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Essen ist die beste Diät

Bloß nichts auslassen: Migräniker sollten auf regelmäßige Mahlzeiten achten, wen sie Attacken vorbeugen wollen.

Folgt man den Einträgen von Patienten in Internetforen, dann bedeutet ein ideales Migränemenü vor allem Verzicht: Kein Rotwein, kein Käse, keine Schokolade, schließlich enthalten die Genussmittel gefürchtete Auslöser von Schmerzattacken wie Histamin, Tyramin und Phenylethylamin. Die Liste der Auslassempfehlungen ist noch deutlich länger: Gewarnt wird vor Kaffee und Süßigkeiten, vor Bananen und Zitrusfrüchten, vor Avocados, Tomaten und eingelegten Heringen. Nicht zu vergessen asiatische Speisen mit Glutamat und Wurst mit Nitrat.

Jeder fünfte Migränepatient meint, dass Nahrung bei ihm Anfälle auslöst. Besonders Alkohol steht unter Verdacht. "Nach einer Erdbeerbowle im Sommer vergangenen Jahres hatte ich die schlimmste Migräne meines Lebens", schreibt eine Leidende in der "Migräne- Schule", dem Webforum der Schmerzklinik Kiel. Seitdem ernähre sie sich histaminarm. Anderen Betroffenen rät sie, auf verschiedene Lebensmittel zu verzichten.

Nahrungstabus sind zweifelhaft

Aus wissenschaftlicher Sicht sind diese Nahrungstabus zweifelhaft. "Bis heute gibt es keine Daten, die eine Grundlage dafür wären", sagt Hartmut Göbel, Leiter der Schmerzklinik Kiel. Bereits 2003 stellte eine Überblicksstudie die vermeintliche Gewissheit über die positive Wirkung von Auslassdiäten infrage. Denn Verzicht auf bestimmte Lebensmittel bewahrte die Teilnehmer der Untersuchungen nicht vor Migräneanfällen.

Der Kopfschmerzexperte Arne May, Neurologe an der Hamburger Universitätsklinik Eppendorf, gab Patienten immer wieder genau jene Lebensmittel zu essen, die sie für potente Auslöser hielten. Die Attacken blieben aus. Das heißt nicht, dass sämtliche Nahrungsbestandteile für alle Migränekranken unbedenklich sind. "Natürlich gibt es spezielle Trigger für jeden Einzelnen", sagt May, "und der Verzicht mag im Einzelfall helfen." Davon, generell bestimmte Nahrungsbestandteile zu meiden, rät er jedoch ab. "Die Mehrzahl der Geplagten schützt laktatfreies, glutenfreies oder histaminarmes histaminarmes Essen eben nicht." Keine medizinische Fachgesellschaft empfiehlt eine pauschale Migränediät.

Dass die Idee vom Verzicht auf Nahrungsmittel dennoch so stark verbreitet ist, hat vermutlich historische Gründe: In der Medizin des 19. Jahrhunderts herrschte die Überzeugung, Migräne sei eine Allergie, etwa auf Lebensmittel, und die "Giftstoffe" könnten mit Aderlass und Einläufen aus dem Körper geschwemmt werden. Die Vermutung ist längst wissenschaftlich widerlegt, war aber offenbar so eingängig, dass sie bis heute wirkt.

Keine Mahlzeit auslassen

Inzwischen richten die Mediziner ihr Augenmerk wieder auf die Ernährung, allerdings mit völlig anderem Ergebnis: Statt Verzicht empfehlen sie, keine Mahlzeit auszulassen, um den Attacken wirksam vorzubeugen.

Seit einigen Jahren gehen Forscher davon aus, dass Gehirnzellen von Migränekranken ständig besonders aktiv arbeiten. Für diese besondere Wachheit brauchen sie sehr viel Energie. Die Wissenschaftler vermuten, dass das Gehirn der Betroffenen deshalb schnell in eine Notlage gerät. Ihm stehen dann zu wenig von den aktivierenden Stoffen zur Verfügung, die die Zellmaschinerie in Gang halten.

