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Was Kinder zu starken Menschen macht

Burnout, Überforderung, Stress - warum fühlen sich viele überlastet? Alles eine Frage der Erziehung, sagt ein Psychologe. Ein paar Tipps helfen, Kinder zu stressresistenten Menschen zu erziehen.

Von Trieneke Klein

  Innere Stärke ist nicht in die Wiege gelegt, sondern kann erworben werden.

Innere Stärke ist nicht in die Wiege gelegt, sondern kann erworben werden.

Die fünfjährige Enkeltochter des Erziehungswissenschaftlers und Psychologen Albert Wunsch ist ein echter Wildfang und obendrein sehr abenteuerlustig. Umso toller, wenn Opa mit ihr auf den Spielplatz geht. Besonders das Klettergerüst hat es ihr angetan. Allerdings: Die Kleine will das meterhohe Ding von außen hochklettern. Zum Festhalten nichts als ein paar Schräubchen. "Ich hab mir erklären lassen, wie sie das anstellen will und dann hab ich sie machen lassen", sagt Albert Wunsch.

Das Stichwort heißt: Herausforderungen - und das ist auch schon eines der wichtigsten Geheimnisse, wenn es darum geht, Kinder zu stressresistenten Menschen zu erziehen. "Resilienz" lautet der Fachbegriff für dieses Phänomen. Es umschreibt die Fähigkeit mancher Menschen, mit jeglichen Stresssituationen und Widerständen im Leben gelassen umzugehen.

"Genau jene Fähigkeit, die auch Astrid Lindgrens Kinderheldin Pippi Langstrumpf auszeichnet", sagt Albert Wunsch. Was auch passiert, Pippi bietet dem Schicksal die Stirn: Als Kind allein in eine ihr fremde Welt entlassen, ist sie nie auch nur eine Sekunde verzweifelt. Das ist stark. Eine Eigenschaft, die sie übrigens mit einer anderen Frau gemeinsam hat - mit Angela Merkel. "Ohne die nötige Resilienz könnte auch die Bundeskanzlerin niemals ihr Amt in dieser Weise ausfüllen", sagt Wunsch. Es geht also um eine Art "Wird schon gut gehen"-Faktor, den, so schien es zumindest lange, einige einfach mit in die Wiege gelegt bekommen.

Resilienz lässt sich lernen

Genau das ist aber nicht der Fall, sagt Erziehungsexperte Wunsch. Resilienz können wir lernen. Und am besten lernen wir das von frühester Kindheit an. Und zwar mithilfe von – genau – Herausforderungen. "Wenn ich sehe, dass zehn Monate alte Babys auf einen Bauklotz zurobben und die Eltern nichts besseres zu tun haben, als den Kindern den Bauklotz zu bringen, dann kann ich nur den Kopf schütteln", sagt Wunsch. Herausforderungen zulassen, das sei eines der wichtigsten Elemente in einer resilienzfördernden Erziehung und zugleich der Faktor, an dem viele Eltern scheitern.

Kinder, auch Säuglinge, können und müssen ihre Ziele selbst erreichen. "Nur wenn ihnen etwas zugemutet wird, können sie auch Kraft im Umgang mit Herausforderungen entwickeln. Und Kraft ist die Voraussetzung dafür, dass sie in schwierigen Situationen nicht sofort kapitulieren", sagt Wunsch. "Helikopter-Eltern", die ihre Kinder in einem Treibhaus der Verwöhnung aufwachsen lassen, die in einer "Pass auf"-Haltung verharren und dem eigenen Nachwuchs zu wenig zutrauen, dürfen sich später nicht wundern, wenn das Kind bei kleinsten Belastungen alles hinschmeißen will oder gar unter Prüfungsangst leidet, so der Psychologe. "Die Seele ist wie ein Muskel und seelische Abwehr kann man trainieren."

stern.de nennt zehn Erziehungs-Tipps für starke Kinder:

