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Auf der Suche nach einem Platz im Leben

Deutschland nimmt zu: Übergewicht ist die Volksseuche Nummer eins. Der Hirnforscher Gerald Hüther erklärt, warum Menschen aus Frust futtern - und was dagegen getan werden kann.

Herr Professor Hüther, warum werden die Deutschen immer dicker?
Wir leben in einer Überflussgesellschaft. Hier gibt es so viel zu essen. Und da kann jeder, wann immer er ein Bedürfnis hat, zugreifen und das sind dann meist noch sehr reichhaltige Nahrungsmittel.

Trotzdem wird ja nicht jeder dick.
Das Entscheidende ist: Woher kommt dieses heftige Bedürfnis, dass man ständig etwas zu sich nehmen muss? Warum gelingt es manchen Menschen nicht, den Impuls zu unterdrücken, schon wieder etwas zu essen?

Und woran liegt es?
Nicht jedem Impuls nachzugeben, nicht sofort das zu tun, was einem gerade in den Kopf schießt, oder Frust auch mal auszuhalten, das muss man in der Kindheit erst lernen. Diese sehr komplexe Fähigkeit nennen wir Impulskontrolle, sie ist im Frontalhirn verankert. Wir beobachten nun, dass es einer nachwachsenden Generation nicht mehr so gut gelingt, diese Kontrollfunktion auszubilden, vor allem im Bezug auf das Essen.

Was läuft da schief?
Diesen jungen Menschen fehlt die positive Erfahrung, wie schön es ist, mit dem Essen noch etwas zu warten, zum Beispiel bis es Mittag ist und alle zusammen am Tisch sitzen. Solche gemeinschaftlichen Rituale helfen, ein Hungergefühl noch ein wenig auszuhalten und den Essens-Impuls zu kontrollieren. Es muss immer eine positive Erfahrung sein, sonst kann sie nicht im Hirn verankert werden. Das ist besonders schwierig, wenn es so weit gekommen ist, dass jemand eine Essstörung entwickelt hat.

Und bei Menschen, die aus Frust essen - was passiert da im Gehirn?
Wenn man Süßes und Fettiges zu sich nimmt - am besten beides zusammen -, wird im Hirn das sogenannte serotonerge System in seiner Wirkung verstärkt: Man erlebt dann für vielleicht eine Stunde einen Beruhigungseffekt, dann hat man wieder Ruhe im Kopf. Und das Problem, das man eben noch hatte, ist erst einmal nicht mehr zu spüren. Wer das regelmäßig macht, kann von solchen Verhaltensweisen abhängig werden. Solche Menschen haben dann gelernt, dass es einfacher ist, ersatzweise zu essen und sich zu beruhigen als das eigentliche Problem anzugehen.

Statistiken zeigen, dass starkes Übergewicht mit geringerem Einkommen und geringerer Bildung verknüpft ist. Wie erklären Sie sich das?
Wir Menschen brauchen drei Voraussetzungen, damit es uns einigermaßen gut geht und wir die Bedürfnisse nicht ersatzweise mit Essen stillen müssen. Erstens, man muss verstehen, was los ist. Zweitens, man muss das auch mitgestalten können. Und Drittens, man muss das Gefühl haben, dass das, was um einen herum passiert, Sinn macht, und dass man seinen Platz hat - in der Familie, in der Gesellschaft, in der Welt. Das erhält uns Menschen gesund und damit letztlich auch normalgewichtig.

Und das fehlt den ärmeren und weniger gebildeten Menschen oft?
Ja, sie haben nicht mehr das Gefühl, dass sie irgendwas gestalten können - selbst Manager brechen sofort in sich zusammen, werden krank, depressiv oder entwickeln Angststörungen, wenn ihnen ein bisschen dieser Gestaltungsraum beschnitten wird, den sie bisher hatten. Und all jene Menschen, die irgendwo an den Rändern unserer Gesellschaft gelandent sind, haben eben nur selten das Gefühl, dass sie gebraucht werden, dass sie viel bewirken oder zumindest verstehen können - wo sie doch eigentlich mal als kleine Kinder, genauso wie alle anderen, die Hoffnung hatten, dass sie einen Platz in diesem Leben finden. Das ist so, als ob man ständig mit einer Sehnsucht herumrennt, von der man weiß, dass man sie nie stillen kann.

