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Ein Sex-Mythos wird entzaubert

Seit Jahrzehnten ist der G-Punkt bekannt. Und seit ebenso langer Zeit streiten Wissenschaftler, ob diese erogene Zone tatsächlich existiert. Die erste genetische Studie kommt jetzt zu einem eindeutigen Ergebnis.

  Der G-Punkt soll eine stark erogene Zone sein, die vaginale Orgasmen auslösen kann

Der G-Punkt soll eine stark erogene Zone sein, die vaginale Orgasmen auslösen kann

Auf halbem Wege zwischen Schambein und Gebärmutterhals an der vorderen Vaginalwand entlang der Harnröhre soll er liegen und etwa die Größe einer Zwei-Euro Münze haben - der G-Punkt. In den 50er Jahren beschrieb der deutsche Gynäkologe Ernst Gräfenberg die angeblich sehr erogene Zone. Die Sexualforscher Beverly Whipple und John Perry nannten ihn später "G-Punkt" nach Gräfenberg und erhoben ihn 1982 mit dem Buch "The G-spot and other recent discoveries about human sexuality" zu einer Art Sex-Mythos. Dabei war ihre Datenlage dürftig: In kleinen Verhaltensstudien reizten sie bei elf Frauen diese Stelle. Bei vier Frauen fanden sie angeblich einen Punkt, der Gräfenbergs Beschreibung ähnelte und vaginale Orgasmen auslösen soll. Tatsächlich ist immer noch umstritten, ob der G-Punkt anatomisch existiert. Ob Unterschiede der Sexualität bei Frauen körperliche Ursachen haben wie die An- oder Abwesenheit des G-Punktes, oder an Lebensweise, sexueller Technik oder Erfahrung liegen, kann kein Forscher mit Sicherheit beantworten.

Was sagen Anatomie-Professoren, die es eigentlich wissen müssten? Die meisten wollen oder können sich zu dem Thema nicht äußern - offenbar interessiert es sie nicht besonders. Lediglich Gabriele Rune, Professorin am Institut für Anatomie I des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, sagte, sie halte es für "höchst unwahrscheinlich", dass der G-Punkt ein strukturelles, anatomisches Phänomen ist.

2008: Beweis für die Existenz des G-Punktes?

2008 wollte der Italiener Emmanuele Jannini von der Universität L'Aquila den Beweis für die Existenz des G-Punkts erbracht haben: Er berichtete, dass neun Frauen mit vaginalen Orgasmen auch eine verdickte Stelle in der Vaginalwand hatten. Bei elf Frauen, die keine vaginalen Orgasmen erleben könnten, sei die Stelle anatomisch nicht vorhanden. Also hätten einige Frauen einen G-Punkt, andere nicht, folgerte er. Dies erkläre auch, wieso viele Frauen den mysteriösen Punkt nicht finden können. Mithilfe eines gewöhnlichen Ultraschallgeräts will Jannini den G-Punkt geortet haben. Auf diese Studie stützt sich zum Beispiel eine deutsche Klinik, die den G-Punkt mit Eigenfett oder Hyaluronsäure unterspritzt, um die Lust der Frauen zu steigern.

Matthias David, Oberarzt der Frauenklinik Charité in Berlin, erklärt seine Zweifel an Janninis Studie. Schon wie viel Druck der Arzt auf das Gerät ausübe, könne die Ergebnisse eines Ultraschalls verändern. Bislang gebe es keine anatomischen Nachweise für eine besonders starke Nervenansammlung im vorderen Drittel der Scheide. Dennoch möchte David die Existenz einer besonders erogenen vaginalen Zone nicht ganz ausschließen. Dafür sei zu wenig auf dem Gebiet geforscht worden. Vielleicht fehlen bislang die richtigen Untersuchungsmöglichkeiten, mutmaßt er.

2010: die Gegenthese

Andrea Burri, Sexualforscherin vom Londoner King's College, stellt die Ergebnisse Janninis ebenfalls in Frage. Sie hat kürzlich eine Studie veröffentlicht, in der sie zum Schluss kommt, dass der G-Punkt kein biologisches Phänomen sein kann. Burri und ihre Kollegen gingen die Frage von einer neuen Seite an - der Genetik. Wenn der G-Punkt ein anatomisches Phänomen wäre, also eine besonders starke Nervenansammlung oder Verdickung, müsste er zumindest teilweise vererbbar sein. Daher befragten sie 1804 ein- und zweieiige Zwillinge. Eineiige Zwillinge teilen 100 Prozent der Gene, zweieiige Zwillinge dagegen nur 50 Prozent. Wäre der G-Punkt vererbbar, hätten mehr eineiige als zweieiige Zwillingspaare übereinstimmend antworten müssen. Das taten sie aber nicht.

Stattdessen stellte Burri fest, dass jüngere Frauen häufiger als ältere meinten, sie hätten einen G-Punkt. Und dass Frauen, die ihren Angaben zufolge leichter erregbar sind, ebenfalls öfter angaben, ihren G-Punkt zu kennen. Starke Erregung könne aber die Wahrnehmung verwirren. Laut Burri ist es gut möglich, dass die Frauen durch die Medien vom G-Punkt gehört haben und sich deswegen verstärkt beim Sex auf die vermeintliche Stelle konzentrieren. So fühlen sie vielleicht eine besonders erogene Zone beim Geschlechtsverkehr, die es rein körperlich nicht gibt. Es scheint also so, als sei der Bericht vieler Frauen, sie besäßen einen G-Punkt, eine subjektive Wahrnehmung. Immerhin 56 Prozent gaben an, sie hätten diese erogene Zone.

Die Wissenschaftlerin vermutet, der G-Punkt sei so populär, weil er Frauen seit Whipples Publikation den ultimativen Höhepunkt verspricht. "Und wie jeder Mythos verkauft sich das besonders gut", meint Burri. "Die Medien aber auch andere bereichern sich daran, etwa durch G-Punkt Aufspritzung oder G-Punkt Stimulationskurse." Dieses Vorgehen kritisiert die Forscherin. "Etwas als das ultimative Vergnügen zu verkaufen, finde ich problematisch", sagt sie. Denn leicht würden Frauen stigmatisiert, die durch vaginale Penetration keinen Höhepunkt bekommen können. "Für einige Frauen mag die vordere Vaginalwand ein Lustzentrum sein, bei anderen können es die Brüste oder die Klitoris sein. Gerade in einem so persönlichen Bereich wie der Sexualität hat jede Frau das Recht auf Individualität", ist Andrea Burri überzeugt.

Janne Geefcke

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