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"Medizin muss sozial gedacht werden"

Ab diesem Sonntag treffen sich in Berlin Experten aus Wissenschaft, Industrie, Medizin und Politik auf dem zweiten Weltgesundheitsgipfel. Im stern-Interview spricht Kongress-Präsident Detlev Ganten über globale Probleme, lokale Lösungen und die Ziele des "World Health Summit".

Herr Professor Ganten, kommende Woche werden in Berlin rund 1000 Menschen aus aller Welt zusammentreffen, die sich irgendwie mit Gesundheit beschäftigen. Haben sich ein Arzt aus Brasilien, ein Medizinstatistiker aus Deutschland und ein Techniker aus Afrika überhaupt etwas zu sagen?
Viele sind tatsächlich enorm spezialisiert und sprechen kaum miteinander. Aber das ging mir ja lange selbst so: Mein Thema war über Jahre die klassische Bluthochdruckforschung und die Frage, wie man den Bluthochdruck mit Arzneimitteln beeinflussen kann. Ich hätte damals nie gedacht, dass ich je so einen Kongress organisieren würde. Dann wurde ich Chef der Charité, eines der größten und traditionsreichsten Krankenhäuser Europas. Hier habe ich mich bei der Vorbe-reitung für unsere 300-Jahr-Feier intensiv mit Rudolf Virchow beschäftigt, dem berühmten Arzt aus dem 19. Jahrhundert, der in der Charité gearbeitet hat. 1848 wurde Virchow vom preußischen König nach Schlesien geschickt, um herauszufinden, warum die Arbeiter dort so jung starben.

Was hat das mit Ihrem Kongress zu tun?
Warten Sie’s ab. Zurück in Berlin, sagte Virchow: Wir haben in Schlesien kein medizinisches Problem, sondern ein soziales – die skandalösen Arbeits- und Lebensbedingungen müssen verbessert werden. Medizin, das wurde Virchows Überzeugung, ist eine soziale Wissenschaft. Und Politik, so schloss er, sollte nichts anderes sein als Medizin im Großen. Heute müssen wir das global denken. Wir wollen all die Experten aus den verschiedenen Fachrichtungen und von allen Kontinenten dazu bringen, diesen umfassenden Kontext im Blick zu haben, auch den Arzt aus Brasilien und den Techniker aus Afrika. Damit sie gemeinsam Verantwortung übernehmen für die großen Gesundheitsprobleme auf der Welt.

Für welche vor allem?
Es wurde viel darüber berichtet, wie weit wir noch davon entfernt sind, die sogenannten UN-Millenniumsziele zu erreichen. Am wichtigsten sind dabei Bildung und die Eindämmung von Armut und Krankheit auf der Welt. Wo stehen wir heute? Nach dem Stand der Wissenschaft werden versorgt: die reichen Nationen, zum Beispiel in Europa, Nordamerika, Asien und Australien, und einige privilegierte Einwohner ärmerer Länder. Das heißt: Milliarden Menschen in Afrika, Südamerika und Teilen Asiens werden gar nicht oder nur schlecht medizinisch betreut. Wir schaffen es bisher nicht, sie wirklich am Fortschritt der Wissenschaft teilhaben zu lassen, aber wir exportieren unseren Lebensstil – und damit unsere vermeidbaren Zivilisationskrankheiten.

Die WHO-Statistik zeigt, dass es in einigen armen Ländern inzwischen ebenso viele über- wie untergewichtige Kinder gibt.
Auch wo noch gehungert wird, gibt es zur selben Zeit Bevölkerungsschichten, die relativen Wohlstand genießen. Sie orientieren sich an westlichen Gewohnheiten, bekommen von uns Industrienahrung, entfremden sich von ihren tradierten Lebens- und Essgewohnheiten. Die Folgen sind Übergewicht, Diabetes, Bluthochdruck.

Obwohl die Gesundheitssysteme in vielen dieser Länder kaum in der Lage sind, den bisherigen Problemen zu begegnen – also etwa Malaria, Tuberkulose, Aids.
Richtig, und es kommen noch weitere Herausforderungen auf sie zu, etwa der demografische Wandel und die dramatisch fortschreitende Urbanisierung. Noch vor 100 Jahren lebten etwa zehn Prozent der Weltbevölkerung in Städten, derzeit sind es 50 Prozent, im Jahre 2050 werden es rund 75 Prozent sein! Gleichzeitig steigt die Lebenserwartung. Das Letztere ist einerseits großartig, ein echter Erfolg. Aber gerade in einer urbanen Gesellschaft ist die Versorgung der Alten in den traditionellen Großfamilien kaum noch zu leisten, weil diese sich in der verstädterten Gesellschaft oftmals auflösen.

