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Gesunder Zuckerersatz oder Marketingtrick?

Süßer als Zucker, kalorienlos und nicht schädlich für die Zähne: Das verspricht der Süßstoff Stevia, der neuerdings in Lebensmitteln auftaucht. Doch was taugt der angeblich natürliche Zuckerersatz?

Von Christoph Fröhlich

  Coca-Cola süßt neuerdings mit Stevia. Doch der pflanzliche, kalorienfreie Zuckerersatz hat so seine Haken.

Coca-Cola süßt neuerdings mit Stevia. Doch der pflanzliche, kalorienfreie Zuckerersatz hat so seine Haken.

Eine "Zuckerrevolution" erwartet uns, lauteten die vollmundigen Versprechen der Lebensmittelkonzerne vor vier Jahren. Die Rede war vom Süßstoff Stevia, der seit 2011 auch in Deutschland eingesetzt werden darf. Getränkehersteller wie Coca-Cola setzen seit diesem Jahr auch auf den natürlichen Süßstoff. Unter dem Namen Coca-Cola Life präsentiert sich der Softdrink neuerdings in grünem Gewand - und suggeriert den Verbrauchern Natürlichkeit.

Die aus den Blättern der Steviapflanze gewonnenen Stevioglycoside sind süßer als Zucker, frei von Kalorien und nicht schädlich für die Zähne. Zudem sind sie auch für Diabetiker geeignet, da sie den Blutzuckerspiegel nicht beeinflussen. Doch ist der vermeintliche Wunderstoff wirklich so gut oder nichts weiter als eine Marketing-Mogelpackung?

Schädlich oder nicht?

Die Steviapflanze, auch Honigkraut genannt, hat eine lange Tradition. Seit zwei Jahrhunderten wird das Kraut von den Ureinwohnern Paraguays als Süßstoff und als Mittel gegen Magenschmerzen verwendet. In Japan und den USA hat Stevia längst einen riesigen Absatzmarkt, auch in Thailand und Israel schwören die Käufer auf das süße Kraut. In der Europäischen Union wurde Stevia zunächst allerdings nicht zugelassen, da die gesundheitlichen Risiken lange Zeit nicht geklärt waren.

Stevia stand im Verdacht, krebserregend zu sein, Embryonen zu schädigen und unfruchtbar zu machen. Unter anderem löste eine 1968 im Wissenschaftsmagazin "Science" veröffentlichte Tierstudie eine Debatte um die Verträglichkeit von Steviaprodukten aus. Sie wurden allerdings mit Steviagaben durchgeführt, die jenseits des in der Küche Üblichen lagen. In weiteren Untersuchungen konnten keine schädigenden Wirkungen festgestellt werden. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) erklärte den Süßstoff 2010 Jahr für unbedenklich und bezog sich dabei auf einen Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahr 2008. Nach der Entscheidung der EU-Kommission darf der Süßstoff seither auch in Deutschland verkauft werden. Zuvor gab es Stevia-Produkte nur unter Tarnbezeichnungen wie Badezusatz oder in Form von Pillen über Internetshops oder das Reformhaus.

Doch die Behörde hat der Verwendung von Stevia klare Grenzen gesetzt und eine bestimmte Aufnahmemenge festgelegt. Die liegt bei täglich vier Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht. Bei einer 60 Kilogramm schweren Frau entspricht das einer Süßstoffmenge von 240 Milligramm, ungefähr so viel wie ein halber Schokoriegel enthält. Wird die Verzehrmenge nicht überschritten, sind gesundheitliche Risiken nach derzeitigem Wissensstand nicht zu befürchten.

Zuckerersatz mit Haken

Wer jetzt hofft, ohne Reue schlemmen zu können, irrt allerdings: "Der Süßstoff Stevia wird herkömmlichen Zucker zumindest in nächster Zeit nicht vollständig ersetzen können", prognostizierte Anne Brockhoff, Wissenschaftlerin am Deutschen Institut für Ernährungsforschung, bereits 2011. Sie behielt Recht. Denn der konzentrierte Süßstoff hat häufig einen leicht bitteren Nachgeschmack. Er entsteht, wenn die Süßstoffe aus der Pflanze extrahiert werden. Neben Soft Drinks landet Stevia auch in Marmeladen, Joghurts, Schokolade oder Kaugummis.

Doch es ist nicht nur der ungewöhnliche Geschmack, der Lebensmittelchemiker vor Herausforderungen stellt. Auch die erlaubte Höchstmenge setzt enge Grenzen: "Vier Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht reichen nicht aus, um eine Limonade ausschließlich mit Stevia zu süßen", meint Udo Kienle, Agrarwissenschaftler der Universität Hohenheim, der seit 30 Jahren an Stevia forscht. Um einen Liter handelsüblicher Limonade ausreichend zu süßen, müssten Lebensmittelhersteller die erlaubte Dosis verdreifachen. Somit bleibt den Firmen nichts weiter übrig, als den Rest mit Zucker aufzufüllen. So auch bei der Herstellung von Coca-Cola Life: In der als zuckerärmer angepriesenen Stevia-Variante stecken nach wie vor 34 Gramm Zucker pro halbem Liter - mehr als die WHO als Tagesmenge für einen Erwachsenen empfiehlt. Erst kürzlich hatte die Verbraucherzentrale Hannover dem grünen Getränk daher rotes Licht gegegeben.

Dennoch könne dank Stevia ein Drittel der üblichen Menge und die damit verbundenen Kalorien eingespart werden, so Kienle. "Von der Süßkraft ist Stevia damit nicht besser oder schlechter als andere Süßstoffe auch."

Nur ein Marketingtrick?

Sieger der vermeintlichen Zuckerrevolution ist ganz klar die Lebensmittelindustrie: Denn der Süßstoff genießt ungebrochen den Ruf gesund zu sein, da er von einer Pflanze stammt. "Mit der Natürlichkeit der Pflanze hat der Stoff, der am Ende im Produkt landet, aber nichts mehr zu tun, weil er durch ein chemisches Verfahren gewonnen wurde", erklärt Kienle. Er hält den Hype für geschicktes Marketing. "Für eine Zuckerrevolution müsste es überall vollständig einsetzbar sein. So bleibt es eine Revolution mit angezogener Handbremse."

Doch auffallen tun die Stevia-Produkte dank grüner Aufmachung trotzdem: Mit dem vermeintlich gesunden Image des neuen "Wunderstoffs" erschafft die Lebensmittelindustrie einen Milliardenmarkt. In den USA tobt schon länger ein Kampf um den Diät-Markt. Coca-Cola hatte 2011 bereits 24 Patente rund um Stevia angemeldet und führte in Amerika zunächst den Softdrink "Sprite Green" ein. Viel besser als andere kalorienreduzierte Getränke sei die neue Sprite nicht, urteilte Stevia-Experte Udo Kienle damals. Auch mit der Coca-Cola Life, die es seit diesem Jahr in Deutschland gibt, hat sich nicht viel geändert: Statt E951 (Aspartam) steht jetzt E960 (Stevia) auf der Inhaltsangabe. Revolution sieht anders aus.

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