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Das Gezerre um das liebe Fett

Seit Jahren empfehlen Experten, weniger tierische Fette zu essen, um das Herz zu schützen. Eine neue Meta-Analyse stellt dies erneut infrage. Ist das der Freifahrtsschein fürs Schlemmen? Leider nein.

Von Sonja Helms

  Seit Jahren streiten Experten um das Fett, insbesondere um die gesättigten Fettsäuren. Eine neue Meta-Analyse stellt offizielle Empfehlungen nun infrage.

Seit Jahren streiten Experten um das Fett, insbesondere um die gesättigten Fettsäuren. Eine neue Meta-Analyse stellt offizielle Empfehlungen nun infrage.

Die meisten kennen das Mantra. In den vergangenen Jahrzehnten haben wir immer wieder gehört, dass wir Fett meiden sollten, vor allem die bösen gesättigten Fettsäuren, die in tierischen Produkten vorkommen - unter anderem, um das Herz und die Gefäße zu schützen. Butter, Sahne, Käse und rotes Fleisch genießen noch immer einen eher schlechten Ruf, wenn es um die Gesundheit geht, wohingegen ungesättigte Fettsäuren, etwa die in pflanzlichen Ölen, als gesund gelten. Eine neue Meta-Analyse, die kürzlich im Fachblatt "Annals of Internal Medicine" veröffentlicht wurde, stellt dieses Dogma nun erneut infrage. Erneut, weil zum einen der Streit um das Fett schon seit vielen Jahren tobt und zum anderen, weil es laufend Publikationen gibt, die sich mit diesem Thema befassen.

Die jüngste Meta-Analyse stammt von einer internationalen Forschergruppe unter der Führung von Rajiv Chowdhury von der Universität Cambridge. Sie ist nicht die erste, aber eine der umfangreichsten Übersichtsarbeiten, die den Einfluss der verschiedenen Fettsäuren auf das Herzerkrankungsrisiko untersucht hat. Das Fazit der Autoren: Die offiziellen Empfehlungen hinsichtlich des Fettverzehrs stehen wissenschaftlich auf wackeligen Füßen - die Datenlage unterstützt die entsprechenden Botschaften jedenfalls nicht.

Ist das nun der Freifahrtschein für hemmungsloses Schlemmen? Nein, den wird es nie geben. Aber sind Butter, Sahne, Käse, Fleisch vielleicht doch nicht so schlimm wie immer behauptet? Einig sind sich die Experten da keineswegs.

Umfassende Auswertung vorliegender Studien

Die Wissenschaftler werteten fast 80 Einzelstudien zu dem Thema aus, mehr als 600.000 Teilnehmer aus 18 Nationen sind darin eingeschlossen. 32 dieser Arbeiten waren Beobachtungsstudien mit mehr als 530.000 Teilnehmern, die Ernährungsprotokolle führten und deren Gesundheit über Jahre hinweg beobachtet wurde. Hinzu kamen 17 Beobachtungsstudien mit mehr als 25.000 Teilnehmern, deren Blut auf den Gehalt bestimmter Fettsäuren untersucht wurde, man erfasste darin sogenannte Biomarker für diese Fettsäuren. Ebenfalls enthalten waren 27 kontrollierte Interventionsstudien, in denen mehr als 100.000 Teilnehmern nach dem Zufallsprinzip ungesättigte Fettsäuren als Nahrungsergänzungsmittel oder ein Scheinpräparat gegeben wurde, vor allem Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren.

Das Ergebnis ihrer Analyse: Es gebe zwar einige Hinweise darauf, dass ein hoher Spiegel zwei bestimmter Omega-3-Fettsäuren, der Eicosapentaensäure (EPA) und der Docosahexaensäure (DHA) im Blut mit einem geringeren Risiko für einen Herzinfarkt einhergehe. Allerdings bringe es nichts, diese Fettsäuren in Form von Kapseln zu sich zu nehmen – das Risiko würde dadurch nicht nennenswert gesenkt.

Eine weitere interessante Erkenntnis: Die Forscher fanden keinen Beleg dafür, dass der Verzehr von gesättigten Fettsäuren das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhe. Im Gegenzug könnte die Margarinsäure, eine gesättigte Fettsäure, die in Milch und in Milchprodukten vorkommt, möglicherweise sogar einen gewissen Schutzeffekt für das Herz haben.

