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14. März 2006, 17:39 Uhr

Heilen mit Biss

Nach ihrem Einsatz verleben die Egel im Rentnerbecken einen geruhsamen Lebensabend© Tim Lochmüller/DDP

In einer vergleichenden Untersuchung stellte der Mediziner die Egeltherapie einer klassischen Behandlung mit schmerzstillender Salbe gegenüber. Fazit: Die Egel-Patienten fühlten sich deutlich fitter und beweglicher. Aufgrund der Behandlungserfolge haben Michalsen und seine Kollegen die Egel nun auch gegen Daumenarthrose und Tennisellenbogen eingesetzt - die Ergebnisse sollen in Kürze publiziert werden. "Auch bei diesen Indikationen war die Wirkung sehr überzeugend", sagt Michalsen.

Unkompliziert und gewöhnlich ohne Nebenwirkungen

Die Behandlung ist unkompliziert: Vier bis sechs Blutegel werden auf das Knie gesetzt, saugen sich etwa eine Dreiviertelstunde lang voll und fallen schließlich ab. Die Wunde blutet mehrere Stunden lang nach und muss verbunden werden. Und wie fühlt es sich an, wenn sich die Egel mit ihren kleinen Sägezähnchen am Knie festbeißen? "Manche sagen, wie ein Mückenstich, andere sagen, es geht schon in Richtung Wespe", sagt Michalsen. Nicht wirklich angenehm also - doch das stechende Gefühl lässt schnell nach, wahrscheinlich weil der Egel aus winzigen Drüsen zwischen den Zähnen ein schmerzlinderndes Sekret ausschüttet.

Die Behandlung mag archaisch wirken - laut Michalsen schreckt das aber die wenigsten Patienten ab. "Die meisten reagieren eher mit einem wohligen Schauder, wenn ich die Egel erwähne", erzählt Michalsen. " 'Hach, Blutegel, meinen Sie wirklich?', das bekomme ich oft zu hören." Aber bei den meisten Kranken siegt die Neugier - und der Wunsch, die Beschwerden mit einer sanften Therapie zu lindern. "Die Alternative zum Egel sind Schmerzmittel wie Vioxx, die durch Nebenwirkungen in Verruf geraten sind." Auch die Arthroskopie, ein operativer Eingriff am Knie, ist umstritten: Vor einigen Jahren wurde nachgewiesen, dass die Wirkung auf einem Plazebo-Effekt beruht.

Zu schwerwiegenden Nebenwirkungen kommt es bei der Egel-Therapie selten - so lange die Tiere fachgerecht behandelt werden. "Die Egel sind extrem sensibel ", sagt Michalsen. "Man muss mit ihnen umgehen lernen." So lieben die kleinen Blutsauger eine ruhige Atmosphäre und gedimmtes Licht. Werden sie hingegen mit einer Zange angefasst oder auf parfümierte Haut gesetzt, kann es ungemütlich werden für den Patienten: Der Biss eines angespannten Blutegels verursacht mehr Rötungen als gewöhnlich, und es kann sogar passieren, dass sich die Tiere unter Stress in ihre eigene Bisswunde hinein erbrechen. "Dann kann es zu Infektionen kommen", warnt Michalsen.

Unter normalen Umständen muss ein Patient jedoch keine Angst vor Infektionen haben. Michalsen bezieht seine Egel beim hessischen Züchter Manfred Roth, dessen Egel eine offizielle Zulassung als Arzneimittel besitzen und garantiert unter hygienischen Bedingungen gezüchtet werden.

Jeder Egel wird nur einmal verwendet

Wenn die Egel schließlich vom Knie abfallen, haben sie rund zehn Milliliter Blut aufgenommen, das Fünffache ihres Eigengewichts. Ihren Job als tierische Aushilfsärzte haben sie damit erfüllt, denn aus hygienischen Gründen darf jeder Egel nur einmal verwendet werden - er könnte sonst Erreger wie das HI-Virus oder Hepatitis übertragen.

Die Tiere wandern jedoch nicht etwa in den Müll, sondern werden an den Züchter zurückgegeben, sagt Michalsen: "Da leben sie dann im Rentnerbecken weiter." Viel Arbeit machen die Rentner-Egel nicht. Die genügsamen Tiere zehren bis zu zwei Jahre lang von einer Blutmahlzeit.

Von Angelika Unger
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