Voll auf Zucker, voll fett

13. März 2012, 10:20 Uhr

Kinderlebensmittel werden aggressiv beworben. Doch statt gesund sind die Produkte vor allem eines: zu süß und zu fett, wie ein Marktcheck von Foodwatch zeigt. Von Lea Wolz

Kinderlebensmittel, Foodwatch, Verbraucherorganisation

Kinderlebensmittel gibt es zahlreiche - 1500 hat Foodwatch unter die Lupe genommen©

Paula ist cool und süß - viel zu süß. Der Pudding, den Dr. Oetker auf einer eigenen Website als "köstlichen und kindgerechten Pudding-Spaß" anpreist, ist tatsächlich eine Zuckerbombe. Daran kann auch die Kuh, die gezielt als Werbemaskottchen eingesetzt wird und Bauernhof-Natürlichkeit verbreiten soll, wenig ändern. So enthält etwa ein Becher "Paula Vanille-Pudding mit Schokoflecken" 16,3 Gramm Zucker - was fünf bis sechs Stück Würfzelzucker entspricht. Gäbe es die Lebensmittelampel, würde sie rot zeigen.

Doch Paula ist nur ein Beispiel für den riesigen Markt der Kinderlebensmittel, den "Foodwatch" nun in einem Report beleuchtet hat. 1500 solcher speziell für die jüngsten Konsumenten angepriesenen Produkte hat die Verbraucherorganisation unter die Lupe genommen - und nach den Kriterien der Ernährungspyramide des Informationsdienstes "aid" bewertet. Diese zeigt an, welche Lebensmittel ohne Einschränkung genossen werden können (grün), zu welchen nur in Maßen gegriffen werden sollte (gelb) und welche nur äußerst sparsam auf den Teller kommen sollten (rot).

Ergebnis des Marktchecks: 1109 Produkte und damit fast drei Viertel der untersuchten Kinderlebensmittel fallen in die rote Kategorie und sind laut Foodwatch ungesunde, süße und fettige Snacks. Sechs Prozent - darunter vor allem gezuckerte Milchprodukte - sollten nur sparsam genossen werden, etwa fünf Prozent sind nicht genau zuzuordnen. Lediglich zwölf Prozent der Kinderlebensmittel gehören in die grüne Kategorie und dürfen daher von Kindern reichlich verzehrt werden. Dabei handelt es sich laut Foodwatch vor allem um Frucht- oder Apfelmus, Trockenobst, Tomatensaucen oder Nudeln. Auch bei den Bio-Produkten sieht die Verteilung nicht viel besser aus. Sich mit Kinderlebensmitteln ausgewogen zu ernähren, sei praktisch unmöglich, kritisiert Foodwatch.

Auf Junkfood programmiert

Auch Silke Schwartau, Ernährungsexpertin der Verbraucherzentrale Hamburg, sieht Extra-Produkte für Kinder äußerst kritisch. "Da diese als Kinderlebensmittel deklariert sind, erwarten viele Verbraucher, dass sie für Kinder besonders geeignet sind." Das habe erst kürzlich wieder eine vom Bundesverband der Verbraucherzentralen in Auftrag gegebene Umfrage gezeigt. Doch das Gegenteil sei häufig der Fall. "Die Produkte sind aromatisiert, enthalten zu viel Fett oder zu viele ungesunde gesättigte Fettsäuren, zu viele Kalorien oder zuviel Salz", sagt sie.

Und eine Fehlernährung hat Folgen: "Erwachsene und Kinder sind massenhaft übergewichtig, weil sie zu viel vom Falschen essen", heißt es in dem Foodwatch-Report. Übergewicht wiederum begünstigt die Entstehung von Folgeerkrankungen wir Bluthochdruck oder Diabetes.

"Die Industrie will Kinder so früh wie möglich auf ungesundes Junkfood programmieren", kritisiert Anne Markwardt von Foodwatch. Der Grund: "Mit Obst und Gemüse lässt sich nur wenig Profit machen - mit Junkfood und Softdrinks schon mehr. Es lohnt sich ganz einfach nicht, gesunde Produkte ans Kind zu bringen."