Transfettsäuren aber, da ist die Beweislage eindeutig, sollte man nach wie vor meiden, weil sie als einzige Fettsäure dem Herz-Kreislauf-System schadet. Transfettsäuren entstehen unter anderem beim Frittieren und bei der industriellen Teilhärtung pflanzlicher Fette und stecken zum Beispiel in Pommes, Fertigprodukten und Keksen.

Autoren regen an, Empfehlungen zu überarbeiten

Die Autoren räumen ein, dass es zu früh sei für eine endgültige Bewertung. Selbstauskünfte bei Ernährungsprotokollen seien oft chronisch unzuverlässig, und in die Blutwerte würde auch der Konsum von Kohlenhydraten und Alkohol sowie andere Stoffwechselvorgänge mit einfließen. In den Studien zur Nahrungsergänzung, schreiben sie, habe es relativ wenig Datenmaterial von anfangs gesunden Probanden gegeben – die meisten aufgenommenen Teilnehmer hatten bereits eine Herzerkrankung erlitten oder waren zumindest gefährdet. Daher seien weitere Studien nötig. Derzeit würden zwei Arbeiten zur Vorbeugung laufen, an deren Ergebnissen sie sehr interessiert seien.

Dennoch stellen die Autoren die derzeit geltenden Ernährungsempfehlungen vieler Fachgesellschaften infrage und meinen, dass eine Überarbeitung angeraten wäre.

Der Münchner Ernährungswissenschaftler Nicolai Worm sieht das genauso: "Die einzelnen Studien, die in diese umfassende Meta-Analyse eingegangen sind, haben für jeden einsehbar schon immer darauf hingewiesen, dass gesättigte Fettsäuren kein Risiko und die Pflanzenfette kein Schutzfaktor sind. Das Skandalöse ist, dass man diese Erkenntnisse bisher ignoriert hat."

DGE hält an Empfehlungen zur fettarmen Ernährung fest

Damit bezieht er sich vor allem auf die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), die an ihren Empfehlungen festhält: viel Gemüse, viele Getreideprodukte, am besten aus Vollkorn, und wenig Fett. Insbesondere warnt sie vor gesättigten Fetten: "Zu viele gesättigte Fettsäuren erhöhen das Risiko für Fettstoffwechselstörungen, mit der möglichen Folge von Herz-Kreislauf-Krankheiten. Bevorzugen Sie pflanzliche Öle und Fette, zum Beispiel Raps- und Sojaöl und daraus hergestellte Streichfette", heißt es in einer der zehn Regeln zur gesunden Ernährung, die erst im November 2013 aktualisiert wurden.

Eine Anpassung sei derzeit nicht nötig, sagt Angela Bechthold von der DGE zu stern.de. Die aktuelle Meta-Analyse bestätige nur, was bekannt sei: Isoliert betrachtet hätten gesättigte Fettsäuren keine signifikante Risikobeziehung zu koronaren Herzerkrankungen. "Mit einem simplen 'Scheuklappenblick' auf die einzelnen Fettsäuren lassen sich die Beziehungen zwischen der Zufuhr von Fettsäuren und dem Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen aber nicht erfassen."

Matthias Schulze vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke, der die Leitlinien der DGE zum Fettverzehr mit erarbeitet hat, würdigt die umfangreiche Arbeit der Kollegen zwar, findet jedoch einige Details fraglich "Man hat nicht untersucht, ob im Einzelnen gesättigte Fette zum Beispiel gegen Kohlenhydrate oder ungesättigte Fette ausgetauscht wurden", sagt er. "Das würde sich aber jeweils sehr unterschiedlich auf den Stoffwechsel und das Erkrankungsrisiko auswirken." Dies müsste genauer erforscht werden.

Der Streit geht weiter

"Das ist richtig", sagt Worm. "Doch leider erhält man auch keine Antwort auf die Frage, ob die Beweislage für die seit Jahrzehnten geäußerten Empfehlungen besser ist", kritisiert der Ernährungswissenschaftler die Haltung der DGE. "Es wird nie darauf hingewiesen, dass man vor der schwachen Evidenz eigentlich keine konkrete Empfehlung geben dürfte."

So werden die Experten weiterhin über das Fett debattieren. Und die anderen? Die müssen sich in der Zwischenzeit nicht die Butter vom Brot nehmen lassen und können mit Genuss und ohne schlechtes Gewissen auch mal Käse, Sahne oder Fleisch essen. Ein Freifahrtschein für Völlerei ist dies selbstverständlich nicht.

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