscher.

Susanne Donner/DDP/DDP
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