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Frühchen sind als Erwachsene oft ängstlicher

Sie kommen zu früh zur Welt und haben mit gesundheitlichen Einschränkungen zu kämpfen. Doch nicht nur das: Frühchen haben auch später oftmals mehr Probleme - beruflich wie privat. Eltern und Lehrer sollten dem früh entgegenwirken.

Ein Frühchen im Brutkasten

Zu früh das Licht der Welt erblickt: Frühchen haben es auch im späteren Leben oftmals schwerer.

Normalerweise wird ein Kind in der 40. Schwangerschaftswoche geboren. Kommt es vor Ende der 37. Woche zur Welt, gilt es bereits als Frühchen.

Mehr als jedes zehnte Baby wird zu früh geboren, wie aus einem 2012 vorgestellten Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hervorgeht. In den Industriestaaten seien vor allem Übergewicht, Bluthochdruck, psychische Belastungen sowie Rauchen und immer spätere Mutterschaft dafür verantwortlich, schreibt die WHO. In Entwicklungsländern dagegen mangelnde Hygiene, Infektionen und medizinische Unterversorgung. 

Beruflich und privat benachteiligt

Zum Teil kaum über 1000 Gramm schwer, sind Frühchen ihrer neuen Umwelt noch völlig schutzlos ausgeliefert und können nur mithilfe der Intensivmedizin überleben. Kein schöner Start ins Leben. Und dieser prägt die Kinder ein Leben lang, wie eine Untersuchung der Universität Warwick in England nun zeigt. Zu früh geborene Kinder erreichen meist geringere Bildungsabschlüsse, arbeiten in schlechter bezahlten Jobs und tun sich schwerer, Freunde und Partner zu finden. 

Das Team um den Psychologen Dieter Wolke wertete die Persönlichkeitsmerkmale von 200 Frauen und Männern aus, die zwischen 1985 und 1986 in Bayern zur Welt kamen. Sie alle wogen bei der Geburt weniger als 1500 Gramm und waren vor Ende der 32. Schwangerschaftswoche geboren worden. Zum Vergleich befragten die Forscher außerdem 197 Erwachsene, die im selben Zeitraum in denselben Kliniken normalgewichtig und nicht zu früh zur Welt gekommen waren. Erfasst wurde zum Beispiel der Grad ihrer Introvertiertheit, wie ängstlich oder risikofreudig sie sind, sowie der Grad ihrer Angepasstheit und Gewissenhaftigkeit. 

Das Ergebnis: Die zu früh zur Welt gekommenen Studienteilnehmer zeigten deutlich stärker Anzeichen einer introvertierten Persönlichkeit. Sie waren häufiger ängstlich und zurückgezogen, weniger offen für Neues und taten sich schwerer, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten und zu kommunizieren. 

Pränataler Stress und überbesorgte Eltern 

Dies sei vor allem auf die Beeinträchtigungen der Gehirnentwicklung zurückzuführen, schreiben die Forscher. Die Gehirne von Frühchen seien nach der Geburt erhöhtem Stress ausgesetzt, da der Überlebenskampf und die intensivmedizinische Behandlung eine hohe Belastung für die winzigen Körper seien.

Zudem würden die Kleinen von ihren Eltern oftmals überbehütet. Die anfängliche Angst um das Kind verleitet manche Eltern dazu, es ein Leben lang wie ein rohes Ei zu behandeln. Mit dem Resultat, dass das Kind ängstlicher wird und sich zurückzieht. 

Eine Studie aus dem Jahr 2010, die normal geborene Kinder und Frühchen sowie deren Mütter verglich, zeigte bereits einen Zusammenhang zwischen gestressten Eltern und der Entwicklung des Kindes: Waren Kinder in den ersten Jahren dem Stress der Mutter ausgesetzt, wiesen sie deutlich schlechtere psychomotorische Fähigkeiten auf und litten häufiger unter Schlafstörungen. Mütter von Frühchen waren dabei deutlich häufiger gestresst und überängstlich oder wiesen gar Symptome einer Depression auf. Die Frühchen wiederum waren in den ersten beiden Lebensjahren häufiger aggressiv, wutanfälliger und verhielten sich auch ansonsten psychisch auffälliger.

Kinder zu Selbstbewusstsein erziehen

Mit ihrer Studie wollen Dieter Wolke und sein Team dazu beitragen, zu früh geborene Kinder gezielt zu unterstützen. Introvertierte Kinder, bräuchten besondere Aufmerksamkeit, so Wolke. Andere Studien hätten aber gezeigt, dass zurückgezogene Kinder eher gemieden und übersehen würden. Eltern und Lehrer sollten dafür sorgen, dass die Bedürfnisse der Ruhigen nicht untergehen. Außerdem sollten diese ermutigt werden, auf andere zuzugehen und neue Dinge auszuprobieren, um ihr Selbstbewusstsein zu stärken. So fänden die Kinder leichter Freunde und kämen auch im späteren Leben besser zurecht. 

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