HOME

Was bestimmt, wie wir altern?

Egal, wie wir uns fühlen, ewig jung bleibt niemand. Wie schnell wir ergrauen oder faltig werden und wie gut wir damit leben, lässt sich zum Teil beeinflussen. Wie das geht, darüber sprach der stern mit dem Altersforscher Christoph Englert.

Von Mirja Hammer

Eine alte Frau und ein junges Mädchen Wange an Wange

Wir alle altern. Doch wie schnell wir das tun und wie gut wir damit umgehen, hängt von verschiedenen Faktoren ab.

Warum sieht ein Mensch schon mit 30 Jahren alt aus, während eine 80-Jährige noch Rumba tanzt? Was bestimmt, wie schnell wir altern und kann man den Prozess der Alterung beeinflussen? Der stern sprach mit dem Biologen Christoph Englert darüber, was "Alter" eigentlich bedeutet, was es beeinflusst und warum man hierzulande schlechter altert als anderswo.

 Alter - was ist das eigentlich genau?

Wir unterscheiden zwei Alter: Das chronologische Alter, also die Lebensjahre, und das biologische Alter, das Zustand und Fitness von Körper und Geist beschreibt. Ein 35-Jähriger kann das biologische Alter eines 50-Jährigen haben und andersherum. Das hat eine deutsch-dänische Studie an eineiigen Zwillingen sehr eindrücklich gezeigt: Obwohl sie genetisch identisch und gleich alt waren, sah einer der beiden meist älter aus, hatte etwa mehr Falten. Dieser starb dann auch deutlich früher. Entscheidend für das höhere biologische Alter waren vor allem Faktoren wie Rauchen oder exzessives Sonnenbaden. Aber auch der Beziehungsstatus: Jene, die sich in einer guten Partnerschaft befanden, lebten länger. 

 Heißt das, dass Altern mehr von äußeren Faktoren bestimmt wird als von den Genen?

Das kann man so nicht sagen. In den Genen eines jeden Menschen ist festgelegt, wie alt er höchstens werden kann. Das hängt etwa von seinen Veranlagungen zu Krankheiten ab. Die Gene bestimmen also über unsere maximal mögliche Lebensspanne. Ob wir diese aber voll ausschöpfen, hängt stark von unserem Verhalten ab. Wenn wir von unseren Genen aus 100 Jahre alt werden können, aber jeden Tag drei Schachteln Zigaretten rauchen, dann werden wir ziemlich sicher vorher sterben.

 Wie erklären Sie dann, dass Helmut Schmidt trotz exzessiven Rauchens 97 Jahre alt ist?

Wir gehen davon aus, dass ein Zusammenspiel vieler, möglicherweise einiger hundert Gene darüber entscheidet, wie wir altern und wie alt wir letztlich werden können. Welches Gen welchen Beitrag leistet, wissen wir bislang nicht genau. In den USA wurden kürzlich vier Geschwister jeweils über 100 Jahre alt. Dass das Zufall war, ist statistisch unwahrscheinlich. Es muss an einer besonders günstigen Genkombination, die alle vier gemein hatten, gelegen haben. Helmut Schmidt gehört offensichtlich auch zu dieser Gruppe mit einer besonderen, quasi privilegierten genetischen Ausstattung. Diese erlaubt ihm, trotz des Rauchens überdurchschnittlich alt zu werden.

 Kann man in den Genen eines Menschen tatsächlich lesen, wie lange er maximal leben wird?

Gott sei Dank nicht. Die Gene, die wir fürs Altern verantwortlich machen, leisten jeweils nur einen geringen Beitrag. Deswegen wurde auch noch nicht das eine Gen gefunden, mit dem man eine solche Vorhersage zuverlässig treffen könnte. Bislang können wir nur sagen, ob jemand eine Veranlagung für bestimmte Krankheiten hat, die zu einem früheren Tod führen könnten.

Vermag die Forschung das Altern zu beeinflussen?

Das hat sie in der Vergangenheit ja bereits getan: Unter anderem durch eine kontinuierlich verbesserte medizinische Versorgung wurden wir über die Jahre immer älter. Jedes Jahr steigt unsere Lebenserwartung um drei Monate. Mädchen, die heute geboren werden, haben eine  Lebenserwartung von 83 Jahren, Jungen von 78. In manchen westlichen Kulturen verlangsamt sich dieser Trend allerdings gerade: Die zunehmende Fettleibigkeit senkt die Lebenserwartung wieder. Die maximale Lebensspanne von etwa 120 Jahren werden wir ohnehin nicht überschreiten. Ich denke, damit stehen wir aber auch ganz gut da: Wir Menschen sind nach Tieren wie der Schildkröte oder dem Wal die Lebewesen mit der fünfhöchsten Lebenserwartung.

