Alle zu Tisch, bitte!

10. April 2011, 16:48 Uhr

Der Mensch muss essen. Die Familie auch. Und zwar zusammen. Psychologen sehen darin die entscheidende Erziehungsleistung der Eltern - und nicht in Tipps wie "Sitz gerade". Von Gesa Lampe

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Kinder, die mit ihren Eltern gemeinsam kochen, achten später mehr auf eine ausgewogene Ernährung.©

Essensalltag in Deutschland: Beide Eltern sind berufstätig, die Kinder essen nach der Schule im Hort oder bei Oma und Opa. Abends, wenn die Familie wieder zusammenkommt, müssen viele Eltern sich regelrecht aufraffen, alle an einen Tisch zu bringen. Doch wenn sie sich nicht wenigstens jetzt ums Abendessen kümmern, dann sieht sich die Familie bald gar nicht mehr und jeder futtert nur noch irgendwo irgendwas in sich hinein. Die Arbeitszeiten vieler Eltern – insbesondere Schichtarbeit – sind für den Psychologen Bernd Brixius ein Grund dafür, warum es in vielen Familien an geregelter Tischkultur mangelt: "Manche Eltern geben sich unter der Woche nur die Klinke in die Hand und sehen sich kaum."

Für den dänischen Familientherapeuten und Bestsellerautoren Jesper Juul können solche Verhältnisse die Familie beschädigen: "Ohne gemeinsames Essen geht die Einheit der Familie verloren." Bindung entstehe schließlich durch Nähe. Und hier spiele Essen eine große Rolle, so Juul. Erst am Tisch erfahre man, wie es den anderen geht. Man könne sich sogar Themen- oder Fragerituale für die Unterhaltung bei Tisch überlegen. Wichtig sei es, sich Zeit zu nehmen. Telefon und Fernseher sollten während des Essens tabu sein, um Ruhe und Aufmerksamkeit füreinander zu schaffen.

Laden Sie Ihre Kinder herzlich zum Essen ein

Eltern müssten sich nicht verrenken, um für gute Stimmung beim Essen zu sorgen, meint Juul: "Man muss seine Kinder einfach nur wie Freunde behandeln." Sie würden ja auch Ihre Freunde nicht zwingen, etwas aufzuessen, was sie nicht mögen. Juul ist ambitionierter Hobbykoch und macht sich aus Überzeugung in seinem Buch "Was gibt’s heute?" für die familiäre Esskultur stark. Der Tisch ist für ihn das Herz der Familie. Um eine schöne und entspannte Atmosphäre zu schaffen, sollten Eltern ihre Kinder herzlich zum Essen einladen. Auch einfache Sonderwünsche könnten sie ihnen ruhig erfüllen. "Essen ist ein Symbol für Liebe", sagt der Däne. Billig, schnell und halbherzig funktioniert das nicht.

So eine Tischkultur kann kleine Wunder bewirken, selbst in Familien, in denen wegen Alltagsstreitigkeiten niemand so richtig daran interessiert ist, Zeit mit den anderen zu verbringen. Konflikten sollte man nicht aus dem Weg gehen, indem man sich aus dem Weg geht. Der Esstisch ist eine gute Gelegenheit, sich ruhig und respektvoll zu besprechen. "Kinder lernen dadurch, Kompromisse zu schließen und ihre Standpunkte zu vertreten", sagt der Familientherapeut Brixius.

Für den Respekt reicht manchmal schon ein kleiner Griff der Eltern in die Trickkiste: den Tisch besonders festlich dekorieren. Kerzen anzünden oder Blumen auf den Tisch stellen zusammen mit gefalteten Servietten. "Wenn der Tisch nett gedeckt ist, dann entsteht eine Atmosphäre, in der sich die Menschen von allein respektvoller verhalten", sagt Brixius.

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