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Scheitern ist wichtiger als perfekt sein

Es war Ehrgeiz, der die Autorin Claire Dederer zum Yoga trieb. Sie wollte besser, schöner, gelassener werden. Quatsch, wie sie heute weiß. Trotzdem ist sie drangeblieben.

Von Christine Kruttschnitt

  Claire Dederer ist freie Autorin. Ihre Essays, Rezensionen und Reportagen erschienen in der "Vogue", in der "New York Times", bei "Slate", im "Yoga Journal" und bei "The Nation". Sie lebt auf einer Insel nahe Seattle.

Claire Dederer ist freie Autorin. Ihre Essays, Rezensionen und Reportagen erschienen in der "Vogue", in der "New York Times", bei "Slate", im "Yoga Journal" und bei "The Nation". Sie lebt auf einer Insel nahe Seattle.

Frau Dederer, Sie haben Yoga einmal als den perfekten Zeitvertreib für selbstverliebte gutbürgerliche Frauen beschrieben ...

... und für superdünne, fanatische Vegetarierinnen! Ja, so sahen meine Vorurteile aus. Viele Jahre lang habe ich mich gegen Yoga gewehrt - obwohl oder vielleicht auch weil mir jeder in meiner Umgebung Yoga wärmstens ans Herz gelegt hat. Wegen meiner Rückenprobleme - ich konnte kaum meine neugeborene Tochter hochheben - und meiner Nervosität. Yoga, das ahnte bei allen Vorbehalten sogar ich, schien ein guter Weg, mich zu entspannen.

In Ihrem sehr unterhaltsamen Buch "Einatmen. Aufatmen. Mein Leben in dreiundzwanzig Yogastellungen" erklären Sie diese innere Unruhe mit den "Schrecken des Mutterdaseins".

Ich war besessen davon, alles richtig zu machen! Jede junge Mutter kennt diesen Druck: Du musst dein Baby so lange wie möglich stillen, koch ihm nur biodynamische Breichen, kauf teures Holzspielzeug, verwende Stoffwindeln, trag das Kind immer am Körper mit dir rum, zieh ihm giftfreie Strampler an, geh in Baby-Spielgruppen und so weiter. Und vergiss nicht deinen Job! Genieße außerdem ein erfülltes Sexualleben. Ach ja, und recyceln nicht vergessen.

War es also der Stress, der Sie in die Yogastunde getrieben hat?

Nein, mein Ehrgeiz. Ich wollte nicht nur die perfekte Mutter sein: Ich hoffte auch, ein besserer Mensch zu werden. Yoga sollte aus mir eine Art höheres Wesen machen. Spirituell, heiter, entspannt. Ich weiß noch, wie unglaublich stark und transzendent ich mir vorkam, als ich das erste Mal die Lord-of-the-Dance-Stellung schaffte, eine Kriegerpose. Nach drei Sekunden hab ich mir einen Rückennerv eingequetscht. So viel zur Transzendenz.

Spüren Sie heute, nach mehr als 15 Jahren Yogapraxis, die ersehnten Veränderungen?

Ich werde 47, ich beginne Falten zu schlagen und bekomme seltsame Ausbuchtungen und Teile, die hängen. Aber vielleicht hätte ich ohne Yoga davon noch viel mehr. Jedenfalls ist mein Körper beweglicher und stärker als je zuvor in meinem Leben, und das verdanke ich nur Yoga.

Und wie profitiert davon Ihr Seelenleben?

Beim Yoga habe ich gelernt, dass Perfektion gar nicht so wichtig ist. Derzeit bin ich in einem Kurs, den auch viele Manager besuchen, die sich immer in Konkurrenz zu anderen sehen und etwas beweisen wollen. Kürzlich war der Kurs voll von solchen Überfliegern. Da hat uns die Lehrerin eine superschwere Stellung machen lassen, immer wieder, es war schlicht unmöglich. Wir alle konnten es nicht. Ich fand es toll: Das Schöne am Yoga ist ja, dass es immer eine Steigerung gibt - jede Position lässt sich noch ein wenig länger halten, der Körper kann immer noch weiter gedehnt werden. Aber darauf kommt es gar nicht an. Du sollst einfach deine Übungen machen - und nicht andere beeindrucken.

Oder sich selbst?

Schon gar nicht. Was ich gelernt habe, ist: Vielleicht ist es wichtiger zu scheitern, als perfekt zu sein.

Sie schreiben, dass Sie sich im Studio anfangs fühlten wie in der Kirche. Fanden Sie das tröstlich?

Überhaupt nicht. Der religiöse Aspekt von Yoga hat mir nie gefallen. Die meisten Leute, die ich kenne, schätzen Yoga als Fitness-Trend, nicht als Heilslehre oder Philosophie. Ich war genauso, das ganze Getue mit Om und Mantras mochte ich nicht. Ein Freund von mir, der Yoga gerade geschmissen und wieder mit Joggen angefangen hat, rief beglückt: Nie wieder Betgesänge!

Warum haben Sie sich nicht auch abschrecken lassen?

Weil mir Yoga, Gesänge hin oder her, einfach guttat. Nach jeder Stunde ging ich gut gelaunt nach Hause, erfrischt, aber nicht ausgepowert. Ich fühlte mich wie ein Mensch gewordenes Pfefferminzbonbon! Und ich wurde ruhiger, war netter zu meinem Mann, zu meinem Baby und verlor nicht wie sonst die Geduld, wenn jemand vor mir an der Supermarktkasse nach Kleingeld kramte. Diese Stimmung wollte ich mir erhalten, deshalb bin ich immer noch dabei. Höre ich mich fanatisch an? Egal, bei mir funktioniert es einfach.

