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Wie ich die Magie der Askese wiederentdeckte

Diäten empfand unsere Autorin stets als Strafe. Bis sie die "Fast Diet" von Michael Mosley entdeckte. Zwei Tage fasten, fünf Tage essen nach Lust und Laune – ein Selbstversuch.

Von Birgit Schönberger

  Reicht ein bisschen fasten aus, um nachhaltig abzunehmen?

Reicht ein bisschen fasten aus, um nachhaltig abzunehmen?

Ich hasse Diäten. Morgens drei Scheiben Ananas, mittags fünf Blätter Salat, abends eine halbe Scheibe Knäckebrot mit Hüttenkäse, das ganze mit Radieschen und Brunnenkresse garniert und als Schlemmerparty verkauft. Ohne mich! Schon klar, es gibt diese mit allen wissenschaftlichen Wassern gewaschenen Programme, bei denen man sich satt, schön und glücklich schlemmt und die Pfunde angeblich von allein verduften - ich vermute vor Schreck beim Anblick magersüchtiger Putenbrüstchen, die ohne Fett arg fade aussehen, auch wenn sie sich aufreizend im Basilikummäntelchen präsentieren.

Die bittere Wahrheit ist: Seit ich die 45 überschritten habe, nehme ich nur noch am linken Ohrläppchen ab. Leider habe ich dort keine Problemzone. Ja, ich trage am Strand jetzt Einteiler. Nein, ich möchte den Weg zur Bikinifigur nicht kennenlernen!

Die "Fast Diet"-Mail

Die Redaktion fragt an, ob ich Lust hätte auf einen Selbstversuch. Ich soll die Fast Diet von Michael Mosley ausprobieren, die in den USA und Großbritannien für Furore sorgt und inzwischen weltweit begeisterte Anhänger hat. Vier Wochen lang. Die trauen sich was! Ich bin empört. Warum ausgerechnet ich? Ist das ein Wink mit dem Zaunpfahl? Darf ich nicht in Würde altern und Hüftgold ansetzen? Wieso vier Wochen und nicht vier Tage? Es heißt doch Fast und nicht Slow Diet?

Ich erwäge, ein saftiges Honorar plus Schmerzensgeld auszuhandeln. Eine kurze Kalkulation im Kopf ergibt: Nur ein obszöner fünfstelliger Betrag kann mein zu erwartendes vierwöchiges Leid und das meiner Familie lindern, die ich zuletzt mit einer Umstellung auf ayurvedische Ernährung traktiert habe. Im Kopf formuliere ich bereits eine elegante Absage im Stil von "Danke, dass Sie an mich gedacht haben, aber leider habe ich momentan keine Kapazitäten", da lese ich: "Fünf Tage essen, zwei Tage fasten."

Fasten? Ja, bitte!

Plötzlich macht es pling! Fasten hat in meinen Ohren einen magischen, verheißungsvollen Klang. Es liegt etwas Heroisches darin. Der Gedanke an selbst gewählten Verzicht aktiviert auf der Stelle die Reste meiner katholischen Sozialisation. Schließlich kann ich in meiner Vita auf beeindruckende Erfolge als Teilzeitasketin verweisen. Während der Fastenzeit habe ich als Kind tapfer auf Süßigkeiten verzichtet und das gesparte Geld brav bei der Osterkollekte den armen Kindern in Afrika gespendet. Ich war mir sicher, später in den Himmel zu kommen. So etwas prägt. Das Prinzip Verzicht für einen guten Zweck ist mir vertraut. Darauf lässt sich aufbauen.

Die Diätbibel

Erst einmal das Buch zur Diät studieren. So fange ich immer an. Ich lese ein Buch und hoffe heimlich, dass sich mein Problem durch die Lektüre löst. Manche nennen das magisches Denken. Ich sehe das anders. Ich bin offen für Wunder. Jetzt mal im Ernst: Ich stehe auf Programme, bei denen mir keiner was vormacht.

Deshalb beginne ich jeden Tag mit Sitzmeditation. "Zenmeditation bringt dir gar nichts", lautet mein Lieblingszitat des japanischen Zenmeisters Kodo Sawaki, dessen erfrischende Weisheiten ich immer wieder gern lese. Fünf Tage essen, zwei Tage fasten, auch das klingt nach einer ehrlichen Ansage ohne Schmu. Kein Magerquark, der zur Götterspeise hochgejubelt wird. Danke, Mister Mosley, für diese erfrischende Direktheit! Zwei Tage pro Woche gibt es nur 500 Kilokalorien. Wer sich darunter jetzt nichts vorstellen kann: Das kommt der Wahrheit sehr nahe. An den Fastentagen liegt ein Hauch von Nichts auf dem Teller, ummantelt von Apfelschnitzen. Manche Rezeptvorschläge (Frühstück Tag 7: drei extra dünne Scheiben Schinken ohne Fett, eine Mandarine) wecken in mir den Wunsch, gleich ganz auf feste Nahrung zu verzichten.