Und das ungestillte Bedürfnis führt sie dann direkt zum Bäckerladen?
Vor allem diejenigen, die schon in der Kindheit gelernt haben, dass Probleme immer sehr gut ersatzweise mit Süßigkeiten stillbar sind. Wer hinfällt oder schreit, kriegt etwas Süßes in den Mund gesteckt. Gerade Eltern aus ärmeren und bildungsfernen Schichten sind gute Kunden für Schokoriegel und all den anderen Schrott. Sie kaufen tapfer dieses Zeug ein, obwohl sie eigentlich wenig Geld haben. Diese Zielgruppe wird natürlich auch über die Werbung angesprochen. Aber sie sind eben auch besonders empfänglich, weil sie so viele Probleme haben und früh lernten, dass sie Probleme nicht wirklich lösen, sondern nur ersatzweise befriedigen können.

Es ist also ein gesellschaftliches Problem?
Ja, in gewisser Weise halten diese Menschen unserer Gesellschaft einen Spiegel vor und zeigen, wohin es führt, wenn man sich nicht umeinander kümmert, wenn man Menschen einfach abschiebt und ihnen keinen Platz gibt. Arbeitslosigkeit ist nicht deshalb ein Problem, weil man wenig Geld hat, sondern weil man keine Bedeutung hat, weil man sich in diese Gesellschaft gar nicht mehr einbringen kann.

Ist das der Grund, warum Schulungen zu gesunder Ernährung nicht so viel bringen?
Entscheidend dafür, wie man sich in bestimmten Situationen verhält, sind die im Laufe des Lebens bisher gemachten Erfahrungen. Wer lernt, dass ihm Zucker und Fettes weiterhelfen, der entwickelt daraus eine Haltung wie "Wenn ich ein bisschen fett bin, das macht doch nichts." oder "Hauptsache, mir schmeckt's." Diese Haltung ist aber nicht rein kognitiv, also über den Verstand, in den Kopf gekommen, sondern durch Erfahrungen. Und jede Erfahrung zeichnet sich dadurch aus, dass sie etwas hat, das einem unter die Haut geht. Sie ist also mit einem Gefühl verknüpft. Beide Komponenten, die emotionale und die kognitive, koppeln sich im Frontalhirn aneinander und daraus wird dann eine innere Überzeugung.

Mit Belehrungen allein kommen wir also nicht weiter?
Genau, weil Sie damit überhaupt nicht an die emotionalen Komponenten herankommen. Sie können eine Haltung nicht verändern, indem Sie auf jemanden einreden und ihn belehren - da erreichen Sie ja nur den kognitiven Anteil. Und Sie können ihn aber auch nicht erreichen, indem sie ihn bestrafen oder immer zu küssen und um-armen - da erreichen Sie nur den emotionalen Anteil.

Was hilft dann?
Sie müssten solche Menschen einladen, ermutigen und inspirieren, eine neue, eine andere, eine günstigere Erfahrung zu machen - und zwar mit sich selbst. Zum Beispiel beim Bewegen, wo sie dann ihren eigenen Körper wieder spüren. Oder in der Beziehung zu jemand anderem, wo sie die Erfahrung machen, dass sie mit dem anderen eigentlich doch gut reden oder mit ihm ein Problem klären können. Und natürlich auch in Bezug auf ihre Rolle in dieser Welt, dass man sie doch verstehen und mitgestalten kann. Für solche Schritte reicht eben eine Ernährungsberatung allein bei weitem nicht aus. Da braucht es bisweilen sogar die Hilfe von Psychotherapeuten.

Einige würden bestimmt entgegnen: Warum schaffen es viele Dicke nicht von allein? Die müssen sich doch nur etwas zusammenreißen.
Das ist das dumme Gerede von Bildungsbürgern, die selbst genug Gelegenheit hatten, für ihr eigenes Leben Verantwortung zu übernehmen und die gelernt haben, dass sie es auch gestalten können. Wer aber die Erfahrung gemacht hat, dass nichts klappt, dass er immer nur der im letzten Glied ist und dass ihn andere ständig ausgelacht haben - wie soll der denn aus dieser Art von Erfahrung eine verantwortungsvolle Entscheidung für sich selbst treffen? Bei solchen Menschen sind die Frontalhirnverschaltungen so entstanden, dass es sehr schwer ist, von den Ersatzbefriedigungen zu lassen.

Sie fordern also ein grundsätzliches Umdenken?
Was wir brauchen, ist eine andere Kultur, eine andere Beziehungskultur, zu Hause, in den Schulen, an der Arbeit und in unseren Kommunen. Wenn wir das Zusammenleben dort so gestalten, dass jeder seinen Platz hat und auch sich selbst als wertvoll erkennt, dann hätten wir gar kein Adipositasproblem mehr. Davon bin ich fest überzeugt.

Arnd Schweitzer

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