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Alle zu Tisch, bitte!

Der Mensch muss essen. Die Familie auch. Und zwar zusammen. Psychologen sehen darin die entscheidende Erziehungsleistung der Eltern - und nicht in Tipps wie "Sitz gerade".

Von Gesa Lampe

  Kinder, die mit ihren Eltern gemeinsam kochen, achten später mehr auf eine ausgewogene Ernährung.

Kinder, die mit ihren Eltern gemeinsam kochen, achten später mehr auf eine ausgewogene Ernährung.

Essensalltag in Deutschland: Beide Eltern sind berufstätig, die Kinder essen nach der Schule im Hort oder bei Oma und Opa. Abends, wenn die Familie wieder zusammenkommt, müssen viele Eltern sich regelrecht aufraffen, alle an einen Tisch zu bringen. Doch wenn sie sich nicht wenigstens jetzt ums Abendessen kümmern, dann sieht sich die Familie bald gar nicht mehr und jeder futtert nur noch irgendwo irgendwas in sich hinein. Die Arbeitszeiten vieler Eltern – insbesondere Schichtarbeit – sind für den Psychologen Bernd Brixius ein Grund dafür, warum es in vielen Familien an geregelter Tischkultur mangelt: "Manche Eltern geben sich unter der Woche nur die Klinke in die Hand und sehen sich kaum."

Für den dänischen Familientherapeuten und Bestsellerautoren Jesper Juul können solche Verhältnisse die Familie beschädigen: "Ohne gemeinsames Essen geht die Einheit der Familie verloren." Bindung entstehe schließlich durch Nähe. Und hier spiele Essen eine große Rolle, so Juul. Erst am Tisch erfahre man, wie es den anderen geht. Man könne sich sogar Themen- oder Fragerituale für die Unterhaltung bei Tisch überlegen. Wichtig sei es, sich Zeit zu nehmen. Telefon und Fernseher sollten während des Essens tabu sein, um Ruhe und Aufmerksamkeit füreinander zu schaffen.

Laden Sie Ihre Kinder herzlich zum Essen ein

Eltern müssten sich nicht verrenken, um für gute Stimmung beim Essen zu sorgen, meint Juul: "Man muss seine Kinder einfach nur wie Freunde behandeln." Sie würden ja auch Ihre Freunde nicht zwingen, etwas aufzuessen, was sie nicht mögen. Juul ist ambitionierter Hobbykoch und macht sich aus Überzeugung in seinem Buch "Was gibt’s heute?" für die familiäre Esskultur stark. Der Tisch ist für ihn das Herz der Familie. Um eine schöne und entspannte Atmosphäre zu schaffen, sollten Eltern ihre Kinder herzlich zum Essen einladen. Auch einfache Sonderwünsche könnten sie ihnen ruhig erfüllen. "Essen ist ein Symbol für Liebe", sagt der Däne. Billig, schnell und halbherzig funktioniert das nicht.

So eine Tischkultur kann kleine Wunder bewirken, selbst in Familien, in denen wegen Alltagsstreitigkeiten niemand so richtig daran interessiert ist, Zeit mit den anderen zu verbringen. Konflikten sollte man nicht aus dem Weg gehen, indem man sich aus dem Weg geht. Der Esstisch ist eine gute Gelegenheit, sich ruhig und respektvoll zu besprechen. "Kinder lernen dadurch, Kompromisse zu schließen und ihre Standpunkte zu vertreten", sagt der Familientherapeut Brixius.

Für den Respekt reicht manchmal schon ein kleiner Griff der Eltern in die Trickkiste: den Tisch besonders festlich dekorieren. Kerzen anzünden oder Blumen auf den Tisch stellen zusammen mit gefalteten Servietten. "Wenn der Tisch nett gedeckt ist, dann entsteht eine Atmosphäre, in der sich die Menschen von allein respektvoller verhalten", sagt Brixius.

Erziehung ist zwecklos, die Kinder gucken sich alles ab

Damit sich alle wohlfühlen, sollten sich Eltern vermeintlich gut gemeinte Kritik an ihren Kindern verkneifen. "Erziehung zerstört jede Atmosphäre", sagt Jesper Juul. Dabei habe schon eine ältere Studie gezeigt: Ohne bewusste Erziehung lernen Kinder doppelt so schnell! Sprüche wie "Bleib sitzen", "Zappel nicht" oder "Jetzt iss aber mal auf" kommen vor allem bei jüngeren Kindern ganz anders an, als von den Eltern gedacht.

Wenn das Miteinander am Tisch gut klappt, kann man sich als Familie an die nächste Stufe wagen: das gemeinsame Kochen. Die Vorbereitung einer Mahlzeit stärkt die Familienbande. Sie ist ein Erlebnis und erfüllt alle Beteiligten beim Essen hinterher mit einigem Stolz. "Das Mitmachen ermöglicht den Kindern, die Welt zu erobern und wertvolle Kompetenzen zu erwerben", ist Brixius überzeugt. Kompetenz heißt nicht unbedingt Tomatenschneiden. Beim gemeinsamen Kochen erfahren Kinder an ganz kleinen Dingen, was es heißt, Aufgaben zu übernehmen, sich aufeinander zu verlassen und eine Arbeit zu Ende zu bringen. Wer für die Zwiebeln verantwortlich ist, sollte sie fertig haben, wenn die Pfanne heiß genug ist.

Beim Kochen ein Vorbild sein, ohne das man kochen kann?

Gemeinsam kochen setzt natürlich voraus, dass die Eltern als Vorbilder einen Plan haben. Doch was in der Großelterngeneration noch selbstverständlich war, fehlt heute in vielen Familien: Erfahrung und Grundfertigkeiten beim Kochen. Rezepte gibt es zwar überall, doch sie allein nützen nichts. Viele Eltern trauten sich das Kochen und das Delegieren von Aufgaben einfach nicht zu, glaubt Psychologe Brixius: "Es ist daher wichtig, gemeinsames Kochen zu erleben."

Doch wer mit seiner Familie kocht, möchte seinen Kindern nicht in erster Linie das Kochen beibringen oder sie in der Küche mit Nährwerttabellen langweilen. Im Vordergrund steht das Miteinander und die Freude, sich als Familie etwas Gutes zu tun. "Wenn jemand mit Freude kocht, dann kommen die Kinder von ganz allein", hat Jesper Juul bei seiner eigenen Familie beobachtet.

Um nicht gleich an zu großen Vorsätzen zu scheitern, sollte man lieber langsam anfangen. Zunächst an den Wochenenden ein gemeinsames Essen einführen. In jeder Familie eignet sich dafür eine andere Mahlzeit. Bei der einen ist es das Mittagessen oder eine Art Brunch. Andere Familien kommen eher am Abend zusammen. Das Ritual dann auf einen Tag in der Woche ausdehnen. Hat sich das nach einiger Zeit etabliert, können die Eltern ihre Kinder schrittweise in die Essensvorbereitung einbeziehen. "Wenn es um gemeinsame Esskultur geht, ist jeder kleine Schritt ein Schritt in die richtige Richtung", sagt Bernd Brixius. Doch: Bloß keinen Stress. Den haben alle im Alltag schon genug.

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