Können Sie einem Nicht-Yogi erklären, wie die Stellungen und das Spirituelle zusammenhängen?

Das Körperliche am Yoga ist wohltuend für Geist und Seele. Das ist das ganze Geheimnis: dass man eine geistige Veränderung durch körperliche Aktivität erfährt. Man muss sich nur darauf einlassen können, dass in diesen Asanas, also Positionen wie der Kerze, der Kobra oder dem Lotussitz, große Energie steckt - die Weisheit vieler Jahrhunderte. Es schadet niemandem, sich über die Entstehung und Herkunft der Übungen oder die Lehren der Gurus zu informieren. Aber ironischerweise nützt Yoga auch dem, der keine Ahnung hat. Roll die Matte aus, fang an, und du wirst ein anderer. Klingt simpel, aber so ist es.

Meditieren Sie oft?

Für mich ist Meditation Teil der Übungen, zum Beispiel beim nach unten schauenden Hund. Und jede Yogastunde endet mit einer Entspannungshaltung. Man liegt da wie ein Toter. Das ist schwer! Ich habe jeden Tag geübt. Und wieder was gelernt: Bring deinem Körper bei, Unbequemes auszuhalten, dann schafft es auch dein Geist.

Beim Meditieren, schreiben Sie, "kam meine Angst und Trauer hoch wie ein auftauchendes Seeungeheuer". Sie mussten weinen. Und während einer Meditation erkannten Sie auch das Ausmaß des Unglücks in Ihrer Ehe.

Jedes Mal wenn man meditiert, lernt man unangenehme Dinge über sich selbst.

Wie fand es Ihr Mann, dass Sie solche intimen Erkenntnisse in Ihrem Buch ausgebreitet haben?

Erträglich. Er kam eine Weile mit zum Yoga. Ich fand irritierend, wie schnell er alles kapiert hat.

Haben Sie mit Ihrem zweiten Kind Schwangerschaftsyoga betrieben?

Nein, das ist doch kein Yoga. Da liegen nur ein paar Frauen auf dem Boden und furzen.

Sie klagen über allerlei Gewichtsprobleme. Wollten Sie auch dünner werden mit Yoga?

Ja, wollte ich. Nicht die beste Motivation, aber so sind wir halt. Und wenn man schon mithilfe von Yoga abnehmen will, so wird man wenigstens gesünder dabei und versöhnt sich mit seinem Körper. Das schafft meines Wissens keine Diät.

Ihre Figur ist Ihnen nicht mehr so wichtig?

Doch, aber auf andere Art: Ich will lange leben. Je älter ich werde, desto wichtiger ist es mir, fit zu sein. Nicht schön.

Sie schreiben aber neidvoll von den straffen Armen Ihrer Yogalehrerin. Halten Sie die Methode für ein Schönheitsmittel?

Ja.

Ist Yoga gut für jedermann?

Absolut! Und ich meine nicht nur Leute, die sich in ihrer Haut wohlfühlen. Fitte, dünne Sportlertypen profitieren wahrscheinlich am wenigsten. Ich meine tatsächlich die Unsportlichen, Kranken, Verzweifelten, Behinderten: Sie hätten am meisten davon. Hier in Amerika gibt es Bestrebungen, Yoga populär zu machen bei Randgruppen wie Häftlingen, Kriegsveteranen, Langzeitpatienten, aber auch auffälligen Teenagern und krankhaft Übergewichtigen. Auch auf die Gefahr hin, wieder fanatisch zu klingen: Jeder sollte es versuchen.

Worauf müssen Anfänger achten, wenn sie in ein Yogastudio stolpern?

Zwei Dinge machen einen guten Kurs aus: dass unterschiedliche Leute teilnehmen, Männer, Frauen, Alte, Junge, Dicke und Dünne. Und dass Lehrer und Schüler miteinander lachen können. Seien wir ehrlich, unsere Körper sind an sich ein Witz.

Sie meistern inzwischen alle Posen, auch den gefürchteten Handstand. Wann haben Sie sich in eine richtige Yogini verwandelt?

Gar nicht! Ich komme mir vor wie eine Hochstaplerin.

Warum haben Sie dennoch ein Buch zum Thema geschrieben?

Weil ich mich Yoga mit Humor nähern wollte. So ein Buch habe ich nirgends gefunden. Es musste einfach raus aus mir, welch geradezu lachhaft tiefen Gefühle und Gedanken diese Stellungen in einem auslösen. So hatte ich eine total leidenschaftliche Beziehung zum Handstand, und zwischen der Dreieckshaltung und mir fanden heftige Dramen statt ... Eigentlich habe ich einen Liebesroman geschrieben.

An Yoga, Ihren Lebensretter?

Wer weiß, ob ich nicht in einer Strickgruppe ähnliche Erfahrungen gemacht hätte. Ich glaube, jede Form von körperlicher Anstrengung verändert den Menschen. Ich versuche jedenfalls, in Bewegung zu bleiben. Es ist ja wissenschaftlich erwiesen, dass man sich bewegen muss, wenn man nicht sehr bald für immer liegen bleiben will.

Was ist das Wichtigste, was Sie in den 20 Jahren voller Halten, Dehnen und Meditieren über sich gelernt haben?

Dass ich meine Schwächen und Fehler zulassen muss. Wenn wir immerzu versuchen, unser Leben zu "meistern", rauscht es tatsächlich an uns vorbei. Und beim Yoga geht es eben nicht darum, gut zu werden in einer fernen Zukunft. Es kommt vielmehr darauf an, das Glück in der Gegenwart zu erkennen.

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