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Der Mann, das gesundheitliche Wrack

Männer meiden den Arzt, wo es geht. Ein Kongress versucht, den Gesundheitsmuffeln Beine zu machen. Unser Autor Sebastian Schneider hat sich ganz munter gefühlt - bis er die Vorträge besuchte.

  Der Mann, ein Gesundheitsmuffel wie er im Buche steht

Der Mann, ein Gesundheitsmuffel wie er im Buche steht

Ich glaube, ich bin ein Opfer. Eigentlich habe ich mich für ziemlich fidel gehalten - Nichtraucher, sportlich, in Maßen betrunken - aber der Mann auf der Bühne vor mir erklärt: 150 Jahre "Gesundheitspropaganda" zugunsten von Frauen haben uns Männer in selbstzerstörerische Wracks verwandelt. "Wenn Gesundheit vor allem mit Frauen assoziiert wird, kann das ein Problem bedeuten", sagt der Medizinhistoriker Martin Dinges.

Und dieses Problem will man nun auch von Seiten des Staates angehen. Männer leben so ungesund, dass das Bundesgesundheitsministerium und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung am Dienstag in Berlin den ersten Männergesundheitskongress veranstalten. Die Situation ist alarmierend: Männer sterben früher, haben mehr Verkehrsunfälle, nehmen sich häufiger das Leben, rauchen und trinken mehr als Frauen. Sie gehen viel seltener zum Arzt und wenn sie Beschwerden haben häufig zu spät. Das steht jedenfalls im "Männergesundheitsbericht", den das Robert-Koch-Institut auf dem Kongress vorstellt.

"Viele Männer glauben, wenn sie sich recht gut fühlen, sind sie gesund", sagte der Gesundheitsexperte Karl Lauterbach (SPD) dem ARD-"Morgenmagazin". Das sei aber oft nicht der Fall. Heute Morgen habe ich mich noch recht gut gefühlt, jetzt beginne ich mich zu fürchten. Knapp 200 Menschen sitzen im Saal, die meisten von ihnen sind Experten, sie arbeiten für Krankenkassen, Interessenverbände, Universitäten, Kliniken. Martin Dinges, grauer Vollbart, senfgelbe Krawatte, kritisiert bei seinem Vortrag, der nachlässige Umgang von Männern mit ihrer Gesundheit sei anerzogen und nicht angeboren. Sie könnten ihre gesellschaftliche Rolle des "harten Mannes" nur schwer überwinden, ist der Mann von der Robert-Bosch-Stiftung überzeugt. Mehr als die Hälfte der Zuhörer sind Frauen. Man traut uns Männern also nicht zu, für uns selbst zu sorgen. Je länger ich Martin Dinges zuhöre, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass das auch stimmt.

Der verlebte Mann

Das Modell des männlichen Haupternährers, sagt Dinges, belaste den Mann über alle Maßen. Am Schlimmsten trifft es Männer mit wenig Einkommen und geringer Bildung. "Der Niedriglohnsektor wird entgegen aller gesundheitspolitischen Vernunft weiter aufrechterhalten!", klagt Dinges, er klingt wütend. Die Beratungsangebote würden sich aber vor allem an die richten, die sie sowieso nicht nötig hätten: Angehörige der Mittel- und Oberschicht. Doch die leben ohnehin gesünder. Herr W. aus dem nächsten Vortrag gehört eher nicht dazu. Auf seinem Portrait, das an die Wand projiziert wird, sieht er traurig aus. Dem Urologen Theodor Klotz muss Herr W. als Beispiel für einen recht durchschnittlich ungesunden Mann herhalten.

Unterhemd, fahle Haut, 68 Jahre alt. Herr W. raucht fünf bis sieben Zigaretten und trinkt zwei Flaschen Bier pro Tag, seine Hobbies: Angeln, Eisstockschießen. Nur ein Mal pro Monat geht er ins Fitnessstudio. "Fett im Bauchraum, ein Risikofaktor für Herzinfarkte!", mahnt Klotz. Männer wie Herrn W. zu belehren bringe nichts, sagt Theodor Klotz: "bloß kein erhobener Zeigefinger!". Und selbst wenn Herr W. häufig zum Arzt ginge, heißt das nicht, dass er deshalb auch länger lebt. Der Nutzen vieler Vorsorgeuntersuchungen ist bei Experten umstritten. Es gibt beispielsweise bei dem verbreiteten PSA-Test zur Früherkennung von Prostatakrebs bisher keinen Beleg dafür, dass dadurch weniger Männer an diesem Krebs sterben. Ich hänge immer tiefer auf meinem Stuhl. Kann mir am Ende nur Gott helfen?

Letzter Ausweg: Kloster

Ich bin eigentlich nicht religiös, aber ich werde darüber noch einmal nachdenken. Meiner Gesundheit zuliebe. Denn möchte ich alt werden, sollte ich ins Kloster ziehen, gibt mir Theodor Klotz zu verstehen. Eine Studie aus dem Jahr 2004 hat die Sterbedaten von 11.000 Nonnen und Mönchen in bayerischen Klöstern analysiert. Männer und Frauen führten dort ein fast identisches Leben, sie folgten den gleichen Tagesabläufen. Das Ergebnis: Mönche lebten im Schnitt knapp fünf Jahre länger als andere Männer. Nonnen hingegen hatten in etwa die gleiche durchschnittliche Lebenserwartung wie Frauen außerhalb der Klöster.

Wenn ich mir aber kein Leben in Enthaltsamkeit vorstellen kann, sollte ich wenigstens sehr nett zu meiner Freundin sein. Denn: "Männer leben gesünder, wenn sie in einer stabilen Beziehung sind. Eigentlich müsste ein Hausarzt für seinen Patienten auch die Partnerschaftsvermittlung im Blick haben", sagt Klotz und sieht dabei ein bisschen aus wie Günther Wallraff. Das größte Gesundheitsrisiko für den Mann ist also das Singledasein.

Um möglichst alt zu werden, beschließe ich deshalb: Ich werde meiner Freundin Blumen kaufen, ich werde Gemüse dünsten, ich werde mit ihr Autogenes Training machen, Yoga, solche Dinge. Und wenn ich schon nicht selbst zum Arzt gehe, werde ich sie aus hinterlistigem Egoismus heraus regelmäßig dorthin locken. Denn stirbt im Alter der Partner, ist das Risiko eines Mannes, in den folgenden vier Jahren auch zu sterben, doppelt so hoch wie das einer Frau.

Aber vielleicht sind diese Wünsche noch zu fern, zu groß. Man muss behutsamer vorgehen. Im Foyer vor dem Saal steht eine Pinnwand, auf der Besucher Lösungsvorschläge für die marode Männergesundheit hinterlassen können. Mit schwarzem Filzstift steht dort geschrieben: "Terminerinnerung beim Hausarzt." Das Problem: Ich habe gar keinen Hausarzt. Aber ich werde mir einen suchen. Versprochen.

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