Arzneimittelwächter überprüfen moderne Antibabypillen

4. Februar 2013, 13:58 Uhr

Bei modernen Antibabypillen ist das Risiko für eine Thrombose stark erhöht. Die europäische Arzneimittelbehörde prüft, wie gefährlich die Pillen sind. Kritiker fordern, den Verkauf einzuschränken.

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Das häufig als Antibabypille verschriebenes Akne-Medikament Diane 35 von Bayer wird in Frankreich wegen möglicher tödlicher Nebenwirkungen verboten©

Mehr als sechs Millionen Frauen in Deutschland schützen sich mit der Pille vor einer ungewollten Schwangerschaft. Dass Antibabypillen nicht ohne Nebenwirkungen sind und das Thromboserisiko erhöhen können, ist lange bekannt. In seltenen Fällen können sich durch die Hormonpräparate Blutgerinnsel entwickeln, die Lungenembolien und Schlaganfälle auslösen oder im Gehirn auftreten.

Allerdings variiert die Thrombosegefahr von Pille zu Pille. Vor allem Antibabypillen der dritten Generation stehen in der Kritik, da bei ihnen die Gefahr für Nebenwirkungen größer ist. Studien zufolge ist ihr Thromboserisiko mit bis zu 40 Fällen pro 100.000 Frauen im Jahr etwa doppelt so hoch wie bei Pillen der zweiten Generation, die als Gestagen Levonorgestrel enthalten. Auch neuere Pillen der sogenannten vierten Generation mit dem Wirkstoff Drospirenon wie Yasmin, Yaz oder Petibelle, die sehr häufig verordnet werden, haben demnach ein ähnlich hohes Risiko. Kritiker fordern seit Langem einen Verkaufsstopp für diese Pillen. Zum Vergleich: Das Thromboserisiko bei Frauen, die keine hormonellen Verhütungsmittel nehmen, liegt bei bis zu zehn Fällen pro 100.000 Frauen jährlich.

Frankreich debattiert über Risiken

In Frankreich wurde die Debatte unter anderem durch die im Dezember eingereichte Klage einer jungen Frau gegen Bayer neu angeheizt. Die Französin, die die Pille Meliane einnahm, erlitt 2006 einen Schlaganfall und ist seitdem schwerbehindert. Die Europäische Arzneimittel-Agentur (Ema) stellt die Pillen der dritten und vierten Generation deshalb nun auf den Prüfstand. Anschließend solle entschieden werden, ob solche Verhütungsmittel nur noch Frauen verschrieben werden dürften, die keine anderen Pillen einnehmen könnten.

Auch das häufig als Verhütungsmittel verschriebene Akne-Medikament Diane 35 will die Ema unter die Lupe nehmen, nachdem die französische Arzneimittelaufsicht angekündigt hat, das Mittel vom Markt zu nehmen. In Frankreich werden vier Todesfälle als Folge von Thrombosen mit Diane 35 in Verbindung gebracht. In Deutschland hat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Bonn wiederholt auf die Risiken der modernen Antibabypillen verwiesen. "Wir empfehlen, vor allem bei Erstanwenderinnen das Thromboserisiko zu berücksichtigen und Pillen der zweiten Generation zu bevorzugen", sagt ein Behördensprecher. Die Verschreibung von Diane 35 werde in Deutschland ohnehin "sehr restriktiv" gehandhabt.

"Unnötige Risiken"

Auch die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft rät, Frauen unter 30 Jahren bevorzugt Pillen der zweiten Generation zu verschreiben, auch wenn "aus kosmetischen Gründen" häufig Drospirenon-haltige Pillen zur Gewichtsreduzierung und Bekämpfung von Akne genommen würden.

Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) weist allerdings darauf hin, dass das Thromboserisiko nicht allein von der Zusammensetzung der Pille abhängig ist. Es gebe viele weitere Risikofaktoren wie Übergewicht, mangelnde Bewegung, Rauchen, höheres Alter, Schilddrüsenprobleme oder eine familiär bedingte Neigung zur erhöhten Blutgerinnung.

"Man kann nicht einfach sagen: Das Gestagen allein ist für die Thrombose verantwortlich, hier gibt es eine Vielzahl an Einflussfaktoren", sagt DGGG-Vorstandsmitglied Bettina Toth. Auch die Debatte um Diane 35 als vermeintliches Lifestyle-Mittel kann die Medizinerin von der Uniklinik Heidelberg nur schwer nachvollziehen. Es sei bei Frauen mit ausgeprägter Akne gut wirksam. "Es geht hier nicht um Lifestyle, sondern um handfeste medizinische Probleme bei extrem belasteten Frauen", betont sie. Zugleich warnt Toth vor Verunsicherung der Frauen. "Wer die Pille absetzt und auf eine andere umsteigt, hat erneut in den ersten zwölf Monaten ein erhöhtes Thromboserisiko."

Der Arzt Wolfgang Becker Brüser, Herausgeber des pharmakritischen "Arznei-Telegramms", begrüßt die neue Pillen-Debatte. Dadurch werde die Öffentlichkeit stärker sensibilisiert. "Man muss junge, gesunde Frauen nicht unnötig Risiken wie einer Lungenembolie aussetzen", ist Becker-Brüser überzeugt.

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