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In Spuren gut, in Mengen Gift

Ein Mangel an Selen ist schlecht fürs Herz. Sollten wir die Substanz deshalb zur Sicherheit in Form von Pillen zuführen?

Von Nicole Heißmann

  Nur mit Bedacht: Selen kann durch Überdosierung Schäden bewirken - ein normaler Blut-Selen-Spiegel lässt sich durch Mischkost erreichen

Nur mit Bedacht: Selen kann durch Überdosierung Schäden bewirken - ein normaler Blut-Selen-Spiegel lässt sich durch Mischkost erreichen

  • Nicole Heißmann

Noch vor ein paar Jahren schien die Sache klar mit dem Selen: Eine Extradosis des Spurenelements sollte vor chronischen Herz-Kreislauf-Leiden schützen, hieß es. Und so wurden und werden Selenhefe-Pillen als Mittel zur Nahrungsergänzung propagiert. Selen in mineralischer Form gibt es zudem als Arzneimittel in der Apotheke.

Die Substanz besetzt im Stoffwechsel eine Schlüsselposition: Sie hilft, den Körper von aggressiven Sauerstoffverbindungen zu befreien, die als Sondermüll bei Stoffwechselprozessen anfallen und oft in einem Atemzug mit Herzleiden genannt werden. Auch bestimmte Schilddrüsenhormone können ohne Selen nicht gebildet werden.

Dass Selenmangel das Herz schädigt, ist eindrucksvoll belegt durch die Keshan-Krankheit, die in den 30er Jahren in der Mandschurei entdeckt wurde: Dort fanden reisende Forscher unzählige Bauernfamilien mit schwachem Herzmuskel vor. Die Böden der Region sind arm an Selen. Zusammen mit einem Virus führt dieser Mangel zu schweren Herzleiden.

Zur Vorbeugung nicht empfohlen

Gab man den Kranken Selen, erholten sie sich verblüffend schnell. Beobachtungen aus vielen Ländern stützten lange die Vorstellung, dass viel Selen in der Nahrung das Herz stärke. Um diese These akribisch zu überprüfen, "verfütterten" Forscher unter streng überwachten Bedingungen Selenpräparate an Freiwillige und verglichen diese Teilnehmer mit Probanden, die Placebos schluckten. Doch leider zerrann den Wissenschaftlern der vermeintliche Präventionseffekt dabei regelmäßig unter den Fingern. Eine große Auswertung von zwölf solcher Studien mit insgesamt 19.700 Teilnehmern brachte kürzlich ein ernüchterndes Ergebnis: Selenpillen schützen weder vor Herzleiden, noch verlängern sie das Leben.

Zur Vorbeugung empfehlen Experten daher hierzulande solche Präparate nicht. Anders als in der Mandschurei herrscht in Deutschland ohnehin kein flächendeckender Selenmangel. Durchschnittliche Blut-Selen-Spiegel lassen sich mit Mischkost erreichen, sofern man nicht auf tierische Lebensmittel wie Fisch, Fleisch und Eier verzichtet. Bei pflanzlichen Produkten schwankt der Gehalt an Selen nämlich sehr stark. Wer sich streng vegan ernährt, kann daher durchaus unterversorgt sein.

Vorsicht ist geboten

Doch der schnelle Griff zu selen-haltigen Pillen ist mit Vorsicht zu sehen: Man muss sie sehr genau dosiert einnehmen, um überhaupt einen Nutzen zu erzielen und andererseits keinen Schaden durch Überdosierung zu erleiden. Zu viel Selen kann langfristig das Risiko für Diabetes Typ 2 sowie für Haarausfall und Hautentzündungen erhöhen. Weshalb Präparate mit einer Tagesdosis von mehr als 50 Millionstel Gramm verschreibungspflichtig sind. Wirklich sinnvoll erscheint die Extradosis in Pillenform bislang nur für bestimmte Patientengruppen wie Schilddrüsenkranke oder künstlich Ernährte. Für Gesunde ist Selen in hohen Dosen dagegen das, als was es ursprünglich einmal galt: ein Gift.

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