Der Neurologieprofessor Göbel spricht von einem "Energiedefizit der Nervenzellen", das nach kurzer Zeit zu den hämmernden Schmerzen führe. Sein Hamburger Kollege May formuliert vorsichtiger: Sicher sei, dass das Gehirn Migränekranker eklatant anders "haushalte mit Energie". Diese Unterschiede gelte es weiter zu erforschen. Beide eint die Vorstellung, dass ein disziplinierter Lebenswandel - darunter häufige, regelmäßige und gesunde Mahlzeiten - zu weniger Attacken führt. Fasten sei dagegen sicher ein Risikofaktor. Hartmut Göbel rät seinen Migränepatienten zu fünf Mahlzeiten am Tag, denn die sorgten für eine regelmäßigere Energiezufuhr, ein Müsli-Riegel zwischendurch sei besser, als - etwa auf Reisen - ein Mahlzeit ganz ausfallen zu lassen.

Zucker ist rehabilitiert

Nach diesem Forschungsstand ist Zucker, vor dem in Migräneforen häufig gewarnt wird, rehabilitiert, schließlich verwandelt das Gehirn ausschließlich Kohlenhydrate in Energie um.

Am wichtigsten sei morgens, wenn die Energiespeicher nach langer Nacht leer seien, ein reichhaltiges Frühstück, sagt Göbel. Bei Kindern mit Migräne sei eine Schmerzattacke fast schon garantiert, wenn sie die Morgenmahlzeit ausließen. Aber auch nach dem Sport rät der Neurologe Migränikern zu einer ordentlichen Mahlzeit.

Also essen, was schmeckt?

So weit gehen die Empfehlungen der Experten dann doch nicht. Kritisch sind fettes Fleisch und fetter Fisch, die schwer im Magen liegen. Auch stark Gesalzenes, Geräuchertes, Gepökeltes oder scharf Gewürztes gilt als bedenklich, weil es den Körper eher belastet.

Hartmut Göbel schult seine Patienten in einem speziellen Kurs, damit sie die Angst vor der Ernährung verlieren und lernen, Essen zu genießen. Er hat sich von seiner Schwester, die Ernährungswissenschaftlerin ist, ein bayerisches Kochbuch empfehlen lassen. Man mag es angesichts von Eisbein und Sauerkraut kaum glauben, aber in den Menüs seien die Regeln der Schonkost gut umgesetzt.

Einige Wissenschaftler gehen inzwischen davon aus, dass Kopfschmerzpatienten über das Essen allein nicht genug von bestimmten für die Hirnzellen wichtigen Stoffen aufnehmen können. Der belgische Forscher Jean Schoenen etwa und der Schweizer Neurologe Peter Sandor vermuten, besondere Nahrungsergänzungsmittel könnten helfen, Migräneattacken vorzubeugen: Hoch dosiertes Vitamin B2, Coenzym Q 10 und Magnesium verbesserten den Energiestatus der Zelle, indem sie deren Kraftwerke, die Mitochondrien, unterstützen.

Vitamin B2 könnte helfen

Erste Ergebnisse ihrer Forschergruppen deuten darauf hin, dass Vitamin B2 die Attackenhäufigkeit senken könnte - allerdings nur bei Einnahme von sehr hohen Dosen. Zum Vergleich: Nach den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung braucht der Körper eines Gesunden täglich 1,3 Milligramm von dem Vitamin. Migränepatienten empfehlen die Neurologen hingegen, über den Tag verteilt die gewaltige Menge von bis zu 600 Milligramm aufzunehmen.

Der Hamburger Kopfschmerzexperte May hat diese Menge im Selbstversuch geschluckt - und war nicht begeistert: "Das sah zu orange aus und roch nicht gut." Zudem sei er nicht sicher, dass es wirke, seinen Patienten verordne er die Supplementierung nicht. Aber er rät auch nicht ab. Weder schade Vitamin B2 in dieser Dosis, noch sei es allzu teuer. Migräne, sagt May, sei eine "intelligente Erkrankung", und vielleicht lasse sich das Hirn von so einer großen Portion Zuwendung ja doch beeindrucken.

Kirsten Bodde/GesundLeben

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