12. Oktober 2010, 20:07 Uhr

Querschnittsgelähmtem werden Zellen injiziert

Die Hoffnungen sind groß, die Risiken auch: In den USA wurde erstmals ein zum Teil gelähmter Mensch mit embryonalen Stammzellen behandelt. So könnten eines Tages unheilbare Krankheiten therapiert werden.

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Blick durchs Mikroskop: Die Behandlung mit embryonalen Stammzellen ist umstritten©

In den USA haben Ärzte einen teilweise gelähmten Patienten mit embryonalen Stammzellen behandelt. Der Versuch sei der weltweit erste dieser Art, der von einer nationalen Behörde genehmigt worden sei, teilte eine Sprecherin des kalifornischen Biotechnikunternehmens Geron mit, das hinter der Studie steht. Einem nach einer Rückenmarksverletzung teilweise Gelähmten seien in einer Klinik in Atlanta im US-Bundestaat Georgia Millionen von embryonalen Stammstellen gespritzt worden, berichtete die "Washington Post".

Die Stammzellforschung setzt zur Therapie von Krankheiten wie Alzheimer, Diabetes, Parkinson, Herzinfarkt oder Leukämie auf embryonale Stammzellen, die als pluripotent bezeichnet werden - also "Alleskönner" sind, weil sie sich praktisch in jede menschliche Zelle verwandeln können. So kann Ersatzgewebe für kranke Körperpartien gezüchtet werden. Bis jetzt gibt es zu Therapien mit embryonalen Stammzellen allerdings lediglich Tier-Studien.

Die US-Arzneimittelbehörde FDA hatte die weltweit erste Genehmigung für die Behandlung am Menschen im Januar vergangenen Jahres erteilt. Bei der sogenannten Phase-I-Studie der Firma Geron soll zunächst die Sicherheit und Verträglichkeit einer solchen Stammzelltherapie untersucht werden. Trotz der Hoffnungen von Patienten und Ärzten warnen Kritiker unter anderem vor einem Krebsrisiko infolge der Behandlung. Denn auch nach erfolgversprechenden Tests etwa an Mäusen ist nicht sicher, ob sich die Zellen wie gewünscht entwickeln. Daneben ist das Verfahren auch ethisch höchst umstrittenen: Die Stammzellen werden vor allem aus Embryonen gewonnen, die bei künstlichen Befruchtungen übrig bleiben. Kritiker argumentieren, dass menschliches Leben bereits mit der Befruchtung der Eizelle beginnt.

"Eine Meilenstein"

Über den Ausgang des Versuchs im Shepherd Center wurde noch nichts bekannt. Behandelt werden sollen in der Testreihe mehrere querschnittsgelähmte Patienten, bei denen die Verletzung des Rückenmarks ganz neu ist. Ihnen sollen binnen 14 Tagen die aus embryonalen Stammzellen gewonnenen Zellen gespritzt werden. Ziel der Therapie ist es, dass sich so die geschädigten Nervenzellen reparieren lassen. Patienten sollen so ihr Gefühl und ihre Bewegungsfähigkeit zurückgewinnen.

"Der Start dieser Versuchsreihe ist ein Meilenstein", sagt Jürgen Hescheler, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Stammzellforschung. Damit komme die embryonale Stammzellforschung jetzt auch in die klinische Anwendung. Das sei zwar noch nicht der Durchbruch zu effizienten, neuen Therapiemethoden, aber der Weg dorthin sei eingeschlagen.

Möglich wurde dies in den USA durch den Wechsel der Präsidenten. Die Genehmigung für die Studie war wenige Tage nach der Amtsübernahme von Barack Obama gekommen; dessen Vorgänger George W. Bush hatte die Stammzellforschung eingeschränkt. Neben der Klinik in Georgia sind sechs weitere Zentren in den USA an der Auswahl der Patienten beteiligt.

In Deutschland ist die Forschung an embryonalen Stammzellen durch das Stammzellgesetz geregelt. Demnach dürfen nur embryonale Stammzellen importiert werden, die vor dem 1. Mai 2007 gewonnen wurden. Jedes Experiment damit muss beim Berliner Robert-Koch-Institut angemeldet werden. "Das ist zeitaufwendig", kritisiert Hescheler. "In Deutschland haben wir seit Jahren zu sehr auf die Forschung mit adulten Stammzellen gesetzt, was aus meiner Sicht falsch war." Bei der Entwicklung der Therapie mit embryonalen Stammzellen könnte Deutschland abgehängt werden, befürchtet er.

In den USA hatte Obama im Streit um die staatliche Förderung der Stammzellenforschung erst unlängst einen Etappensieg errungen. Ein Berufungsgericht hob Ende September endgültig eine einstweilige Anordnung auf, mit der die öffentliche Finanzierung vorläufig gestoppt worden war.

Derzeit bieten verschiedene Kliniken weltweit bereits Therapien mit sogenannten adulten Stammzellen an, die aus dem erwachsenen Körper entnommen werden. Diese Zellen sind im Körper aber nur begrenzt vorhanden und begrenzt einsetzbar.

lea/DPA/AFP
 
 
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