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Werden Privatpatienten wirklich bevorzugt?

Privatpatienten bekommen schneller ein Spenderorgan als gesetzlich Versicherte - das legen Zahlen nahe, die ein Grünen-Gesundheitsexperte präsentiert. Was dran ist an den Vorwürfen.

Von Lea Wolz

  Ein schwerer Vorwurf steht im Raum: Privatversicherte sollen eher Spenderorgane bekommen als gesetzlich Versicherte

Ein schwerer Vorwurf steht im Raum: Privatversicherte sollen eher Spenderorgane bekommen als gesetzlich Versicherte

Privatpatienten werden bei der Vergabe von Spenderorganen bevorzugt - das ist eine Schlagzeile, die empört. Doch was ist dran an den Zahlen, die der Grünen-Gesundheitsexperte Harald Terpe gestern präsentierte? Denn in der Tat können Kliniken mit Privatpatienten mehr verdienen, wenn sie etwa eine Chefarztbehandlung oder einen Einzelzimmerzuschlag berechnen.

Das Gesundheitsministerium erklärte bereits vor gut zwei Wochen, dass sich eine solche ungleiche Behandlung bei der Organvergabe aus den Daten, die ihm vorliegen, nicht ablesen lasse. Nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation haben im vorigen Jahr 3504 gesetzlich Versicherte ein Spenderorgan bekommen, bei den Privatpatienten waren es 344. Damit liegt ihr Anteil an allen Transplantationen bei 8,9 Prozent (und nicht, wie in Artikeln zu lesen war, bei 9,8 Prozent). Er entspreche damit etwa dem Anteil der in Deutschland privat Versicherten, so das Ministerium.

Dem Grünen-Gesundheitsexperten Terpe reichte diese Erklärung nicht. Privatversicherte seien in der Regel jünger und gesünder als gesetzlich Versicherte, kritisierte er und schlussfolgerte: Der Anteil der Privatversicherten an Transplantationen sei nicht vergleichbar mit ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung.

Terpe ließ daher ermitteln, wie viele Privatversicherte auf der Warteliste für ein neues Organ stehen. Diese Daten vom 22. August 2012 verglich er mit der Zahl der Organtransplantationen bei Privatpatienten im ganzen Jahr 2011. Dabei entdeckte er, wie er sagt, "Auffälligkeiten".

Unregelmäßigkeit bei fast allen Organen

So seien 9,7 Prozent aller Patienten, die auf einer Warteliste für eine Leber stehen, privat versichert. Der Anteil der Privatversicherten, die 2011 eine neue Leber bekamen, lag aber bei 13,1 Prozent. Ähnliche Unregelmäßigkeiten verzeichnete Terpe bei der Vergabe von Herzen, Lungen und Bauchspeicheldrüsen. Bei der Niere, dem am häufigsten transplantierten Organ, fand sich nur ein geringer Unterschied.

Doch will Terpe auch Unregelmäßigkeiten beim sogenannten beschleunigten Vergabeverfahren entdeckt haben. Dabei dürfen Transplantationszentren unabhängig von der Warteliste selbst bestimmen, welcher Patient das neue Organ erhält. Hier sei der Anteil der Privatpatienten ebenfalls höher gewesen, als es die Warteliste habe erwarten lassen.

Ein Vergleich wie von Äpfeln mit Birnen

Einen "Skandal erster Güte" witterte die "Frankfurter Rundschau", die gemeinsam mit der "Berliner Zeitung" als erstes über Terpes Berechnungen berichtete. Doch der wahre Skandal liegt im äußerst fragwürdigen Umgang des Politikers mit den Daten - und in der unkritischen Übernahme durch viele Medien.

Denn die Zahlen vom August 2012 denen aus dem Gesamtjahr 2011 gegenüberzustellen, ist methodisch angreifbar – und ein wenig so, als würden Äpfel mit Birnen verglichen.

