5. März 2012, 11:48 Uhr

Forscher warnen vor Metall-Hüftgelenken

Nach dem Skandal um Billig-Brustimplantate stehen nun auch künstliche Hüftgelenke in der Kritik. Bestimmte Metall-Prothesen könnten giftige Schwermetalle absondern und das Gewebe schädigen, warnen Wissenschaftler. Von Franziska Weigelt

Hüftprothese, DePuy Orthopaedics, Implantat, CE-Zertifikat, Medizinprodukte, Brustimplantate

Eigentlich sollen Prothesen, die aus zwei Metallschichten bestehen, widerstandsfähiger sein. Doch nun ist darum eine Debatte entbrannt©

Anfang dieses Jahres sorgten Billig-Brustimplantate bei Tausenden Frauen für Verunsicherung. Schon damals wurde der Ruf laut, dass Medizinprodukte, zu denen auch die Silikonkissen zählen, besser überprüft werden müssen. Nun zeichnet sich womöglich ein neuer Medizinskandal ab - und diesmal geht es um künstliche Hüftgelenke.

Betroffen ist nicht jeder, der ein künstliches Hüftgelenk besitzt. Allerdings bestehe bei einem bestimmten Prothesentyp die Gefahr, dass bei Patienten durch die Freisetzung von Metall-Ionen gesundheitliche Schäden verursacht werden können, berichtet das "British Medical Journal" (BMJ). Von dem Problem seien weltweit Hunderttausende Patienten betroffen, bei denen Metall-auf-Metall-Hüftgelenke vom Typ ASR der französischen Firma DePuy Orthopaedics eingesetzt wurden. Wie viele Menschen in Deutschland solche Prothesen bekommen haben, ist unklar. Ein zentrales Melderegister für solche Eingriffe fehlt.

Gefahren schon lange bekannt

Hüftprothesen, bei denen Metall auf Metall trifft, werden seit Jahren stark beworben. Sie sollen widerstandsfähiger und länger haltbar sein als Modelle aus Keramik oder Kunststoff. Doch offenbar stellen genau diese Hüftgelenke eine Gesundheitsgefahr dar: Durch Abrieb werden bei ihnen Kobalt- und Chrom-Ionen freigesetzt, die sich über Blut und Lymphen ausbreiten und Organe wie Leber, Nieren oder Milz belasten können. Laut BMJ müssen Patienten mit den Metall-Metall Prothesen zudem häufiger nachoperiert werden.

Skandalös an dem Fall ist vor allem eins: Schon 2005 soll DePuy Orthopaedics, eine Tochterfirma des amerikanischen Konzerns Johnson & Johnson, laut BMJ von den möglichen Gesundheitsgefahren gewusst haben. Obwohl Herstellern und Gesundheitsbehörden das Risiko bekannt gewesen sei, hätten sie die Patienten nicht informiert, kritisiert BMJ- Chefredakteurin Fiona Godlee. Bereits im Jahr 2009 seien die Produkte in den USA und Australien vom Markt genommen wurden. Im Jahr 2010 erfolgte weltweit ein Rückruf.

Strengere Zulassungskriterien gefordert

Wie Brustimplantate, Hörgeräte oder Katheter gelten auch Hüftprothesen als Medizinprodukte, die in Europa keine staatliche Zulassung benötigen. Bevor sie auf den Markt kommen, werden sie daher lange nicht so streng geprüft wie etwa Arzneimittel. Um in der EU vertrieben werden zu dürfen, brauchen Medizinprodukte ein CE-Kennzeichen, das etwa vom TÜV vergeben wird. Überprüft werden dafür allerdings häufig nicht die Produkte, sondern lediglich die Produktion - und das oftmals auch nur auf dem Papier.

"Medizinprodukte wie etwa Implantate oder Herzschrittmacher, die über einen langen Zeitraum im Körper verbleiben, müssen besser kontrolliert werden", sagt Hartwig Bauer, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie. Dazu soll auch das Endprothesenregister Deutschland beitragen, das Mitte 2012 starten wird und bei der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie angesiedelt ist. Momentan befindet sich das zentrale Melderegister für implantierte Hüft- und Knieprothesen in der Testphase. Es arbeitet bisher mit der AOK und den Ersatzkassen zusammen. Auch Kliniken und die Industrie sollen sich beteiligen, die Teilnahme ist freiwillig.

"Das Register kann als ein Frühwarnsystem dienen", sagt Bauer. Anhand eines solchen Registers können Ärzte etwa nachvollziehen, wann welcher Prothesentyp eingesetzt wurde - und wann er ausgetauscht werden musste. In der Regel lockert sich ein künstliches Hüftgelenk nach etwa 15 Jahren und muss dann ausgewechselt werden. Ist der Ausbau schon zuvor nötig, ist vermutlich etwas nicht in Ordnung. "Schäden können über ein Register rechtzeitig beobachtet und registriert werden", sagt Bauer.

Patienten sollen besser geschützt werden

Doch was können Patienten machen, die eine Metall-Prothese eingesetzt bekommen haben? Wer verunsichert ist, der soll einen Orthopäden aufsuchen und sich beraten lassen, empfiehlt Bauer.

Unterdessen hat die EU-Kommission bereits nach dem Skandal um die Billig-Brustimplantate strengere Auflagen für Medizinprodukte angekündigt. Im Europaparlament wurde der Ruf nach einem Zulassungsverfahren und schärferen Kontrollen zumindest für Produkte laut, die in den Körper eingepflanzt werden.

mit AFP
 
 
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