Das ist doch nicht eigentlich ein medizinisches Problem?
Genau hier zeigt sich die Aktualität des Virchow’schen Denkens: Medizin muss sozial gedacht werden. Sie widmet sich immer der Behandlung und Bekämpfung von Krankheiten. Aber zunehmend geht es ihr auch um die Versorgung von Leuten, die allein nicht leben können. Ich bin in einem kleinen Dorf groß geworden. Da lief manch einer mit Alzheimer herum. Da gab es die sogenannten Dorfdeppen, die waren nicht produktiv. Aber sie gehörten dazu und wurden von der Familie versorgt. Das kostet nicht viel und ist gut, weil jeder seine Funktion hat – und sei es, den anderen bewusst zu machen, dass Krankheit und Tod zum Leben gehören. Aber wie soll das gehen in der Stadt, in einer Zweizimmerwohnung? Wenn alle arbeiten gehen müssen? Das funktioniert nicht, da muss man andere Lösungen finden. Auch hier ist unser internationaler Dialog dringend nötig.

Aber was haben wir in Deutschland, in Europa denn anzubieten? Viele Schwierigkeiten, die Sie nennen, haben wir selbst nicht im Griff – trotz unserer Wirtschaftskraft.
Immerhin haben wir hier im Laufe der Zeit eine hervorragende medizinische Versorgung für jedermann etabliert, trotz aller Defizite. Es gibt ein breites Wissen darüber, wie gesundes Leben aussieht, und ein Teil der Bevölkerung richtet sich auch danach. Das lässt sich in keiner Weise mit den Problemen in Entwicklungsländern vergleichen. Aber: Ich glaube nicht, dass wir unsere Lösungen einfach exportieren können. Wie die konkrete Politik aussehen soll, muss jeweils vor Ort geklärt werden.

Und was können die reichen Länder dafür tun?
Wir können die Wissenschaft in den betreffenden Ländern fördern, und damit meine ich nicht nur Labore, sondern eine lokale Intelligenz – gut ausgebildete Leute, die in Kenntnis der Kultur und der geografischen und klimatischen Bedingungen die Entwicklung vorantreiben. Wissenschaft wird häufig als etwas Abgehobenes gesehen. Sie wird überhöht und an Doktoren- oder Professorentitel gebunden. Aber das ist gar nicht das Entscheidende. Wissenschaftliches Denken ist letztlich das, was potenziell jeden von uns vom Affen unterscheidet: die Fähigkeit, kritisch und selbstkritisch zu reflektieren. Zu bewerten, was wir tun, um danach vernünftig zu handeln.

Aber ist es in armen Ländern nicht erst einmal wichtig, die brandaktuellen Probleme zu bekämpfen? Für Nahrung und sauberes Wasser zu sorgen?
Das ist gar kein Gegensatz. Wenn Sie in einem armen Land in größerem Maßstab in die Wasserwirtschaft investieren wollen, dann brauchen Sie Know-how, gut ausgebildete Leute. Mit ihnen können Sie sehr rasch die Lebensbedingungen der Menschen vor Ort verbessern. Sie verändern die Landwirtschaft, machen sie krisensicherer, und in den meisten Agrarländern schlägt das mittelfristig auf die ganze Volkswirtschaft durch. Wenn die in Schwung gekommen ist, können Sie mehr Schulen, Kliniken, Forschungseinrichtungen bauen. Für Fachkräfte und Wissenschaftler, die im Ausland studiert haben, wird es damit attraktiver zurückzukommen. So ganzheitlich müssen wir denken und handeln.

Aber das funktioniert nur, wenn die Staatsführung nicht allzu viel Geld auf ihren Privatkonten verschwinden lässt.
Richtig, gute Regierungsführung ist die Voraussetzung für jeden Fortschritt, da ist zum Beispiel die Weltbank gefordert. Die müssen sagen: Wir geben euch keinen Kredit mehr, wenn da nichts passiert.

Haben Sie das die Weltbank wissen lassen?
Ja natürlich, wir sind in Kontakt. Wir wollen ja mit allen arbeiten, alle zusammenbringen, die nötig sind, um etwas zu bewegen.

Dazu gehört auch die Pharmaindustrie – wofür Sie beim ersten Weltgesundheitsgipfel vor einem Jahr heftig angegriffen wurden.
Man sollte die Pharmaindustrie nicht verteufeln. Jeder weiß, was die macht, die Firmen sind an Profit interessiert. Aber viele sind auch bereit, gute Projekte zu unterstützen.

Wie zum Beispiel den Weltgesundheitsgipfel.
Wir haben eine gemischte Finanzierung: Das Bundesforschungsministerium und das Bundesgesundheitsministerium geben Geld für den Gipfel. Die französische Regierung, verschiedene internationale Forschungsorganisationen wie die Max-Planck-Gesellschaft und die Helmholtz-Gemeinschaft, um nur einige zu nennen. Und eben auch die Industrie. Aber wir sind von niemandem abhängig.

Dagmar Gassen und Christoph Koch/print

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