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Entzündung im Magen

Wie die Entdeckung des Helicobacter pylori die Therapie revolutionierte. Warum jedes dritte Magengeschwür erst im Krankenhaus entdeckt wird. Wie Wissenschaftler den Erreger weltweit eliminieren wollen.

Von Beate Wagner

Jahrelang hatten die australischen Forscher Barry Marshall und Robin Warren an der Theorie gearbeitet, dass Magengeschwüre nicht nur durch Stress oder ungesundes Essen ausgelöst werden, sondern vor allem durch den Magenkeim Helicobacter pylori (HP). Sie konnten sie anfangs nicht beweisen, weil es ihnen nicht gelang, den Keim anzuzüchten. Schließlich half ihnen der Zufall. Einige Kulturen blieben im Labor länger liegen, weil das Personal in den Ferien war - und vermehrten sich. Zwei Jahre später trank Marshall einen Cocktail mit dem Keim und hatte seinen Beweis: Innerhalb weniger Tage erkrankte er an einer schweren Magenschleimhautentzündung (Gastritis). Im Jahr 2005, mehr als 20 Jahre nach dem Selbstversuch, erhielten die Mediziner für ihre Entdeckung den Nobelpreis.

Seinen Namen hat der Helicobacter pylori aus dem Griechischen: "Helix" heißt Spirale - das Wort beschreibt die Form; "pyloros" heißt Pförtner und bezeichnet den Magenausgang. Drei Viertel der Magenschleimhautentzündungen und der in Folge entstehenden Geschwüre werden durch das Bakterium ausgelöst. Die restlichen 25 Prozent gehen auf Medikamente wie die schmerzstillenden nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR) zurück, auf Gallensäurereflux oder - selten - auf andere Krankheiten.

20 bis 30 Millionen haben den Keim

Eine Infektion mit HP führt jedoch nicht zwingend zu einer Gastritis oder einem Geschwür. In Deutschland tragen etwa 20 bis 30 Millionen Menschen den Keim in sich. Etwa ein Fünftel von ihnen muss damit rechnen, irgendwann an einem Magengeschwür zu erkranken, bei jedem Hundertsten entwickelt sich ein Magenkarzinom.

Warum einige Infizierte erkranken, andere aber mit HP im Magen jahrelang beschwerdefrei bleiben, ist bis heute nicht geklärt. Vermutet wird, dass genetische Veranlagung eine Rolle spielt. Es scheint auch Unterschiede in der Wirksamkeit unterschiedlicher Stämme des Bakteriums zu geben. Die meisten Infizierten scheinen sich als Kind in der Familie angesteckt zu haben. Eine Übertragung kann vermutlich durch Küssen erfolgen. Aber auch durch den Kontakt mit Fäkalien auf einer gemeinsam benutzten Toilette.

Bei fünf Prozent perforiert die Magenwand

Bei einer Gastritis ist die Schleimhautschicht der Magenwand entzündet. Von einem Geschwür (Ulkus) spricht man in fortgeschrittenen Stadien, in denen auch darunterliegende Bereiche angegriffen sind - also das Bindegewebe oder die Muskelschicht des Magens. Bei fünf Prozent der Betroffenen perforiert sogar die Magenwand. Das heißt, die Entzündung dringt so tief, dass sie ein Leck bis in die Bauchhöhle schlägt.

Eine chronische Gastritis muss keine Beschwerden auslösen. Wenn sie es tut, dann auf sehr unterschiedliche Weise. Akute Magenschleimhautentzündungen können sich durch Appetitlosigkeit, Druckschmerz im Oberbauch, Erbrechen, Übelkeit oder einen unangenehmen Geschmack im Mund bemerkbar machen. Diese Symptome sind leicht mit denen eines Reizmagens zu verwechseln, einer Lebensmittelunverträglichkeit oder auch einer empfindlichen Reaktion auf psychische Belastungen wie Stress.