Tag 1: Und jedem Anfang …

Montag ist der ideale Tag zum Fasten. Zumindest für mich, es könnte aber auch jeder andere Tag sein. Die Woche ist noch taufrisch, der perfekte Zeitpunkt, um Akzente zu setzen. Askese, ich komme! Endlich raus aus der hedonistischen Tretmühle, die mir vorgaukelt, der Weg zum Glück sei mit Brownies und Bayrisch Creme gepflastert. Zucker ist völlig überschätzt. Nach den Überstunden am Wochenende braucht mein Magen dringend einen lazy day. Das Genuss-Schwein in mir ist 365 Tage im Jahr im Dienst, kennt keinen Feierabend und grunzt ständig: "Mehr, mehr." Schnauze jetzt!

Heute und am Donnerstag gibt es Hedonismus nur in homöopathischen Dosen. Zum Frühstück ein Minimüsli mit Haferflocken, Apfel und Magermilch, abends Mozzarella (darf ich wirklich nur drei Scheiben?), Tomate und Basilikum. Ich bin entschlossen, das ganz cool durchzuziehen. Eigentlich bin ich sowieso mehr der minimalistische Typ, ich komme nur so selten dazu. "Ist es schlimm?", fragt mein Mann und betrachtet mit einer Mischung aus Mitleid und Häme die neue Übersichtlichkeit auf meinem Teller. "Kein Problem, alles nur eine Frage der inneren Einstellung", trompete ich extra laut, um das Knurren meines Magens zu übertönen.

Tag 4: Melancholie mit Melissentee

Nach zwei Tagen lustvollen Schlemmens (ich nehme alles zurück, Brownies machen doch glücklich!) ist heute der soziale Härtetest: Abends koche ich für Mann und Tochter ein cremiges Gemüsecurry, verziehe mich nach getaner Arbeit mit drei Mandeln und einem Apfel allein aufs Sofa und tue mir gründlich leid. Der ganze Abend liegt noch vor mir.

Aber was nützt mir das, wenn Melisse-Hopfen-Tee die einzige Ekstase ist, die auf mich wartet? Zum Sex bin ich zu schlapp, das ersehnte Fastenhoch, von dem im Buch geschwärmt wird, stellt sich in Woche eins leider noch nicht ein. Ich frage mich, welche verbotenen Drogen die Euphoriker in der 5 : 2-Gemeinde nehmen. Bei mir überwiegt eine nüchterne, leicht dumpfe Stille.

Tag 8: Ich faste, na und?!

Was bitte schön war eigentlich letzte Woche das Problem? Ich faste an zwei Tagen. Na und? Fettarmer Hüttenkäse und eine Birne zum Frühstück machen nicht satt. Wundert das jemanden? Jetzt sitze ich halt mit einem Vakuum im Bauch am Schreibtisch. Das erscheint mir immer noch besser als der halb komatöse Zustand, in den ich nach einem vollständigen Mittagessen mit anschließendem Espresso und obligatorischem Schokokeks versinke. Mein Geist ist frisch, die Ideen sprudeln. Bilde ich mir das ein, oder schaffe ich tatsächlich mehr weg? Auf jeden Fall habe ich mehr Zeit. Ist das neben dem Gewichtsverlust womöglich der tertiäre Diätgewinn?

Tag 11: Der Hungergeist

Ich habe eine neue bahnbrechende Theorie entwickelt. Nicht der Bauch ist hungrig, sondern der Geist. Mein Magen gibt manchmal Meckergeräusche von sich, lässt sich aber schnell mit einem Glas Wasser oder einem Kräutertee beruhigen und zeigt sich erstaunlich genügsam. Der wahre Nimmersatt ist mein Geist. Ständig giert er nach neuen Erfahrungen.

An den Fastentagen quält er mich mit Halluzinationen. Ich sehe dampfende Tagliatelle, Schokotörtchen und ein Glas Riesling vor mir und fiebere dem nächsten Tag entgegen, an dem ich die 500er-Kalorienschranke durchbrechen darf. An den Schlemmertagen, wenn ich von den Dauergelüsten meines Genuss-Schweins traktiert werde, sehne ich mich nach der Klarheit des nächsten Fastentags. Kurz: Mein Geist will immer exakt das, was er gerade nicht haben kann. Kaum bekommt er es, will er das Gegenteil. Die logische Schlussfolgerung: Ich brauche eine Gedankendiät.