Teure Extrawürste

Tatsächlich sind die unnötigen Extrawürste für Kinder meist teuer. Doch Eltern geben das Geld mitunter gerne aus - glauben sie doch, ihrem Nachwuchs mit den speziellen Lebensmitteln etwas Gutes zu tun. So sind Müslis mit Vitaminen angereichert, in Milchprodukten soll zusätzliches Kalzium die Knochen stärken.

Laut Schwartau werden Verbraucher so bewusst in die Irre geführt. "So ist etwa ein Milchkrug abgebildet, tatsächlich findet sich in dem Produkt nur Milchpulver. Wird das darin enthaltene Kalzium mit dem enthaltenen Fett und Zucker ins Verhältnis gesetzt, verpufft der gesundheitliche Nutzen schnell." Ein Glas fettarme Milch zu trinken, sei da viel gesünder.

Mit Vitaminen sind Kinder in Deutschland ohnehin ausreichend versorgt, wie verschiedene Studien zeigen. Und mehr hilft hier nicht immer mehr: So warnt das Bundesinstitut für Risikobewertung, dass ein Zuviel an Vitaminen und Mineralstoffen auch schädlich sein und etwa zu Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen führen könne.

Verbot von an Kinder gerichtete Werbung

Um Fettfallen und Zuckerbomben zu enttarnen, rät Schwartau dazu, einen Blick auf die Zutatenliste zu werfen - und sich nicht von bunten Comicfiguren oder eingängigen Slogans täuschen zu lassen. Denn Kinderlebensmittel werden aggressiv beworben. So gibt es eigene produktbezogene Internetseiten, auf denen Kinder mit Onlinespielen oder Werbeartikeln geködert werden. Selbst "Lernunterlagen" oder "Unterrichtsmaterialien" finden sich dort. "Da Kinder nicht zwischen neutraler Information und Werbung unterscheiden können, fordern wir schon lange ein Verbot von an Kinder gerichtete Werbung für solche Produkte", sagt Schwartau.

Hier sieht auch Foodwatch Handlungsbedarf: Das Marketing von Produkten wie Süßwaren, Chips oder Softdrinks dürfe nicht mehr auf Kinder abzielen. "Das heißt: Schluss mit Comicfiguren, Spielzeug, Stars und Sternchen, Gewinnspielen und Gimmicks auf der Verpackung." Und noch etwas anderes ärgert die Organisation. Lebensmittelunternehmen würden zahlreiche Sport- und Bewegungsinitiativen sponsern - statt sich auf ihre Kernkompetenz zu besinnen und gesunde Produkte auf den Markt zu bringen. So würde der "angebliche Bewegungsmangel und nicht die eigenen Produkte zum Gegenstand der Diskussion über einen gesunden Lebensstil", kritisiert Foodwatch.

"Wir teilen die Sorge um die gesundheitlichen Folgen des Übergewichts bei Kindern und begrüßen Initiativen, die diesem Trend mit geeigneten Maßnahmen entgegentreten", teilt Dr. Oetker auf Anfrage von stern.de mit. Bei dem Paula-Pudding handele es sich "weder um ein besonders zucker- noch um ein besonders fetthaltiges Produkt". Bei einer vielseitigen und ausgewogenen Ernährung mit ausreichender Bewegung führe dieser selbst bei täglichem Genuss nicht zu Übergewicht.

Fakt ist: Kinder brauchen keine teure Spezialkost. Ab dem Alter von einem Jahr gilt für die Kleinen, was für die Großen gilt: Eine ausgewogene Ernährung sollte aus viel Gemüse, Obst und Getreideprodukten bestehen. Dazu kommen in Maßen Milchprodukte, Fleisch und Fisch und möglichst wenig Fett. Der Durst sollte vor allem mit Wasser gelöscht werden.

Wer dennoch zu Kinderprodukten greift, muss sich bewusst machen, dass die meisten schlichtweg Süßigkeiten sind. Und für diese gilt: nicht mehr als eine Handvoll pro Tag.

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Die stern-Expertin
Professorin Ursel Wahrburg steht dem Ratgeber Ernährung als Expertin zur Seite. Sie lehrt und forscht an der Fachhochschule Münster.