Gastritis kann lange symptomfrei bleiben

Ein Magengeschwür verursacht mitunter direkt nach dem Essen höllische Schmerzen, kann aber wie eine Gastritis auch lange symptomfrei bleiben. "Tückisch ist, dass etwa die Hälfte aller Patienten gar keine Beschwerden hat", sagt Christian Löser, Chefarzt der Inneren Abteilung des Rot-Kreuz-Krankenhauses Kassel. So erfahre etwa jeder dritte Ulkuspatient erst von seiner Diagnose, wenn er mit Komplikationen ins Krankenhaus muss, etwa wegen einer plötzlichen Blutung, die jeder fünfte Betroffene erleidet.

Allein anhand der beschriebenen Beschwerden kann der Arzt keine Diagnose stellen. Er muss andere Krankheiten wie etwa ein Gallenleiden durch Ultraschall-, Labor- und andere Untersuchungen ausschließen. Erhärtet sich der Verdacht auf eine Gastritis oder ein Geschwür, wird häufig eine Magenspiegelung nötig; bei Alarmzeichen wie Blut im Stuhl, Blutarmut oder anderen Hinweisen auf Blutverlust ist sie unumgänglich - nicht zuletzt deshalb, so der Gastroenterologe Löser, "weil sich auch immer ein Karzinom dahinter verstecken kann". Während einer Magenspiegelung entnehmen die Ärzte auch kleine Schleimhautproben, um diese auf den Erreger HP zu testen.

Ärzte setzen Antibiotika ein

Seit klar ist, dass ein Bakterium im Spiel ist, setzen die Mediziner neben Medikamenten zur Hemmung der Säureproduktion im Magen vor allem Antibiotika ein und können so bis zu 96 Prozent aller Patienten heilen. Sogar eine bestimmte Krebsform, das sogenannte MALT-Lymphom im Magen, lässt sich in seiner Frühform durch die kombinierte antibiotische Behandlung des HP heilen.

Sofern Bakterien die Ursache sind, werden die Leiden üblicherweise mit der sogenannten Eradikations- oder Tripletherapie behandelt: Ein Säureblocker (Protonenpumpenhemmer, kurz: PPi) und zwei Antibiotika (Clarithromycin, kombiniert entweder mit Amoxycillin oder mit Metronidazol) werden parallel über sieben Tage eingenommen.

Frühe Therapie hilft

Einige Studien weisen darauf hin, dass die Eradikationstherapie vermutlich auch das Risiko minimiert, dass sich aus einem Magenulkus ein Karzinom entwickelt. Internationale Experten empfehlen die Behandlung im "Maastricht Consensus Report" von 2005, der aktuellsten Leitlinie zur Behandlung der HP-Infektion, als effektive Vorsorge gegen Magenkrebs. Diese Form der Therapie solle daher möglichst frühzeitig bei Gastritis, Ulkus, Fällen von Magenkrebs bei Familienangehörigen oder nach der Entfernung von Magenkarzinomen durchgeführt werden.

Zunehmend drücken Resistenzen gegen die verschiedenen Antibiotika die Erfolgsquoten der Standardtherapien. Vor allem bei Patienten, die durch vorherige Behandlungen nicht geheilt wurden und deshalb wiederholt Antibiotika nehmen, versagen die Standardmedikamente Clarithromycin und Amoxycillin immer häufiger. Eine große europäische Studie, auf die das Robert-Koch-Institut in seinem Epidemiologischen Bulletin hinweist, schätzt die Resistenzquote für Metronidazol in Deutschland bereits auf über 20 Prozent.

Impfstoff wird gesucht

Wissenschaftler suchen derzeit nach Wegen, den Helicobacter pylori weltweit auszurotten. Am Berliner Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie entwickelt ein Team um den Mikrobiologen Prof. Thomas Meyer eine Schluckimpfung. Einen Impfstoff, der bei Mäusen funktioniert, haben die Forscher bereits hergestellt - Menschen bietet er noch keinen sicheren Schutz. Bis ein wirksames Vakzin zum Einsatz kommen kann, dürften noch mindestens zehn Jahre vergehen.

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