Tag 15: Die neue Leichtigkeit

Liebe Waage, hiermit entschuldige ich mich in aller Form bei dir. Ich habe dich mehrfach als digitales Miststück beschimpft. Das tut mir aufrichtig leid. Ich habe dich der Lüge bezichtigt, dich sogar getreten. Das war unverzeihlich. Aber ich habe jetzt erkannt, dass du unbestechlich bist und mir nichts vormachst. Ein Kilo weniger. Danke!

Tag 16: Mitte und Maß

Nur nicht übermütig werden. Ein Kilo ist weg. Jetzt ist mentale Stärke gefragt. Den Erfolg konsolidieren und ausbauen. Auf keinen Fall auf den Lorbeeren ausruhen. Auch an den Schlemmertagen maßvoll bleiben.

Tag 20: Alkohol ist doch eine Lösung

Es regnet in Strömen. Meine Stimmung ist so trübe wie der Himmel. Heute ist definitiv kein guter Tag für 500 Kalorien. Hat schon mal jemand den Zusammenhang zwischen Kalorien und Kubikmetern Wasser berechnet? Meine These: Der Kalorienbedarf verhält sich direkt proportional zur Menge des gefallenen Regens. Wie soll ich diesen Tag ohne Seelenfutter überstehen? An Depri-Tagen wirkt eine Portion Nudeln bei mir Wunder. Aber wie zum Teufel sollen mich drei Scheiben rote Beete und ein halbes Vollkornbrötchen trösten?

Das Diätprojekt erscheint mir als eine Strafe. Aber wofür? Habe ich so viel mieses Karma angehäuft? "Du brauchst dringend einen Rotwein", sagt mein Mann, als ich auf meine Gemüsebrühe starre. "Ich darf nicht. 122 Kilokalorien", stöhne ich und greife nach dem Glas wie eine Ertrinkende. Die Absolution hole ich mir aus dem Buch. Auf Seite 108 steht: "Wenn es sein muss, dürfen die Regeln gebrochen werden. Wir veranstalten kein Wettrennen. Bleiben Sie entspannt."

Tag 24: Die Keksdose spricht

Ich bin jetzt konvertiert. Mister Mosley hat mich überzeugt. Das Programm ist simpel, selbst erklärend und kommt ohne Schnickschnack aus. Es tut mir gut, mich regelmäßig in Selbstbeschränkung zu üben und zu merken, das Leben geht weiter, auch mit 500 Kilokalorien.

Keine Schwächeanfälle, keine Energietiefs, von kleinen Motivationslöchern abgesehen. Keine großen Krisen, nur harmlose Episoden von Selbstmitleid. Es irritiert mich kaum noch, dass die Keksdose mit mir spricht. "Greif zu!", ruft sie, sobald ich die Küche betrete, "so ein kleiner Schokokeks kann nicht schaden." "Morgen, Schätzchen, ist auch noch ein Tag", sage ich und mache mir einen Tee.

Tag 30: Nach der Diät ist vor der Diät

Die vier Wochen sind um. Zwei Kilo sind weg. Kein Grund, den Bikini wieder rauszuholen, aber doch sehr erfreulich. "Hörst du jetzt endlich auf mit dieser doofen Diät?", fragt meine Tochter. "Können wir zum Nachtisch wieder Eis essen?" Ja, können wir. Aber einen Fastentag die Woche will ich beibehalten. Als mentales Training, um mich daran zu erinnern, dass ich viel weniger brauche, als mein Verstand mir weismachen möchte.

Zum Weiterlesen

Mittlerweile sind zahlreiche Bücher zum intermittierenden Fasten erschienen, die meisten auf Englisch. Das Kurzzeit-Fasten ist aber so einfach, dass es nicht unbedingt ein Buch dazu braucht. Wer dennoch gern etwas dazu lesen möchte, findet weitere Informationen in folgenden, ins Deutsche übersetzten Bänden:

"The Fast Diet – Das Original. 5 Tage essen, 2 Tage fasten"

von Michael Mosley/Mimi Spencer, Goldmann-Verlag, 2014, 224 Seiten, 8,99 Euro.

"5+2 = schlank. So leicht kann Abnehmen sein"

von Kate Harrison, Goldmann-Verlag, 2014, 272 Seiten, 8,99 Euro.

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