 Hat auch die Ernährungsweise Einfluss auf das Altern?

Bei Ernährungstheorien bin ich vorsichtig. Klar kann man sagen, dass zu viel Fastfood ungesund ist. Aber was uns im Umkehrschluss länger leben lässt, kann so nicht beantwortet werden. Studien, die etwa sagen, dass Vegetarier länger leben, vernachlässigen gerne, dass Vegetarier auch vieles andere im Leben gesünder und bewusster machen: mehr Sport, weniger Rauchen. Ich rate daher einfach zu einer ausgewogenen Ernährung

 Welchen Einfluss hat die Psyche darauf, wie wir altern?

Menschen, die dem Alter positiv entgegenblickten, altern gesünder als jene, die schon mit 30 Angst vorm Alter hatten. Das zeigen Langzeitstudien.

 Wie gelingt es, positiv zu altern?

Vor allem durch eine positive Einstellung. Dann kann jeder Lebensphase Gutes abgewonnen werden. Wichtig  ist, den Fokus auf das zu legen, was einem gut tut. Sei es Beruf, Familie, Partnerschaft oder Hobbys. Das Gefühl gebraucht zu werden, ist sehr entscheidend. Vor allem Männer erleben den Eintritt in den Ruhestand als große Kränkung: Plötzlich braucht man sie in der Firma nicht mehr. Viele verfallen daraufhin psychisch, geistig und körperlich. In solchen Lebensphasen gilt es, neue Aufgaben zu finden, die diese Leere füllen. Etwa ein Ehrenamt oder die Betreuung der Enkel. Aber auch die Gesellschaft, in der wir leben, entscheidet darüber, wie gut wir altern.

 Inwiefern?

Das Bild, das eine Gesellschaft vom Alter hat, wirkt sich darauf aus, wie wir das Altern erleben. In Deutschland altern Menschen relativ schlecht, denn "alt" wird als Bedrohung gesehen, als etwas, was man auf keinen Fall sein möchte. In asiatischen Kulturkreisen dagegen wird dem Alter Respekt gezollt. Anstatt greise Menschen in Altenheime abzuschieben, bleiben sie in den Alltag und das Familienleben integriert, ihre Weisheit und Lebenserfahrung wird geschätzt. 

Was müsste sich ändern, damit wir hierzulande besser altern?

Vieles. Wir werden immer älter, wir müssen Alter daher neu definieren. Nehmen Sie zum Beispiel die aktuelle Debatte um das Renteneintrittsalter: Da wird viel Lärm um die Frage gemacht, ob wir erst mit 67 statt mit 65 Jahren in Rente gehen. Sich um zwei Jahre zu zanken, ist lächerlich, gemessen an der Zeit, die uns noch bleibt: Nach der Verrentung leben wir bestenfalls noch 20 oder 30 Jahre. Allerdings ohne gesellschaftlichen Auftrag. In einer Leistungsgesellschaft wie unserer erfährt das Alter dadurch eine unheimliche Abwertung. Letztlich werden wir das Renteneintrittsalter stärker anheben müssen - vorausgesetzt Körper und Geist lassen es zu. Firmen würden davon auch profitieren, schließlich sind die meisten Menschen im Alter erfahrener, souveräner und abgeklärter. 

Und bis unsere Gesellschaft so weit ist, versprechen uns Anti-Aging Produkte, das Altern noch etwas aufzuschieben...

Das können Sie alles vergessen! Wir wissen noch gar nicht, wo wir ansetzen müssten, um das Altern zu stoppen. Es gibt in etwa 300 verschiedene Theorien darüber. Verspricht ein Produkt, das Altern aufzuhalten oder gar umzukehren, ist das schlichtweg Betrug. Vor kurzem bot ein Unternehmen Telomerase in Pillenform an. Dieses Enzym verlängert Telomere, jene Kappen am Ende unserer Chromosomen. Die Länge dieser Kappen ist eng mit dem individuellen biologischen Alter verbunden. Sie werden im Laufe des Lebens immer kürzer. Doch Telomerase über den Verdauungstrakt in die Zellen zu schleusen, um die Telomere zu verlängern, ist schlichtweg unmöglich. Dass Unternehmen den Begriff "Anti Aging" für Produkte verwenden, die maximal einen kosmetischen Effekt haben, ärgert mich. Das ist Irreführung. Es lohnt nicht, auch nur einen Cent für solche Produkte auszugeben.

täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools