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15. März 2008, 12:27 Uhr

Einmal Abgrund und zurück

Entspannend: Das erste Glas Schnaps trank Holger Sommer oft gleich nach der Arbeit in der Küche© Marcus Vogel

So weit die äußerlich sichtbaren Schritte in die Sucht. Inzwischen haben Forscher auch herausgefunden, was sich dabei im Gehirn des Trinkers abspielt: Alkohol stimuliert über die Ausschüttung von Endorphinen eine bestimmte Region im Vorderhirn, den Nucleus Accumbens. Dieser Gehirnteil ist dafür zuständig, Verhaltensweisen danach zu bewerten, ob sie positive Effekte bringen und daher wiederholt werden sollten, etwa das Essen einer leckeren Mahlzeit bei Hunger. Durch die wiederholte Stimulation dieser Region klassifiziert das Gehirn Alkohol fälschlich als extrem positiv, ja lebenswichtig. Folglich gibt es in Zukunft immer wieder den Befehl, Alkohol zu trinken. Um das zu erleichtern, wird die Wahrnehmung für genau diesen Reiz geschärft: Alkoholiker nehmen Alkohol in ihrer Umgebung besonders leicht wahr, so wie man eine bekannte Stimme besser aus einem Chor heraushört.

Genetische Veranlagung

Warum aber gerät der eine durch ein gelegentliches Glas Wein in diese Spirale und der andere nicht? Auf diese Frage gibt es noch immer keine vollständige Antwort. Die genetische Veranlagung spielt auf jeden Fall eine Rolle: In einer schwedischen Studie wurden von Männern, die man als Baby adoptiert hatte, 10,7 Prozent Alkoholiker, wenn auch ihr genetischer Vater abhängig war - ansonsten nur zwei Prozent. Die meisten Adoptionsstudien fanden derartige Zusammenhänge. Allerdings müssen zur ererbten Anfälligkeit äußere Stressoren kommen, die der Betroffene nicht besser zu bewältigen weiß als mit Alkohol. Frühe negative Lebenserfahrungen etwa. Oder, wie bei Holger Sommer, aktuelle Belastungen. Recht verbreitet ist auch die Hypothese, dass viele Alkoholiker in Wirklichkeit an einer sozialen Phobie leiden, also einer krankhaft gesteigerten Angst, abgelehnt zu werden. Um diese Angst zu bekämpfen und sich sicherer zu fühlen, greifen sie zur Flasche - Alkohol als psychopharmazeutische Selbstmedikation. Und nicht zu vergessen: Damit Alkoholismus entstehen kann, muss Alkohol verfügbar sein. Je mehr er in einer bestimmten Umgebung als gängiges Genussmittel und Entspannungsmethode akzeptiert ist, desto schwerer ist es für Gefährdete zu widerstehen.

Ehrlich: Anders als viele Co-Abhängige hat Karin Sommer Freunden und Verwandten nichts vorgespielt. "Alle haben mich bedauert", sagt sie. "Aber helfen konnten sie mir auch nicht"© Marcus Vogel

Holger Sommer kam dennoch lange klar. Er hatte ursprünglich Bauarbeiter gelernt. "Da gab es ab und zu mal ein Feierabendbierchen", erinnert er sich, "aber man hat schon darauf geachtet, dass es nicht zu viel wurde." Seit 1988 arbeitet er als Gabelstaplerfahrer bei einem großen Hamburger Kosmetikkonzern, "da herrscht absolutes Alkoholverbot". Auf Familienfeiern hat er mal einen Schnaps genommen, "so alle drei Wochen war ich vielleicht mal angeschickert. Aber nicht besoffen."

