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"Es braucht klare Regeln"

19. Februar 2013, 10:09 Uhr

Die Pharmabranche gelobt Transparenz: Sie plant einen Kodex, der zeigt, welche Ärzte Geld kassieren. Der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft fordert striktere Vorgaben.

Prof. Wolf-Dieter Ludwig ist Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Das bei der Bundesärztekammer angesiedelte Gremium informiert über Arzneimittelrisiken und gibt Therapieempfehlungen heraus.

Herr Professor Ludwig, die Pharmaindustrie verspricht mehr Transparenz: Sie will auf europäischer Ebene einen Kodex veröffentlichen, in dem die Geldflüsse von der Industrie an Ärzte und Krankenhäuser festgehalten werden sollen. Was halten Sie von dem Projekt?

Wir brauchen unbedingt Transparenz hinsichtlich der Geldsummen und Zuwendungen, die von pharmazeutischen Herstellern an Ärzte und Krankenhäuser fließen. Europa ist in diesem Punkt ohnehin sehr langsam. In den USA wurde ein Register mit allen Zahlungen bereits vor Jahren gesetzlich verankert, ab September 2013 werden diese Informationen auf einer Website für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Wir wissen, dass es auch in Deutschland in der Vergangenheit immer wieder Zuwendungen und Einladungen zu Kongressen gab, die ärztliches Handeln beeinflusst haben. Darunter fallen etwa Vortragshonorare, Erstattung von Reisekosten und Sachgeschenke. Patienten haben ein Anrecht darauf zu erfahren, ob es derartige Interessenkonflikte gibt, die ärztliche Entscheidungen beeinflussen könnten.

Was bedeutet es, dass dieser Kodex freiwillig ist?

Der Transparenz-Kodex, der ja frühestens 2016 umgesetzt werden soll, kann nur ein erster Schritt zum richtigen Umgang mit Interessenkonflikten sein. Ich hätte mir gewünscht, dass er schneller kommt und dass Zuwendungen nicht freiwillig, sondern verpflichtend der Öffentlichkeit bekannt gemacht werden müssen. Als nützliches Kriterium, ob eine Zusammenarbeit zwischen Ärzteschaft und Industrie akzeptabel ist, kann die Frage dienen: Wären sie damit einverstanden, dass die Öffentlichkeit von dieser Vereinbarung erfährt?

Welche Regeln gibt es momentan, um sicherzugehen, dass Ärzte zum Wohle der Patienten handeln und nicht aus Eigeninteresse Medikamente verschreiben, weil sie etwa Geld vom Hersteller erhalten?

In der Musterberufsordnung der Ärzte ist geregelt, was erlaubt ist und was nicht. Zudem gibt es Vorschriften im Sozialgesetzbuch. Doch diese Regeln weisen aus meiner Sicht ein gewisses Umsetzungs- und Vollzugsdefizit auf, genauso wie der Kodex der freiwilligen Selbstkontrolle der pharmazeutischen Industrie. Auch hier habe ich nicht den Eindruck, dass alle Verstöße dagegen konsequent erkannt und geahndet werden. Eine Verschärfung der Regeln für den Umgang von Ärzten mit der Industrie ist unbedingt nötig. Gute Richtlinien für eine akzeptable Zusammenarbeit zwischen Ärzteschaft und Industrie gibt es etwa von der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften. Sie gehen unter anderem darauf ein, wie sich Ärzte in den Bereichen klinische Forschung, bei der Aus- und Weiterbildung und bei der Annahme von Geld- und Sachleistungen korrekt verhalten. Ich würde mir wünschen, dass wir in Deutschland auch bald derartig klare Vorgaben haben.

Was wäre aus Ihrer Sicht noch nötig?

Wir müssen uns insgesamt mehr Gedanken machen, wie wir Interessenkonflikte vermeiden oder wie wir mit ihnen umgehen - und zwar nicht nur mit solchen, die im Zusammenhang mit Verschreibungen von Arzneimitteln stehen. Auch beim Erstellen von Therapieleitlinien für Ärzte oder bei der Planung von Publikationen gibt es unheilige Allianzen zwischen Ärzten und Industrie. Es braucht klare Regeln, was erlaubt ist und was nicht. Transparenz ist ein Anfang, beseitigt aber alleine unseriöses Gebaren zwischen Industrie und Ärzten nicht.

Interview: Lea Wolz

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