Zahl der betroffenen Betriebe hat sich verdoppelt

2. März 2013, 20:11 Uhr

In immer mehr Betrieben wird vergifteter Futtermais gefunden. Die Zahl ist mittlerweile auf 6500 gestiegen. Angesichts von Nahrungsskandalen mehren sich die Rufe nach einer Art Lebensmittel-Europol.

Agrar, Verbände, Politiker, Lebensmittel, Test, vergiftet, Mais, Futtermittel, Futtermais, Skandal, Kontrolle

Mehr als 6000 Höfe sind mit hochgiftigem Futtermittel aus Serbien beliefert worden©

Der Skandal um den gefährlichen Schimmelpilz Aflatoxin in Tierfutter weitet sich aus: Auf der Basis weiterer Unterlagen von Futtermittelunternehmen teilte das niedersächsische Landwirtschaftsministerium mit, die Zahl der mit dem verseuchten Mais aus Serbien belieferten Betriebe betrage jetzt 6457, fast doppelt so viele wie bislang angenommen. Darunter seien auch weitere Milchviehbetriebe. Deren Produktion darf nur nach einer Beprobung der Milch ausgeliefert werden, weil sich das Schimmelpilz-Gift Aflatoxin B 1 in Milch anders als in Fleisch anreichert.

Angesichts des Skandals wird der Ruf nach mehr und wirkungsvolleren Kontrollen lauter. Bauernpräsident Joachim Rukwied sieht vor allem die Futtermittelindustrie in der Pflicht. Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) sprach sich für strengere staatliche Kontrollen aus, die der Wirtschaft in Rechnung gestellt werden sollten. Die Verbraucherorganisation Foodwatch warf der Bundesregierung Versagen vor. Mehr qualifizierte Überwacher und eine Art Lebensmittel-Europol forderte der Präsident der Lebensmittelkontrolleure, Martin Müller.

Am Freitag war bekanntgeworden, dass aus Serbien importierter Mais mit einem krebserregenden Schimmelpilz vergiftet ist. Der Mais ist auch an Rinder verfüttert worden. Aflatoxin gelangte so in die Milch. Besonders betroffen ist Niedersachsen, wo Hunderte Milchbetriebe vorsorglich gesperrt wurden. Das Bundesinstitut für Risikobewertung sieht derzeit keinen Grund, vor dem Verzehr bestimmter Produkte zu warnen. Weitere Untersuchungen der Länderbehörden sollen Klarheit über das Ausmaß der Belastungen bringen. Bio-Betriebe sind nach ersten Erkenntnissen nicht betroffen.

Schimmelpilze in Mischfutter nur schwer zu erkennen

Bauernpräsident Rukwied sagte der in Düsseldorf erscheinenden "Rheinischen Post": "Um einen Befall mit Schimmelpilzen auszuschließen, erwarte ich, dass das Futtermittelmischwerk entsprechende Kontrollen durchführt, beispielsweise Eingangskontrollen der Rohprodukte." Der Landwirt müsse sich darauf verlassen, dass geliefertes Futter einwandfrei sei. "Wenn ein Schimmelpilz wie Aflatoxin im Mischfutter steckt, hat er keine Chance, dies zu erkennen", erklärte Rukwied.

Es habe sich gezeigt, dass die Eigenkontrollen der Agrarindustrie nicht hinreichend funktioniert hätten, sagte Landwirtschaftsminister Meyer dem "Focus": "Wir brauchen mehr staatliche Kontrollen und mehr Personal." Die Kosten dafür sollten der Wirtschaft in Rechnung gestellt werden. So könne der Staat 30 bis 50 Millionen Euro im Jahr sparen. Es sei nicht einzusehen, dass der Steuerzahler dafür aufkommen müsse.

Forderung nach Lebensmittel-Europol

Für den Bundesverband der Lebensmittelkontrolleure ist es Zeit für eine Entföderalisierung der Lebensmittelkontrollen und eine Bündelung der Kräfte, um die Probleme zentral angehen zu können. Vorsitzender Martin Müller forderte in der "Passauer Neuen Presse" europaweit intensivere Kontrollen von Lebensmitteln. "Wir brauchen eine Art Lebensmittel-Europol." Foodwatch-Sprecher Martin Rücker sagte der DPA, der Bund habe es gescheut, die Futtermittelindustrie zu systematischen Kontrollen zu verpflichten. "Wir haben bei Futtermittelkontrollen erhebliche Schwachstellen, die eigentlich auch bekannt sind." Die stellvertretende Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion, Bärbel Höhn, sagte im RBB-Inforadio, Untersuchungen dürften nicht nur auf kommunaler Ebene stattfinden.

Entwarnung für den Verbraucher

Michael Kühne von der niedersächsischen Kontrollbehörde Laves warnte vor Panik. Die bisher entdeckten Werte in dem verschimmelten und damit giftigem Futter seien viel zu gering, als dass daraus über den Umweg der Kuh am Ende in einer Milchtüte eine Krebsgefahr für die Verbraucher entstehe, sagte Kühne der DPA in Hannover. Die menschliche Leber sei imstande, die bisher entdeckte Belastung gefahrlos abzubauen.

Auch der Präsident des Instituts für Risikobewertung, Andreas Hensel, sagte der "Saarbrücker Zeitung": "Die bisher festgestellten Werte sind weit weg von einer lebertoxischen Wirkung für den Menschen."

Zum Thema
Die stern-Expertin
Professorin Ursel Wahrburg steht dem Ratgeber Ernährung als Expertin zur Seite. Sie lehrt und forscht an der Fachhochschule Münster.