Ende 2002, einige Monate nach dem Tod der Schwiegermutter, gehörte Holger Sommer dann aber zu der Gruppe, die den bundesdeutschen Alkoholdurchschnitt hebt: Das erste Glas Schnaps trank er oft gleich, wenn er gegen 16 Uhr nach Hause kam, in der Küche. Bis 22 Uhr leerte er nach und nach eine halbe Flasche. Karin suchte die Schuld damals bei sich: "Ich dachte, vielleicht hab ich mich nicht genug um ihn gekümmert. Oder er trinkt, weil ich so viel zugenommen habe." Manchmal sagte Holger auch zu ihr: "Wenn du abnimmst, trinke ich weniger." Oder: "Wenn du aufhörst zu rauchen, höre ich auf zu trinken." Karin hörte auf - aber Holger trank weiter. Oft rief er sie vor dem Einkaufen an und sagte halb im Scherz: "Vergiss meinen Schnaps nicht." Karin ging immer abwechselnd zu Spar, Lidl und Aldi, "damit es nicht so auffällt".

Die Familie fühlt sich verantwortlich

"Scham breitet sich in einer Suchtfamilie aus wie eine ansteckende Krankheit", sagt Suchttherapeutin Sylvia Berke. "Die Angehörigen fühlen sich verantwortlich für das Verhalten des Trinkenden, obwohl sie es gar nicht beeinflussen können." Oft werden sie von diesem sogar explizit verantwortlich gemacht, weiß Hartmut Große, Geschäftsführer der Organisation Al-Anon, dem Angehörigen-Pendant zu den Anonymen Alkoholikern. "Wenn du immer nörgelst, muss ich ja saufen", "wenn du in der Schule bessere Noten hättest, könnte ich aufhören zu trinken" - solche Sätze sagen Alkoholabhängige zu ihrer Frau und ihren Kindern. Nicht, weil sie bösartig wären. Sondern weil sie sich für ihr eigenes Verhalten schämen.

So drastisch muss es aber nicht kommen und kommt es auch in vielen Alkoholikerfamilien nicht, meint Berke. "Die Veränderungen sind viel unauffälliger und feiner, fast unmerklich - aber deshalb nicht weniger tiefgreifend und schmerzhaft." Sie vergleicht Familien mit einem Mobile: Hängt man an eine Figur das Gewicht eines Flachmanns, geraten auch alle anderen Figuren aus dem Gleichgewicht. Die Rolle der Partnerin werde zugleich überhöht und überlastet, sagt Berke: "Sie übernimmt nach und nach immer mehr Verantwortung für die Familie. Damit erhält sie aber auch viel Macht. Der trinkende Partner wird zunehmend von ihr abhängig, wie ein weiteres Kind. Sein Platz in der Familie wird immer kleiner, vielleicht beziehen ihn die anderen auch gar nicht mehr mit ein."

Sie versteckte seine Flaschen

Holger Sommer war ganz zufrieden, dass Karin ihn mit Schnaps versorgte. Damit er nicht alles auf einmal trank, versteckte sie die Flaschen: unter den Sitzen im Auto, in der Eckbank in der Küche, im Kleiderschrank des Sohnes, unter dem Ehebett. Jede angebrochene Flasche verdünnte sie heimlich zur Hälfte mit Wasser. Noch immer sah Holger in seinem Konsum kein Problem. "Ich habe das Gefühl jedes Mal genossen, dass alles so weit weg war", sagt er. Sein Sohn aber wünschte sich den nüchternen Vater zurück: "Tagsüber konnten wir prima miteinander reden. Er hat sich dafür interessiert, wie es mir geht. Wenn er abends getrunken hatte, war ihm das offenbar egal."

