
Kriege waren immer ein Katalysator für Doping. Im Vietnam-Krieg waren bei den Soldaten besonders Heroin und Speed beliebt© DDP
"Und im Militär", meldet sich Birgit Bolognese-Leuchtenmüller wieder durch das Funkgerät. "Militär und Kriege waren wohl die ersten Bereiche, in denen leistungssteigernde Drogen eingesetzt wurden." Soldaten leben in einer rigiden Befehlshierarchie, jeder einzelne muss sich bedingungslos anpassen. Sie müssen Gewaltmärsche bewältigen, enormen psychischen Stress aushalten und auf dem Schlachtfeld um Leben und Tod kämpfen. Kein Wunder, dass die Männer auf Drogen und Aufputschmittel zurückgreifen, um den Anforderungen zu genügen und die eigene Angst zu besiegen.
In den Türkenkriegen im 17. Jahrhundert trinkt man Kaffee, der mit Opium versetzt ist. Im Krimkrieg (1853-56) putschen sich die Soldaten mit Zigaretten hoch. Und nachdem man Anfang des 19. Jahrhunderts entdeckt, wie man aus Opium das stärkere Morphin extrahiert, wird es im amerikanischen Sezessionskrieg (1861-65) und im Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) gleich tonnenweise verabreicht.
Im ersten Weltkrieg dopten sich Kampfpiloten mit Kokain, um bei ihren Einsätzen ans äußerste Limit gehen zu können. Im zweiten Weltkrieg schlucken Kampfflieger das wach machende Amphetamin Pervitin, besser als "Stuka-Tablette" oder "Weckamin" bekannt. Und im Vietnam-Krieg dient Heroin als Entspannungs-, Speed dagegen als Einsatzdroge.

Im Zuge der Industrialisierung und der Ausbildung der gnadenlosen Leistungsgesellschaft wurde Doping zum Massenphänomen© Picture-Alliance
"Kriege waren Katalysatoren für Drogen: Sie beschleunigten die allgemeine Bereitschaft, die Mittel einzunehmen", sagt Bolognese-Leuchtenmüller aus dem Bordlautsprecher. Aber auch in den Salons der feinen Häuser ist Doping seit dem 18. Jahrhundert ein Thema. Das aufstrebende Bürgertum definiert sich in der Zeit der Aufklärung über Leistung und Erfolg bei der Arbeit - und wählt Kaffee als die Droge, die das nüchterne, rationale, kalkulierende Selbstbild stützt. Künstler dagegen nehmen Opiate und andere bewusstseinserweiternde Drogen, um ihrer Kreativität auf die Sprünge zu helfen.
Doch die Explosion des allgemeinen Dopings beginnt so richtig erst im 19. Jahrhundert: Die Kultur des fleißigen Bürgertums verbindet sich mit Industrialisierung und Kapitalismus, eine Leistungsgesellschaft bildet sich heraus. Mit ihr steigt der gesellschaftliche Druck, selbst ebenfalls zu Dopingsubstanzen zu greifen. "Die Bereitschaft, die eigene Überlebensfähigkeit mit Drogen zu steigern, ist sicher eine natürliche Grundhaltung des Menschen. Aber erst Leistungsgesellschaft und Kapitalismus funktionieren die ehemals im Vordergrund stehende Lebensbewältigung zur Sucht nach ständiger Leistungssteigerung um", gibt Bolognese-Leuchtenmüller durch.
Auch das Angebot wächst: Amphetamine und Morphin, Heroin und Aspirin werden im 19. Jahrhundert entdeckt, die aufstrebende Wissenschaft der Physiologie erkundet die Grenzen des menschlichen Körpers und versucht sie zu verschieben. Der Körper gilt als Maschine, die künstlich optimiert werden kann - und mit Hilfe der "Psychophysik" versucht man dasselbe auch für den Geist. "Seither ist die Medikalisierung des Alltags immer weiter vorangeschritten. Auch Lebensmittel werden heute optimiert und sollen Leistung und Gesundheit steigern", sagt Jakob Tanner.
Die Zeitmaschine ruckelt, setzt zur Landung an. Willkommen in der modernen Dopinggesellschaft. Als die Luke aufschwingt krächzt das Funkgerät noch ein letztes Mal. Es ist Jakob Tanner: "Die Frage ist nur, ob sich überhaupt so viel verändert hat: Denn nimmt nicht auch heute die Mehrheit der Konsumenten leistungssteigernde Mittel, um überhaupt mit den Anforderungen standhalten und den Druck des Alltags aushalten zu können?"