Wenn Gluten den Körper quält

Glutenfreien Lebensmittel finden reißenden Absatz. Dabei verträgt geschätzt höchstens ein Prozent der Deutschen kein Gluten, das Klebereiweiß aus Getreide. Was Zöliakie-Betroffene wissen müssen. Von Kirsten Milhahn

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Weizenbrötchen sind bei Zöliakie tabu, denn sie enthalten das darmschädigende Klebereiweiß Gluten.©

Getreide ist gesund und gehört zu einer ausgewogenen Ernährung. Seine Körner versorgen den Körper mit Kohlenhydraten sowie Vitaminen und liefern Ballaststoffe für die Verdauung. Doch nicht jeder Mensch verträgt Weizen, Gerste und Co., im Gegenteil: Manchem reicht schon ein Bissen Brot, und der Bauch krampft sich zusammen. Danach folgen Übelkeit, Durchfall und Blähungen - typische Zeichen einer Zöliakie, einer schweren allergieähnlichen Reaktion im Dünndarm.

Ausgelöst wird sie durch Gluten, ein Klebereiweiß. Es steckt vor allem in Getreiden, aus denen Brot und Nudeln hergestellt werden, zum Beispiel Weizen, Roggen, Gerste oder Dinkel. Auch Babynahrung oder stark verarbeitete Produkte wie Fertiggerichte und -produkte wie Fruchtjoghurts, Schokolade, Wurst oder Pizza können Gluten enthalten - die Klebereiweiße werden bei der Herstellung beigemischt, in Form von Aromen oder Stabilisatoren.

Die Darmzotten vertragen kein Gluten

Gelangt Gluten mit der Nahrung in den Magen und schließlich in den Dünndarm, entzünden sich bei manchen Menschen die Darmzotten, jene winzigen Schleimhautfalten, die den Darm von innen auskleiden. Die Zotten filtern alle wichtigen Nährstoffe aus dem Speisebrei heraus und geben sie an das Blut weiter. Normalerweise erneuern sich die Zellen der Darmschleimhaut alle 28 Tage, die alten sterben ab und werden in den Dünndarm abgestoßen.

Verträgt ein Mensch kein Gluten, entzünden sich die Schleimhautfalten und werden abgestoßen, noch bevor sie ihre eigentliche Größe erreicht haben. Die Innenseite des Darms flacht somit allmählich ab; Nährstoffe wie Kohlenhydrate, Vitamine oder Mineralstoffe können dann nicht mehr ausreichend aufgenommen werden. Die Folge: Auf Dauer wird der Körper unterversorgt.

Frauen leiden eher an Zöliakie als Männer

Zöliakie zählt zu den häufigsten nicht-infektiösen Darmkrankheiten, die in jedem Alter auftreten kann. Früher waren meist Kinder betroffen. Bei ihnen machte sich die Zöliakie mit den klassischen Symptomen wie Bauchschmerzen und Durchfällen, vor allem aber durch Wachstumsstörungen bemerkbar.

Heute ist das anders. Oft wird eine Zöliakie erst im Erwachsenenalter festgestellt, und zwar ohne die typischen Beschwerden. "Die klassischen Symptome sieht man am häufigsten bei sehr jungen und bei älteren Patienten", sagt Stephanie Baas, medizinische Beraterin der Deutschen Zöliakie Gesellschaft e.V. (DZG) in Stuttgart. Bei Erwachsenen zeige sich die Erkrankung oft über Umwege, etwa über einen Eisenmangel oder eine Osteoporose, die keine andere Ursache hat. "Bei jungen Frauen kann auch eine ungewollte Kinderlosigkeit Hinweise auf eine Zöliakie geben. Deswegen nennen wir Ärzte die Zöliakie auch das 'Chamäleon der Krankheiten'."

Mittlerweile verzichten viele Menschen freiwillig auf das Klebereiweiß aus Getreide - ohne dass eine Zöliakie bei ihnen diagnostiziert wurde. Der weltweite Umsatz mit glutenfreien Lebensmitteln stieg zwischen 2007 und 2013 um knapp 100 Prozent. Im krassen Gegengsatz dazu steht die Zahl der Betroffenen: In Deutschland leidet Schätzungen zufolge höchstens ein Prozent der Menschen unter einer Glutenunverträglichkeit. Viele kaufen also überteuerte Produkte, obwohl dies gar nicht nötig wäre.

Frauen sind von Zöliakie etwa doppelt so häufig betroffen wie Männer. Nur bei einem Teil wird die Erkrankung auch diagnostiziert.

Zöliakie zählt zu den Autoimmunerkrankungen. Diese beruhen auf genetischen Anlagen: Kinder von Betroffenen haben zum Beispiel ein zehnfach höheres Risiko, ebenfalls daran zu erkranken. In so einem Fall wäre es ratsam, das Blut des Kindes auf entsprechende Antikörper untersuchen zu lassen, da es möglicherweise an einer stillen Form der Zöliakie leidet. Das heißt: Die Anlage ist vorhanden, die Symptome zeigen sich aber noch nicht.

Die Genetik ist aber nicht die alleinige Ursache für eine Zöliakie. "Es müssen immer verschiedene Komponenten zusammenkommen", sagt Baas. "Die genetischen Merkmale sind keine Seltenheit in unserer Bevölkerung. Jeder Dritte trägt eines der beiden Hauptmerkmale. Doch von denen entwickeln nur etwa zwei Prozent tatsächlich eine Zöliakie."

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