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"Stehendes Wasser kann schnell zur Brutstätte werden"

Die Medizinische Hochschule Hannover hat Probleme mit vergammelten Lüftungsschächten - ein potenzielles Risiko für Patienten. Ein Experte erklärt, warum Klimaanlagen generell zur Gefahr werden können.

Werden Klimaanlagen nicht richtig gewartet, können sie zur Gefahr für die Gesundheit werden.

Werden Klimaanlagen nicht richtig gewartet, können sie zur Gefahr für die Gesundheit werden.

Die Medizinische Hochschule Hannover gilt als moderne Vorzeige-Uniklinik. Doch nach stern-Informationen belegen Gutachten und Fotos, dass in mehreren Gebäuden schlecht gepflegte Lüftungsanlagen vor sich hin rotten. Die damit verbundenen Hygienerisiken für die Patienten sind den Verantwortlichen offenbar schon länger bekannt. Bisher scheint noch niemand zu Schaden gekommen zu sein. Bei der MHH betonte man am Mittwoch auf einer Pressekonferenz, es gebe keine Patientengefährdung.

Der stern legte Teile der Gutachten und Fotos einem führenden Experten der Luft- und Klimatechnik vor: Uwe Franzke koordiniert beim Verein Deutscher Ingenieure (VDI) den Fachbereich Technische Gebäudeausrüstung und ist stellvertretender Leiter am Institut für Luft- und Klimatechnik in Dresden. "Wir bekommen ja eine Menge zu sehen, aber selten eine Anlage in so eklatant schlechtem Gesamtzustand", sagt er. Im Interview mit stern.de erklärt er, wann Klimaanlagen generell zur Gefahr werden können – und wie man rechtzeitig gegensteuern kann

Herr Franzke, viele fürchten sich vor Gefahren aus der Klimaanlage. Zu Recht?
Wenn Menschen in Büroräumen unter Kopfschmerzen leiden oder sich unwohl fühlten, wird oft die Lüftung verantwortlich gemacht. Dabei geht es bei einer gut gewarteten Anlage darum, die Luftqualität eher zu verbessern – verglichen mit der Luft, die sie bekommen, wenn Sie einfach das Fenster aufreißen. Ist die Anlage gut geplant und gewartet, sollten Sie weniger Staub, Pilze oder Bakterien einatmen als draußen auf der Straße. Daten aus der Schweiz belegen, dass das bei mehr als 90 Prozent der Anlagen auch gelingt, ein Wert, der aus meiner Sicht auf Deutschland übertragbar ist. Dieser hohe Prozentsatz mit guter Luftqualität ist vor allem auf die deutlichen Vorgaben unserer VDI-Richtlinie 6022 zurückzuführen, die sehr konkret die Hygieneanforderungen an raumlufttechnische Anlagen definiert.

Klingt, als wäre alles in Ordnung mit der deutschen Raumluft.
In Deutschland gibt es zwei grundsätzliche Probleme: Erstens sind die Lüftungs- und Klimaanlagen zum Teil sehr alt – oft so alt wie das Gebäude, in dem sie sich befinden. Realistisch lässt sich so eine Lüftungsanlage 15 bis 20 Jahre nutzen. Danach muss sie in der Regel grunderneuert werden. Wir wissen aber, dass in Deutschland fast jede dritte Lüftung aus den 60ern oder 70ern stammt – und damit eher 40 Jahre und älter ist.

Also ist die Wartung der Dreh- und Angelpunkt? Ja, und das ist der zweite Punkt: Wer als Arbeitgeber, Klinikchef oder Schulträger eine solche Anlage betreibt, hat die Verantwortung, dass dadurch niemand gefährdet wird. Aber natürlich kostet es Geld und Personal, die Luftleitungen und Geräte regelmäßig zu kontrollieren, schmutzige Filter und marode Teile auszutauschen oder auch einfach mal sauberzumachen. Und da gibt es immer auch schwarze Schafe, die diese Verantwortung nicht so ernst nehmen oder die Wartung nicht bezahlen wollen.

Wann wird es heikel?
In Lüftungsanlagen kommen drei problematische Faktoren zusammen: Staub, Wasser und Luft. Im Staub finden wir immer auch organisches Material – Reste von Blättern, Tierhaare, Hautschuppen, Staubmilben, Blütenpollen und so weiter. Davon wiederum leben Bakterien und Pilze, die ebenfalls mit dem Staub von draußen in die Lüftung geraten.

Und dann kommt noch Wasser dazu...
Eine weitere Achillesferse: Im Sommer wird die Luft oft an Kühlern entfeuchtet, damit es im Haus nicht zu schwül wird. Dieses Kondensat wird in Wannen aufgefangen. Von dort muss es aber schnellstens wieder ablaufen können. Stehendes Wasser kann schnell zu einer Brutstätte werden. Im Winter wiederum wird die trockene Außenluft oft durch Dampf- oder Wasserdüsen befeuchtet. Auch da können Sie in Kombination mit Staub einen Nährboden für Bakterien oder Pilze schaffen. Und wenn die sich dann vermehren, transportiert sie der Luftstrom sehr effizient in jeden Winkel des Gebäudes.

Welche Keime sind besonders gefährlich?
Der Klassiker sind Legionellen. Das sind Bakterien, die gefährliche Lungenentzündungen verursachen. Die fühlen sich überall wohl, wo längere Zeit Wasser steht. Etwa in Kondensatwannen, aus denen das Wasser nicht sofort abläuft, oder in Luftleitungen, wo sich Pfützen gebildet haben. Ein weiteres Problem sind Schimmelpilze, gegen die viele Leute allergisch sind.

Wie hält man die Anlagen frei davon?
Sie müssen so wenig Staub wie möglich ins System hineinlassen. In Gebäuden, wo sich Menschen länger als 2 Stunden pro Tag aufhalten – Bürohäuser, Kliniken, Schulen – sind mindestens zwei Filterstufen Standard, um Feinstaub inklusive Bakterien und Pilzsporen draußen zu halten. In sensiblen Bereichen wie im Krankenhaus sind die Auflagen noch strenger, etwa für OP-Säle: Da sind zwei Feinstaubfilter im Lüftungssystem Pflicht und dazu ein Hochleistungs-Schwebstofffilter, der sogar winzige Viren abscheiden kann.

Wie oft legen Sie Klimaanlagen still, weil Gefahr für Leib und Leben besteht?
Wir als Gutachter dürfen das gar nicht. Wir stellen wie der TÜV nur Mängel fest, können aber nicht einfach den Hauptschalter umlegen. Das muss der Betreiber selbst machen – oder, wenn es hart auf hart kommt, das Gewerbeaufsichtsamt.

Greifen die denn immer durch?
Das Problem ist oft die Haftungsfrage: Will das Amt eine Lüftungsanlage abschalten, können dem Betreiber unter Umständen hohe Kosten entstehen, etwa durch Produktions- und Arbeitsausfall, wenn das Gebäude eine Weile nicht nutzbar ist. Dann muss das Amt zum Beispiel belegen, dass tatsächlich Gefahr für Leib und Leben besteht. Und bei dieser Gratwanderung zögern natürlich viele.

Was mache ich, wenn ich im Büro sitze und das Gefühl habe, dass es aus der Klimaanlage müffelt oder staubt?
Informieren Sie Ihren Arbeitgeber. Der ist letztlich in der Verantwortung und muss auf Ihre Beschwerde reagieren, indem er zum Beispiel die Gebäudetechniker oder einen externen Gutachter beauftragt.

Interview: Nicole Heißmann

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