"Der Trinker verschwindet als Gegenüber in den familiären Beziehungen", sagt Berke, "die Frau hat de facto keinen Partner mehr, die Kinder keinen Vater." Meist nehmen die Kranken selbst dies gar nicht wahr. Wie abwesend er als Betrunkener war, wurde Holger Sommer erst nach dem Entzug klar. "An einem Abend hat die ganze Familie Malefiz gespielt, und ich wurde gar nicht gefragt, ob ich auch Lust hätte", erinnert er sich. "Weil vier Jahre lang klar war, dass er sowieso nicht mitmachen würde", sagt Karin. Stattdessen wurde er mit jedem Glas stiller und verschwand meist schon gegen acht zum Fernsehen im Schlafzimmer. Manchmal stand er später noch einmal kurz auf und meckerte Karin an: "Warum kommst du nicht endlich ins Bett?" Am nächsten Morgen konnte er sich an nichts erinnern.

Alles, was die Sommers zuvor gemeinsam unternommen hatten, machte Karin jetzt allein: spielen, fernsehen, bummeln, Freunde besuchen. Das heißt: Sie versuchte es. Oft war sie kaum bei den Freunden angekommen, da klingelte schon das Telefon, und Holger beschwerte sich, dass sie ihn allein ließ. "Meist bin ich dann gleich zurückgefahren. Sonst wäre er den ganzen nächsten Tag gnaddelig gewesen." Wenn sie doch mal zusammen ihre Schwester in Uelzen besuchten - eineinhalb Stunden Autofahrt von Hamburg entfernt -, wollte Holger nach zwei Stunden schon wieder nach Hause. "Die Kinder waren dann natürlich furchtbar enttäuscht." Aber Holger bekam seinen Willen.

Sie spielte keinem etwas vor

Das Wort Co-Abhängigkeit ist unter Wissenschaftlern und Betroffenen umstritten. Tatsächlich dreht sich aber das Leben des Alkoholikers um die Flasche - und das des Partners um den Alkoholiker. "Für mich passte die Bezeichnung genau", sagt Karin Sommer heute. Dabei tappte sie noch nicht einmal in die gefährlichste Falle für Angehörige: Sie spielte Familie und Freunden nichts vor, wenn Holger mal wieder nicht mitkommen konnte, weil er betrunken war. Nur wenige Ehefrauen wagen so viel Offenheit, weiß Berke. "Oft werden die Grenzen nach außen dichtgemacht, damit nur keiner etwas merkt.

Dann ruft die Frau beim Chef oder bei Freunden an und erfindet für ihren Mann eine Ausrede - aus Angst, sonst abgelehnt zu werden." Karins Freunde und Familie hielten zu ihr: "Alle haben mich bedauert. Aber helfen konnten sie mir auch nicht." Sie suchte sich aus den Gelben Seiten die Telefonnummer einer Beratungsstelle. "Hundertmal hatte ich den Hörer schon in der Hand. Aber ich wusste nicht, wie ich anfangen sollte. Und ich hätte Holger ja sowieso nie dazu gekriegt, da hinzugehen." "Was kann ich tun, damit mein Mann aufhört zu trinken?" Diesen Satz hört Hartmut Große am Info-Telefon von Al- Anon von verzweifelten Ehefrauen am häufigsten. Er beantwortet ihn immer gleich: "Sie können nur etwas für sich tun." Denn alle Bemühungen der Partnerin, den Trinkenden zu kontrollieren, stützen nur unbeabsichtigt seine Sucht: "Dadurch erspart man dem Abhängigen die Konsequenzen. Oft sind die aber genau der Anstoß, den er braucht." Wenn erst der Führerschein weg ist und der Chef mit Kündigung droht, kann der Kranke immer weniger leugnen, dass sein Verhalten problematisch ist. Sylvia Berke bestätigt das: "Manchmal muss es eben wehtun." Zwar ist man heute nicht mehr der Ansicht, dass der Alkoholiker erst "ganz unten" sein muss. "Aber er muss an einen Punkt kommen, wo er sich entscheiden muss zwischen dem Alkohol und dem, was ihm sonst noch im Leben wichtig ist." Denn auch wenn es oft so aussieht, als sei dem Trinker alles egal: "Die meisten haben noch viel, was sie nicht verlieren möchten."

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 10/2008

 
 
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