. .
News am 28.05.2012
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
7. Dezember 2008, 04:33 Uhr

"Fordern Sie sich. Seien Sie aktiv. Lernen Sie"

Alzheimer, Hirnforschung, Hirnforscher, Henning Scheich, Demenz

Im Kernspin zeigen sich Alzheimer-bedingte Schrumpfungen des Gehirns© Colourbox

Und zum anderen?

Dass es sehr auf den Kontext ankommt, wie stark sich eine Einschränkung zeigt. Ein Kloster, in dem Tag um Tag feste Abläufe herrschen, wenig Veränderungen eintreten und kaum Anpassung an Neues nötig ist, ist eine Umgebung, in der abnehmende Hirnleistungen nicht dermaßen belastend sind wie im modernen Alltag. In unserer Welt hingegen kommt es darauf an, sich gezielt Neuem auszusetzen, Gehirn und Gedächtnis zu fordern und so ihre Flexibilität und die schon genannte Reservekapazität zu erhalten.

Gehirnjogging als Alzheimer-Schutz?

Es ist nicht so, dass wir eine scharfe Grenze ziehen können, an der eine leichtere Einschränkung endet und Demenz beginnt. Leichten kognitiven Beeinträchtigungen sollten Sie schon frühzeitig entgegenwirken. Und damit meine ich nicht kleinere Lockerungsübungen à la Gehirnjogging. Sondern sich wirklich fordern, Neues lernen, ein Hobby nicht nur oberflächlich betreiben, sondern mit Leidenschaft, selbst wenn Sie dann als ein wenig sonderbar gelten mögen. Kontinuierliche Lernprozesse sind entscheidend. Und tatsächlich würde ich Ihnen nicht erst ab 45, sondern schon früher raten: Lernen Sie häufiger mal ein Gedicht auswendig. Aktive Lernsynapsen werden wohl nicht so leicht abgebaut.

Fürchten Sie nicht, dass derlei Tipps etwas hilflos wirken?

Aber überhaupt nicht. Unterschätzen Sie nicht die Wirkung solcher gezielten Aktivierung. Denn es kommt ja dazu, dass mit zunehmendem Alter auch die Motivationssysteme unseres Gehirns an Kraft verlieren. Ein neuigkeitsorientierter, aktiverer Lebensstil kontert diesen Effekt. Auch das sichert die geistige Gesundheit. Derzeit wandelt sich der Blick auf die Hirngesundheit: Vor einem Jahrzehnt noch hätten wir kleinere Ausfälle von Fähigkeiten noch weniger ernst genommen als heute. Jetzt kommen die Experten überein: Rechtzeitig muss etwas getan werden, und viele Risikofaktoren, etwa wegen mangelnder Fitness und mangelnder Gefäßgesundheit, können reduziert werden.

Ja, aber genügt das?

Fatalismus ist ganz sicher nicht die richtige Antwort. Auch dass wir heute die Demenz-Erkrankung, die zwischen sieben und neun Jahre dauert, mit Medikamenten in ihrem Verlauf um ein Jahr aufhalten können, ist ja nicht nichts. Nur ist es nun an der Zeit, die Perspektive weiter zu öffnen.

Wie zum Beispiel?

Wir in Magdeburg forschen an der Tiefenhirnstimulation, bei der Elektroden in das Gehirn eingepflanzt werden. Bei anderen Erkrankungen wirkt sie. Und elektrische Stimulationen werden vom Gehirn gut vertragen, ohne dass ein Gewöhnungseffekt einsetzt, wie bei den Medikamenten. Wir haben seit 30 Jahren elektronische Innenohr-Implantate, 150 000 Menschen weltweit leben gut damit. Neu ist, dass man mit Stimulation auch Lern- und Gedächtnisprozesse selektiv verbessern kann. Dies ist ein Weg, Botenstoffsysteme, die Lernprozesse kontrollieren – Dopamin und Acetylcholin –, gezielt hochzufahren. Dass Kollegen an Impfstoffen experimentieren, erwähnten Sie schon. Ich bin dafür, dass sehr breit geforscht wird.

Das könnte teuer werden.

Nicht, wenn man in Betracht zieht, dass die hirnabhängigen Erkrankungen bereits die Hälfte der Budgets des öffentlichen Gesundheitswesens verschlingen. Einmal, weil das Gehirn ein wenig komplizierter ist als die Leber. Dann aber auch, weil das Tabu, es zu erforschen und über seine Schäden zu sprechen, sehr nachhaltig war: Jeder erzählt von seiner Bypass-Operation. Aber niemand, dass an seinem Hirn irgendetwas gemacht worden sei. Man spricht heute gern von einem Boom der Hirnforschung – und manche meinen, sie sei privilegiert. Tatsächlich ist die Forschung am menschlichen Gehirn nicht sehr weit. Es muss noch viel geschehen.

Interview: Christoph Koch

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 49/2008

 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
Interview "Demenz ist natürlicher Teil des Alterns"

Vor kaum einer Krankheit haben Gesunde so viel Angst wie vor Demenz. Dabei sei das "große Vergessen" ein natürlicher Teil des Alterns, sagt Hans Förstl im Gespräch mit stern.de. Der Neurologe und Psychiater erzählt von den Fortschritten in der Alzheimer-Therapie - und wie sich die Gesellschaft in Zukunft um Betroffene kümmern sollte. mehr...

Demenz-Forschung Neuer Wirkstoff könnte Alzheimer heilen

Millionen Menschen leiden weltweit an Alzheimer, dem "großen Vergessen". Nun haben deutsche Forscher einen Wirkstoff entwickelt, der die gefährlichen Ablagerungen im Gehirn fast gänzlich verhindert - zumindest im Tierversuch. mehr...