Schwitzen unter Strom

17. Januar 2012, 10:48 Uhr

Statt sich an der Hantelbank abzumühen, lassen sich viele ihre Muskeln mit elektrischen Impulsen stählen. Wie EMS funktioniert und was Experten von dem Trend halten. Von Sonja Helms

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Sobald der Strom fließt, heißt es: Muskeln anspannen und dagegenhalten. Wer zusätzlich zur Elektrostimulation Übungen macht, trainiert besonders effektiv©

Die Montur sieht schon etwas gewöhnungsbedürftig aus - nicht nur die hautenge Funktionswäsche, sondern auch die Weste, aus der diverse Kabel hängen und in der mehrere Elektroden befestigt sind, die mit lauwarmem Wasser eingesprüht werden. Zusätzlich bekomme ich Manschetten mit feuchten Elektroden um das Gesäß sowie Oberschenkel und -arme geschnallt, alles wird festgezurrt. Schön ist das nicht. Sobald alle Teile mit dem Steuerungsgerät verbunden sind, kann es losgehen.

Sanfte, elektrische Impulse kontrahieren erste Muskeln in den Beinen, dann über Gesäß, Rücken und Bauch bis in die Arme. Das kribbelt erst leicht und später stärker. Die Stromzufuhr lässt sich für jede Muskelgruppe dosieren, und da sich der Körper bald an den Reiz gewöhnt, wird die Intensität erhöht. Vier Sekunden Strom, vier Sekunden Pause, immer im Wechsel - das ist der Rhythmus für die 20 Minuten, die das EMS-Training dauert. Während der Strom fließt, soll ich die Muskeln anspannen und gegenhalten, sonst ziept es – nicht schmerzhaft, aber auch nicht wiederholungsbedürftig. Die ganze Zeit über mache ich Übungen, mal eher leichte wie Kniebeugen, mal anspruchsvolle am Boden. Das ist anstrengend, wirkt aber belebend. Nur: Mit Faulheit hat das nichts zu tun.

Fitness für Faule? Nicht unbedingt

Dabei wird EMS zum Teil so beworben. EMS steht für elektrische Muskelstimulation und bedeutet, dass Strom von außen einen Reiz auf Muskeln ausübt. Die erschlafften Kraftpakete des Körpers müssen nicht mühsam im Fitnessstudio wieder in Form gebracht werden, so die Botschaft, das übernimmt das Gerät. Fitness für Faule gewissermaßen, denn der eigene Aufwand hält sich in Grenzen: 20 Minuten, die finden auch in vollen Terminkalendern Platz. Ein oder zwei Trainingseinheiten pro Woche sollen genügen, um sich in Form zu bringen. Da mit EMS Muskeln aufgebaut werden, erhöht sich der Grundumsatz und somit der Kalorienverbrauch. Das heißt: Fettpolster schmelzen, die Haut wird besser durchblutet und straffer, ebenso das Bindegewebe, der Körper richtet sich auf.

Klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Doch auch Sportwissenschaftler und Fitnessexperten sind durchaus angetan von dem Training, das immer mehr Anhänger findet. Mittlerweile wird EMS nicht mehr nur vereinzelt in Fitnessstudios angeboten. Es eröffnen immer mehr sogenannte Micro-Fitnessstudios, in denen nur zwei oder drei EMS-Geräte stehen, sonst nichts.

Lange Tradition

Dabei ist die Methode nicht neu. Elektrostimulation hat eine lange Tradition und stammt aus der Reha. Dort wird Reizstrom schon lange eingesetzt, um Muskelschwund zu verhindern, etwa nach Verletzungen. Später machten sich Spitzensportler den Strom zunutze, um ihre Leistung zu steigern. Vor einigen Jahren ging EMS in den Fitnessbereich über. Damit veränderte sich die Anwendung: Statt kleiner Elektroden zur Stimulation einzelner Muskeln ermöglichen große Elektroden ein Ganzkörpertraining für jedermann.

Aber eignet sich die Methode für jeden? Ist sie unbedenklich? Nicht jedem behagt die Vorstellung, unter Strom zu stehen, Bilder von Folter und Elektroschocks drängen sich auf. "Dabei kontrahieren auch Muskeln aufgrund von neurophysiologischen Prozessen über Strom. Im Körper geschieht nichts anderes", erklärt Sportwissenschaftler Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule Köln. Bei richtiger Anwendung sind die elektrischen Impulse ungefährlich und aufgrund des langjährigen therapeutischen Einsatzes hinreichend erprobt.

Selbst für das Herz, den wichtigsten Muskel, ist nichts zu befürchten. Sportwissenschaftler Heinz Kleinöder von der Deutschen Sporthochschule Köln hat in einer Studie mit der Herzklinik Bad Oeynhausen Herzpatienten trainieren lassen - mit interessanten Ergebnissen: "Bei den Teilnehmern haben sich Kraft- und Ausdauerwerte erheblich verbessert", sagt er. "Und es gab keinen Hinweis darauf, dass Muskelschädigungen entstanden sind." Trainieren darf trotzdem nicht jeder, Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen etwa, jedenfalls nicht ohne Absprache mit dem Arzt, oder jene, die einen Herzschrittmacher haben, ebenso Personen mit neurologischen Erkrankungen wie Epilepsie, Zuckerkranke, Krebspatienten, Schwangere. Auch wer erkältet ist oder eine bakterielle Infektion hat, lässt das Training besser ausfallen.

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