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Das Märchen vom Entschlacken

Schlacken gibt es nicht, auch wenn die Entgiftungsbranche das behauptet. Und so teure Kuren anbietet, dass man Galle spucken könnte.

Von Nicole Heißmann

  Wer Obst und Vollkorn statt Fast Food und Süßes zu sich nimmt, kann ohnehin auf teure Kuren verzichten

Wer Obst und Vollkorn statt Fast Food und Süßes zu sich nimmt, kann ohnehin auf teure Kuren verzichten

  • Nicole Heißmann

Wie entspannt war doch das Leben, als anständige Gefahren noch draußen im Walde lauerten. Die Plagen von heute sind dreister: Sie machen es sich inmitten des Körpers gemütlich und vergiften uns von innen. Es geht die Legende um, dass der Genuss von Fast Food, Zucker und Alkohol im Körper lästige Schlacken anhäufe, im Darm zum Beispiel oder im Bindegewebe. Müde machen diese Rückstände angeblich, und sie ruinieren die Haut und die Figur. Auch vor Oxidantien wird im Internet gewarnt: Diese aggressiven Formen von Sauerstoff fallen im Stoffwechsel laufend an und über sämtliche Gewebe her. Keine Frage, dass man die Störenfriede schnell loswerden will.

Rettung versprechen trendige "Detox"-Produkte: Spezielle Kräutertees sollen den Körper von Schlacken befreien, Obst- und Gemüsetrünke schädliche Oxidantien abfangen. Mal werden exotische Früchte wie Aronia- oder Goji-Beeren empfohlen, mal schlichte Getreideflocken. Manche Firma liefert sogar komplette Menüs für mehrere Wochen - vom Frühstücksmüsli bis zum Abend-Snack.

Durch "Detoxen" fühle man sich wacher und leistungsfähiger, verheißt die Werbung. Aber was ist dran an der Entgiftungskur für zwischendurch?

Ein Leben ohne Gifte gibt es nicht, das zumindest ist klar. Kleinste Mengen Schwermetalle atmen wir mit dem Straßenstaub ein, Rückstände von Pestiziden finden sich auf der Schale von Äpfeln oder Weintrauben, Fleisch ist weltweit mit Spuren von Dioxinen belastet, Frittiertes enthält ungesunde Transfettsäuren.

Kein Erlass von Ernährungssünden

Auch der menschliche Stoffwechsel selbst produziert ständig Müll. Die Idee von Schlacken lehnen Ernährungswissenschaftler allerdings ab, nicht zuletzt, weil noch nie jemand solche Substanzen nachgewiesen hat. Oxidantien entstehen dagegen durchaus. Im Alltag können sie uns jedoch wenig anhaben. Die Evolution hat Menschen und andere Lebewesen mit körpereigenen Entgiftungssystemen ausgestattet. Pflanzen bilden dafür Antioxidantien, und der Mensch beherbergt in seiner Leber einen effizienten Chemiebaukasten zum Abbau unerwünschter Substanzen.

Hoch gepokert wirken dagegen die Versprechen der Detox-Branche: Zwar enthalten viele Früchte reichlich Antioxidantien wie Vitamin C oder E, die im Reagenzglas freie Radikale gut abpuffern. Dass man aber Alltagsgifte unschädlich machen kann, indem man die schützenden Substanzen einfach isst, ist nicht belegt.

Unterm Strich erscheint "Detox" als hübscher Mythos, herumgestrickt um einen wahren Kern: Wer eine Weile statt Pommes und Süßem lieber Obst und Vollkorn isst, erspart seinem Stoffwechsel viel Fett und Zucker. Zudem verwöhnt er ihn dafür mit Vitaminen und anderen Nährstoffen. Dass eine teure Kur vergangene Ernährungssünden ungeschehen machen könnte, erinnert jedoch eher an eine erfolgreiche Erfindung aus dem Mittelalter: den Ablasshandel.

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