Einen seltsamen Beigeschmack hat es außerdem, dass nur Prozentzahlen verbreitet wurden. In absoluten Zahlen erscheint der ohnehin absurde Vergleich noch absurder. Beispiel Nierentransplantation: 141 Privatpatienten erhielten Eurotransplant zufolge im Jahr 2011 eine neue Niere. Laut Warteliste müssten es Terpe zufolge 6,2 Prozent sein, was 127 Menschen entspräche. Ein Ausreißer von 14 Personen sagt bei über 2000 Operationen allerdings nichts aus - und könnte Zufall sein.

Noch kritischer wird es bei Bauchspeicheldrüsen und Herzen: Da sind die Transplantationszahlen so gering, dass sogar aus Terpes Büro mittlerweile eingeräumt wird, dass es sich um statistische Schwankungen handeln könne. So wurden 2011 173 Bauchspeicheldrüsen transplantiert, sieben davon gingen an Privatversicherte. Erwartbar wären Terpe zufolge fünf gewesen - und damit zwei weniger. Beim Herzen gab es insgesamt 366 Transplantationen, 40 davon bei PKV-Patienten. Statistisch wären 35 zu erwarten gewesen, macht fünf über dem Soll.

Auffälligkeiten, die nicht mehr durch einen statischen Fehler erklärbar sind, will der Grünenpolitiker jedoch bei den Lebertransplantationen beobachtet haben. 38 mehr Lebern als erwartet gingen an Privatpatienten - bei 1116 Transplantationen insgesamt.

Privatversicherte sind im Schnitt gar nicht so jung

Doch wie steht es um Terpes Annahme, dass privat Versicherte jünger und gesünder seien? Der Altersunterschied ist dem Verband der privaten Krankenversicherungen (PKV) zufolge nicht so groß, wie es die Aussage vermuten lässt. So liegt das Durchschnittsalter bei der gesetzlichen Krankenversicherung bei 42,83 Jahre, bei der PKV beträgt es 42,15 Jahre.

Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) und die PKV verweisen zudem auf die Todesrate. Diese sei bei privat Krankenversicherten auf der Warteliste in den meisten Fällen gleich oder sogar höher als bei gesetzlich Versicherten. Würden Privatpatienten bevorzugt behandelt, dürfte dies eigentlich nicht so sein.

Spekulationen senken die Spendenbereitschaft

Es fragt sich auch, an welcher Stelle die Verteilung der Organe überhaupt manipuliert werden könnte. Zwar wird der Versicherungsstatus der Patienten auf der Warteliste zur Abrechnung von den Transplantationszentren an Eurotransplant übermittelt, beim Matching von Spender und möglichem Empfänger aber nicht ausgewiesen. Bei der Vergabe der Organe spiele er keine Rolle, heißt es aus dem BMG. Diese erfolge gemäß den Richtlinien der Bundesärztekammer nach medizinischen Erfolgsaussichten, Dringlichkeit und Wartezeit.

Theoretisch ist es zwar möglich, Privatpatienten weiter nach vorne auf der Warteliste zu bringen. Doch ist dazu kriminelle Energie nötig, denn die Ärzte müssten etwa Laborwerte manipulieren.

Dass dies geschieht, kann Terpe mit seinen Zahlen nicht beweisen. "Wir haben auch nie gesagt, dass Privatpatienten bei der Organvergabe bevorzugt würden", sagte Terpe gegenüber stern.de. "Wir haben auf Auffälligkeiten hingewiesen. Nun muss überprüft werden, ob diese zufällig oder systematisch sind."

Das BMG kontert scharf und spricht von "unverantwortlichen Spekulationen", mit denen "Stimmung" gemacht wird. Auch beim PKV ist man verärgert über die "durchsichtigen ideologischen Motive" und die "unzulässig manipulierten Datenvergleiche". Bei einem so hochsensiblen Thema sei dies unverantwortlich. "Jedes Jahr sterben in Deutschland etwa 1000 Menschen wegen fehlender Spenderorgane", sagt Volker Leienbach, Direktor des PKV. Der sorgfältige Umgang mit Daten kann daher durchaus eine Frage über Leben und Tod sein - wenn derartige Meldungen für Verunsicherung sorgen und die Spendenbereitschaft sinkt.

Von Lea Wolz

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