Was ist dran am Wunderkraut?

24. Mai 2012, 22:55 Uhr

Stevia, das Süßkraut, verspricht ein gesunder Zuckerersatz ohne Kalorien zu sein - und das ganz natürlich und pflanzlich. Doch stimmt das? Von Richard Friebe

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Stevia ist süßer als Zucker und ohne Kalorien. Doch was taugt der Zuckerersatz wirklich?©

Kalorienfreie Zuckerersatzstoffe haben sich trotz Diet Coke und Natreen-Klick-Klick nie wirklich durchgesetzt. Sie erreichen nicht den reinen Geschmack des Originals, immer wieder gibt es Meldungen zu möglichen negativen Gesundheitswirkungen. Einige, etwa der Weltmarktführer Aspartam, sind nicht hitzebeständig. Und auch der erhoffte Effekt auf der Waage bleibt oft aus. Seit vorigem Jahr sind nun aus der südamerikanischen Steviapflanze gewonnene natürliche Süßstoffe auf dem Markt. Ist Stevia das magische Kraut, das gegen unsere Abhängigkeit von Zucker gewachsen ist?

Zunächst der Geschmack. Stevioside, die aus der Pflanze isolierten Süßmacher, sind wirklich sehr süß, etwa 300-mal mehr als Kristallzucker. Sie sind auch sehr hitzebeständig, aber auch sie haben nicht den reinen und mit der Menge einfach nur stärker werdenden Zuckergeschmack. Testpersonen haben mit Stevia gesüßte Speisen teilweise besser, teilweise schlechter bewertet als mit Zucker hergestellte. Die aus der Pflanze gewonnenen Moleküle haben gleichzeitig einen bitteren Geschmack, der bei einer normalen Dosis kaum auffällt. Er stört aber, wenn man zu viel nimmt. Man könnte alternativ auch die getrockneten Blätter verwenden, doch die gelten nach EU-Recht als "Novel Food" und dürften erst nach einem aufwendigen Zulassungsverfahren in den Handel kommen.

Kein neues Nahrungsmittel

Ein "Neues Nahrungsmittel" ist Stevia nicht. Ureinwohner Brasiliens und Paraguays benutzen die Blätter seit Jahrhunderten, in Japan wird der Süßstoff seit den 70er Jahren verwendet. Negative gesundheitliche Effekte sind nicht nachgewiesen. Allerdings gibt es ein paar Studien mit Zellkulturen und Versuchstieren, die auf mögliche krebsfördernde und die männliche Fruchtbarkeit hemmende Effekte hinweisen. Sie wurden aber mit Steviagaben durchgeführt, die jenseits des in der Küche Üblichen lagen. Außerdem haben sich die Ergebnisse in anderen Labors meist nicht bestätigt. Die Lebensmittelchemikerin Ursula Wölwer-Rieck von der Universität Bonn sagt, die Sicherheit der Stevioside sei "mehr als ausreichend nachgewiesen" und mit bösen Überraschungen sei nicht zu rechnen.

Deutlich mehr Hinweise gibt es darauf, dass Stevia-Inhaltsstoffe sogar eine Anti-Krebs-Wirkung haben. Auch gilt als sicher, dass sie für Diabetiker besser als Zucker sind. Zudem tritt Karies seltener auf. Die Stevioside wirken außerdem als natürliche Antioxidantien. In hohen Dosen können sie bei Hochdruckpatienten angeblich den Blutdruck senken - aber dafür reicht die gewöhnliche Dosis fürs Süßen nicht aus. Auch von anderen medikamentenähnlichen Wirkungen, etwa gegen Arteriosklerose, wird berichtet. Das sollte man aber nicht selbst ausprobieren und weitere Studien abwarten.

Sicher ist auf jeden Fall: Stevia ist eine schöne Balkonpflanze, die man jetzt in Töpfe setzen kann. Viele Gartenfreunde süßen mit den frischen Blättern Nachtisch und Tees - und pfeifen auf das EU-Recht.

Übernommen aus ... GesundLeben Ausgabe 03/2012
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