Das taugt die Acht-Stunden-Diät

22. Juli 2013, 10:30 Uhr

Statt Kalorien lieber Stunden zählen - so lautet der neueste Tipp, um schlank und fit zu bleiben. Unsere Autorin hat die Acht-Stunden-Diät ausprobiert. Von Antje Brunnabend

Als Studentin wollte ich einmal zwei Kilo abnehmen und begann eine Diät. Aber ich konnte mich nicht daran halten, und meine Gedanken kreisten ständig ums Essen. Es endete damit, dass ich mehr wog als zuvor. Seither mache ich einen Bogen um sämtliche Abnehmpläne. Lieber arrangiere ich mich mit ein paar Pfunden zu viel.

Warum also habe ich mich nun dazu verleiten lassen, dem neuesten Abnehmtrend zu folgen, der durchs Internet geistert? Weil die "Acht-Stunden-Diät", wie etwa der Fitness-Autor David Zinczenko das Prinzip nennt, nichts mit Kalorienzählen zu tun hat. Vielmehr handelt es sich um ein Zeitfenster fürs Essen: Man dehnt die Zeit, in der man nachts nichts isst, auf 16 Stunden aus und nimmt nur binnen acht Stunden Nahrung zu sich, dann aber nach Belieben. Denn immer mehr Studien legen nahe, dass es nicht nur darauf ankommt, was wir essen, sondern auch wann.

Pausen sind gut

Furore gemacht hat im vergangenen Jahr ein Versuch an Mäusen, die mit besonders fettreicher Nahrung gemästet wurden. Während eine Gruppe rund um die Uhr essen konnte, wurde der anderen die Nahrung nur acht Stunden lang angeboten. Obwohl die Gesamtmenge der aufgenommenen Kalorien gleich war, unterschieden sich die beiden Gruppen nach 100 Tagen verblüffend: Die Daueresser waren fett geworden und hatten am Ende einen hohen Blutzuckerwert, einen hohen Cholesterinwert und Leberschäden. Die nicht ständig futternden Nager aber wogen nicht nur im Durchschnitt ein sattes Viertel weniger, sondern überstanden die Mast auch ohne gesundheitliche Schäden. Daraus schlossen die Wissenschaftler des Salk Institute in La Jolla, Kalifornien, eine längere Pause zwischen den Mahlzeiten könne offenbar die Folgen einer zu kalorienreichen Ernährung kompensieren.

Das ist nicht der einzige Vorteil, den "intermittierendes Fasten" - so heißt der zeitweilige Verzicht auf Nahrung - mit sich bringt. Studien haben gezeigt: Fastende Tiere leben länger, etwa um 30 Prozent. Und die Pausen vom Essen halten nicht nur den Körper, sondern auch den Geist fit. "Fasten wirkt auf Nervenzellen ähnlich wie Training auf Muskelzellen", sagt der Neurobiologe Mark Mattson, der in Baltimore Alterungsvorgänge erforscht. "Es ist eine leichte Form von Stress. Die Zellen reagieren darauf mit Anpassungsprozessen und funktionieren besser." Fasten beugt degenerativen Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson vor und führt dazu, dass vermehrt BDNF (Brain-Derived Neurotrophic Factor) gebildet wird, ein Stoff, der Nervenzellen sprießen lässt.

Je mehr Licht, desto mehr Zuckerkranke

Allerdings beruhen die meisten dieser Forschungsergebnisse auf Tierversuchen, und Menschen sind keine Mäuse. Deren Stoffwechsel ist um ein Vielfaches schneller. Niemand weiß, wie viel Stunden Nahrungsentzug bei Menschen dem 16-stündigen Fasten der Versuchsmäuse entspricht. Traditionelle Fastenkuren dauern vielleicht nicht ohne Grund mindestens fünf Tage. Zudem basieren auch die meisten Tierversuche auf längeren Perioden von Nahrungsentzug. Der Biochemiker Valter Longo, der Krebs und Alterungsprozesse untersucht, experimentiert mit Hungerphasen von 48 Stunden. In anderen Studien bekamen die Versuchstiere jeden zweiten Tag Futter - hungerten also 24 Stunden lang. Dieses alternierende Fasten (abwechselnd einen Tag normal essen, am nächsten maximal 500 Kilokalorien zu sich nehmen) hat sich in ersten Versuchen mit übergewichtigen US-Bürgern bewährt: Die Teilnehmer nahmen deutlich ab, Blutdruck, Blutfette und Entzündungswerte verbesserten sich - auch dann, wenn sie an ihren "normalen" Tagen Fast Food aßen.

Jeden zweiten Tag durchgehend zu hungern, kann ich mir nicht vorstellen. Doch kann allein der Verzicht aufs Abendessen oder aufs Frühstück schon Wunder wirken? "16 Stunden sind recht kurz", urteilt Andreas Michalsen, Chefarzt am Immanuel-Krankenhaus in Berlin, der die Forschung aufmerksam verfolgt. "Wahrscheinlich wird man so nicht alle belegten Vorteile des Fastens erfahren." Dennoch sei ein Versuch zu empfehlen. "Lange Esspausen sind gut, so viel ist klar. 16 Stunden fasten ist jedenfalls besser, als ständig zu futtern."

Lange Phasen ohne Nahrungsaufnahme seien früher gang und gäbe gewesen, sagt Satchidananda Panda, der den Mäuseversuch am Salk Institute geleitet hat, der Körper sei daran angepasst. Früher endete die Nahrungsaufnahme mit Einbruch der Dunkelheit, heute gehen wir oft noch spät an den Kühlschrank - und wenige Stunden später gibt es wieder Frühstück. Panda glaubt, dass die Ausdehnung der "Fütterungszeiten" zur Adipositas-Epidemie beige-tragen hat. Er verdeutlicht den Zusammenhang gern an einer Grafik, die nächtliches Licht und Diabetes-Raten in den Vereinigten Staaten zeigt: je mehr Licht, desto mehr Zuckerkranke.

Übernommen aus ... stern Gesund leben Ausgabe 04/2013
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