  • Lassen Sie Herausforderungen für Ihr Kind zu oder schaffen Sie diese. Kinder können sich auch eine Stunde allein im geschützten Laufgitter beschäftigen und sollten lernen, dass es auch ohne permanenten Nuckelpullen-Einsatz geht. Gerade in Familien, in denen sonst alles glatt läuft, ist das für die Kinder wichtig.
  • Dosieren Sie die Herausforderungen. Beziehen Sie die Kinder je nach Alter in Haushaltsaufgaben mit ein, ermutigen Sie sie zu kleinen Abenteuern wie Treppen steigen, balancieren oder klettern. Kurz: Vertrauen Sie ihnen, aber achten Sie darauf, dass die Aufgabe auch wirklich gelingen kann.
  • Versuchen Sie nicht, Ihr Kind vor allem zu schützen. Die "Pass auf"-Mentalität vieler Eltern bewirkt, dass Kinder ängstlich werden und mit bestimmten Gefahren nicht umgehen können. Lassen Sie das Kind selbst eine Kerze anzünden und haben Sie sicherheitshalber ein Schälchen kaltes Wasser in Reichweite - für angesengte Finger. Lassen Sie sich eventuell vorhandene Ängste nicht anmerken.
  • Lassen Sie Ihr Kind hinfallen - und selber wieder aufstehen, denn "Kinder lernen Laufen von Fall zu Fall", sagt Wunsch. Machen Sie kein großes Aufhebens um den Sturz, stürmen Sie nicht sorgenvoll hin - auch wenn es Ihnen schwerfällt. Meistens ist es halb so wild und Ihr Kind lernt, selbst wieder aufzustehen und weiterzugehen. Auch später im Leben.
  • Wenn Ihr Kind auf Mahlzeiten mit "Das mag ich nicht, das kenn ich nicht" reagiert, seien Sie beharrlich, außer es gibt Anzeichen für medizinisch nachweisbare Unverträglichkeiten. Das Eltern-Argument "Ich mag ja auch nicht alles" - zählt nicht. Keine Suggestivfragen wie "Meinst du, das magst du?". Stattdessen Essens-Nörgeleien nicht allzu ernst nehmen und es geduldig wieder mit Obst und Gemüse versuchen - auch gegen Widerstände.
  • Sinnstiftende Gemeinschaften erhöhen die Stressresistenz. Dazu gehören zum Beispiel religiöse Gruppierungen, aber auch Pfadfinder, das Jugend-Rote-Kreuz, die freiwillige Feuerwehr oder andere gemeinnützige Jugendorganisationen. Kinder lernen, über ihr eigenes Ego hinaus zu denken und zu handeln. Das Gemeinschaftsgefühl verleiht ihnen Stärke und Kraft.
  • Treffen Sie mit Ihren Teenager-Kindern feste Vereinbarungen oder machen Sie Verträge. Zum Beispiel beim Thema Aufräumen. Einmal in der Woche wird aufgeräumt, einmal in der Woche gibt es eine Art Zimmerkontrolle. Alles, was dann noch nicht erledigt ist, muss sofort gemacht werden. Suchen Sie sich für die Kontrolle eine Zeit aus, die auch den Nachwuchs zu Disziplin zwingt: zum Beispiel kurz vor der Lieblings-TV-Serie, kurz vor der Samstagabend-Party, etc.
  • Nicht jedem Verlangen nachgeben, sonst rutschen Sie und Ihr Kind in die Verwöhnungsfalle. Kinder müssen lernen, gewisse Zustände und Umstände zu ertragen. "Kein Kind braucht beispielsweise ein eigenes Handy", sagt Wunsch. Die Alternative wäre ein Familienhandy, das alle Kinder je nach Situation, Ausflug oder Anlass benutzen können.
  • Trauen Sie Ihrem Kind etwas zu. Zum Beispiel den Umgang mit Geld für Kleidung. Ein 13-Jähriger kann dafür durchaus ein eigenes Budget bekommen und sich selbst um seine Ausstattung kümmern. Das Kind sollte über die Ausgaben Buch führen, am Ende des Monats gibt es eine Kassenkontrolle. Wenn es sich statt der nötigen Winterjacke lieber ein paar teure Turnschuhe leisten will, dann lassen Sie es.
  • Wichtig: Diese Tipps können nur dann gelingen, wenn Sie sie nicht formal oder harsch einfordern, sondern wohlwollend und ermutigend verdeutlichen und ihre Kinder bei der Umsetzung begleiten.
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