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Stern Logo Gesundheits-Mythen im Check - Tatsache oder Trugschluss?

Hilft Echinacea wirklich gegen Erkältungen?

Das Sonnenhut-Extrakt soll das Immunsystem stärken und so vor einer Erkältung schützen. Auch die Dauer von Husten, Schnupfen und Heiserkeit soll es verkürzen. Aber stimmt das?

Von Lea Wolz

Macht abends essen dick? Ist es schädlich, den Deckel des Joghurtbechers abzulecken? Gibt es süßes Blut? Der stern nimmt in loser Reihenfolge Alltagsmythen unter die Lupe.

Hilft Echinacea gegen Erkältungen?

Hilft Echinacea gegen Erkältung? Die Auflösung

Sie sind verschnupft? Sie haben Husten? Sie fühlen sich schlapp? Kurzum: Eine Erkältung hat Sie erwischt? Dann haben Sie sicher schon den Ratschlag gehört, Echinacea dagegen einzunehmen. Der Sonnenhutextrakt soll sogar vor Erkältungen schützen. Doch ist das auch der Fall?

Zuerst einmal: Echinacea gibt es in den unterschiedlichsten Darreichungsformen und Dosierungen - als Tropfen, Tabletten, Kapseln oder als Saft. Zudem wird das Mittel aus unterschiedlichen Bestandteilen der Pflanze hergestellt - mal aus den Blättern, mal aus den Blüten und mal aus der Wurzel. Genau hier liegt ein Problem: In Studien wurden auch die unterschiedlichsten Präparate untersucht, was es schwierig macht, die Ergebnisse miteinander zu vergleichen. Die Cochrane-Collaboration, ein internationaler Zusammenschluss von Wissenschaftlern, der nach einem nachweislich belegbaren Nutzen von Arzneimitteln sucht, hat bereits 2006 verschiedene Studien zu dem Thema unter die Lupe genommen. 2014 wurde diese Übersichtsarbeit aktualisiert und um neue Studien ergänzt.

Das Fazit: Bei der Behandlung von Erkältungen waren die Echinacea-Präparate nicht besser als ein Placebo, also ein Mittel ohne Wirkstoff. Lediglich eine Studie zeigte einen Effekt. Wird das Arzneimittel präventiv eingesetzt, zeigte sich ein geringer - wenn auch nicht statistisch signifikanter - Nutzen. Die Autoren schlussfolgern vorsichtig: "Eine geringe Wirkung" sei in diesem Fall nicht auszuschließen, wenn auch von "fraglicher klinischer Relevanz". Heißt übersetzt: Wenn Echinacea überhaupt hilft, dann nur schwach.

"Einen belegbaren Nutzen gibt es nicht"

"Wer daran glaubt, bei dem wirkt es möglicherweise wie ein Placebo", sagt der Arzt und Apotheker Wolfgang Becker-Brüser, der das pharmakritische "Arznei-Telegramm" herausgibt. "Einen belegbaren Nutzen gibt es bis jetzt aber nicht." Becker-Brüser würde daher keinem dazu raten, zu dem Sonnenhut-Extrakt zu greifen, erst recht nicht, um Erkältungen vorzubeugen. "Dafür ist das Mittel gar nicht zugelassen."

Auch Stiftung Warentest warnt: "Echinacea vorbeugend während der gesamten Erkältungssituation einzusetzen, ist nicht sinnvoll…" Länger als zwei Wochen sollte das Mittel nicht eingenommen werden. Da die Datenlage zu Echinacea uneinheitlich sei, stuft die Stiftung die Präparate zur unterstützenden Behandlung von Erkältungen als "mit Einschränkung geeignet" ein. Ein Nutzen, um die Dauer und Schwere einer Erkältung zu verkürzen, sei nur "möglicherweise" vorhanden - und das auch nur, wenn das Mittel rechtzeitig eingenommen wird. Dann könnte es noch dazu beitragen, das Immunsystem zu aktivieren, ob das funktioniert, ist allerdings auch nicht ausreichend belegt.

Warm einpacken, ausruhen und Tee trinken

Wer jetzt denkt: 'Hilft's nichts, schadet's auch nicht', liegt falsch. Denn pflanzlich ist nicht gleich unschädlich. Auch pflanzliche Arzneimittel können Nebenwirkungen haben. Wenn auch selten, können bei Echinacea allergische Reaktion - etwa Hautausschläge - auftreten. Allergiker und Asthmatiker sollten vorsichtig sein. Wer unter einer Autoimmunerkrankung wie Multipler Sklerose leidet, sollte sein Immunsystem nicht noch zusätzlich hochfahren - Echinacea einzunehmen, ist daher nicht ratsam.

Beliebt gegen Erkältungen sind auch kombinierte Mittel wie etwa Grippostad C, Wick MediNait oder Aspirin Complex, die mehrere Wirkstoffe enthalten und gleichzeitig gegen verschiedene Symptome (etwa Schnupfen, Schmerzen und Fieber) helfen sollen. Stiftung Warentest stellt ihnen ein schlechtes Zeugnis aus. Sie seien durchweg "wenig geeignet", da ihre Wirkung ähnlich einem Schrotschuss ungezielt ist und sich die Nebenwirkungen schlecht überschauen lassen. "Ich würde ebenfalls keines dieser kombinierten Erkältungsmittel nehmen", sagt Wolfgang Becker-Brüser. "Sie leben in erster Linie davon, dass viel Geld in die Werbung gesteckt wird."

Um gegen Erkältungsviren möglichst gut gewappnet zu sein, gilt daher nach wie vor: Hände gründlich waschen, Menschenmengen am besten meiden, und falls das nicht möglich ist, in der vollgestopften U-Bahn den Schal vor den Mund. Wer erkältet ist, sollte sich Ruhe gönnen, sich warm einpacken und ausreichend trinken.

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