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11. Dezember 2006, 11:44 Uhr

Geburt Schock im Kreißsaal

Zoom

Durchtrennen der Nabelschnur: Wer glaubt, dieser Akt gleiche dem lockeren Durchtrennen eines Bandes bei einer Autobahneinweihung, wird überrascht sein© Thomas Lohnes/DDP

Es würde ja oft schon reichen, wenn die Kursleiterinnen den Männern erklären würden, warum der Ort der Entbindung "Kreißsaal" heißt. Dann würde ihnen schnell einiges klar werden. Das Wort hat nämlich nichts mit "kreisrund" zu tun. Nein, "Kreiß" entstammt dem mittelhochdeutschen Wort kreißen. "Es bedeutet schreien, stöhnen, speziell 'Wehen haben' ", ist im Lexikon zu lesen.

Im wahren Leben darf der Mann die Bedeutung gerne noch erweitern auf: kräftige Sprache pflegen. "Ich scheiß euch hier die dickste Wurst meines Lebens ins Bett", ist ein nicht selten gehörter Satz. Bei dem sich die Frau oft nicht nur auf die Ankündigung beschränkt.

Wer sitzen bleibt, kann nicht umkippen

Das ist dann vielleicht auch einer der Momente, in dem sich zeigt, wie belastbar die Beziehung von Mann und Frau ist. "Das Beste ist eine partnerschaftliche Beziehung, in der der Mann während der Geburtsphase auch einmal sagen kann: 'Mir ist jetzt gerade ein bisschen unwohl, ich geh mal einen Kaffee trinken' ", sagt Vetter.

Nur übertreiben sollte der werdende Vater das nicht. Denn nicht jede Klinik ist WC-technisch gut ausgerüstet. So kommt es vor, dass Männer auf ihre Frage, wo sie auf Toilette gehen könnten, die Antwort bekommen: "Da hinten rechts. Aber wirklich nur ausnahmsweise, das ist das WC für die Frauen!" Aber vielleicht sollte der Mann das als eine Art Probe betrachten. Und sich an die Weltmeisterschaft erinnern. Da stand er ja schließlich auch nicht auf, wenn das Elfmeterschießen begann.

Überhaupt ist es nicht die schlechteste Idee, sitzen zu bleiben. Dann kann man wenigstens nicht so tief fallen. "Es kommt vor, dass Väter während der Geburt umkippen. Häufig passiert das während der sogenannten Periduralanästhesie, wenn sie sehen, wie der Arzt mit einer großen Nadel in die Lendenwirbelsäule sticht, um die Betäubung zu setzen", berichtet Klenk, die lange Zeit als Hebamme tätig war. "Und wenn sich Hebammen auch um die Männer kümmern müssen, wird der Frau ein Teil der eigentlich nötigen Aufmerksamkeit genommen."

Hand anlegen - beim Nabelschnur-Durchschneiden

Ist das Kind schließlich da und ist bis dahin alles einigermaßen gut gegangen, dürfen die Männer endlich auch etwas tun und ihr handwerkliches Geschick beweisen. Eine sanft lächelnde Hebamme hält einen rötlich schimmernden Schlauch zwischen ihren Händen und sagt mit einer Stimme, die keine Diskussion zulässt: "Die Nabelschnur darfst du jetzt durchschneiden, das ist Aufgabe des Mannes." Wer glaubt, dieser Akt gleiche dem lockeren Durchtrennen eines Bandes bei einer Autobahneinweihung, wird überrascht sein. Und weiß dann auch, warum die Hebamme diese Angelegenheit in die starken Hände eines Mannes gelegt hat.

Ein paar Minuten später wartet die nächste Herausforderung. Der Mann muss miterleben, wie die Plazenta, der sogenannte Mutterkuchen, ausgestoßen wird - ein Vorgang, der sein Verhältnis zu Naturereignissen ganz neu ordnet. Mitunter muss er dann auch noch die Entscheidung treffen, ob er das blutige Stück Gewebe mit nach Hause nehmen möchte. Seinem ungläubigen Blick folgt die Erklärung der Hebamme, dass doch manche Paare die Plazenta im Garten vergraben und darauf einen Baum pflanzen.

Jeder Zehnte kriegt Wochenbettdepressionen

Wenn alles überstanden zu sein scheint, die Vorbereitung auf die Geburt, die Niederkunft, die Zeit in der Klinik, dann kann es selbst jene Männer erwischen, die im Kreißsaal standhaft blieben: "Während der Geburt verhindert das ausgeschüttete Adrenalin, dass die Männer umklappen. Aber wenn sie später die Geburt auf Video zu sehen bekommen, kann es sein, dass einigen ganz anders wird", sagt Vetter.

Für manche kommt es noch schlimmer. Immerhin jeder zehnte Vater leidet an der männlichen Form der "Wochenbettdepression", haben US-Forscher kürzlich in einer Studie ermittelt.

Spätestens nach der Geburt zeigt sich also, wie viel Wahres in den Worten steckt, die einmal ein mehrfacher Vater gelassen ausgesprochen hat: "Wenn wir Männer die Kinder gebären müssten, wäre die Menschheit schon längst ausgestorben."

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 49/2006

Jan Schweitzer
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KOMMENTARE (4 von 4)
 
Jack_Daniels (11.12.2006, 15:54 Uhr)
Ich glaube, ich bin im falschen Film!?
Bei diesem Artikel kann einen ja schlichtweg die Lust auf eine Geburt und auf Kinder vergehen. Als Vater von drei Kinder kann ich allerdings sagen: Es kann alles auch ganz anders und sehr viel schöner sein! Natürlich sollte man sich die Mühe machen, sich um einen wirklich guten Geburtsvorbereitungskurs zu kümmern. Und die werden leider nicht immer von den Krankenhäusern angeboten. Zudem kann man sich heutzutage auch sehr ausführlich während der Schwangerschaft die räumliche Ausstattung der Geburtskliniken anschauen. Somit ist man im Ernstfall nicht negativ überrascht. Wenn die Möglichkeit vor Ort besteht, sein Kind außerhalb eines klassischen Krankenhauses zu bekommen, so sollte man sich dies auf jeden Fall einmal genau anschauen. Wir haben die besten Erfahrungen mit einem Geburtshaus (incl. Ärzten) gemacht – eine solche Betreuung und Atmosphäre ist in einem Krankenhaus mit Routinebetrieb wohl kaum erreichbar.
Pixelschubser (11.12.2006, 15:42 Uhr)
Nuja, Jungs...
...nun habt Euch mal nicht so!
Ich war bei den Geburten meiner beiden Kinder dabei. Sicher, eine Geburt ist ein verdammt beeindruckendes Erlebnis. Aber als Männer sollten wir doch eher ein wenig Zurückhaltung mit unseren Kommentaren üben - die Leistungen, die die Frauen vor, während und nach der Geburt vollbringen, sind doch wohl erheblich größer als unser stieres Danebenstehen und Zugucken. Ich konnte leider auch nicht vielmehr tun, als Händchenhalten und Mut zusprechen. Aber hinterher sind wir ganz sicher gefragt - als liebevolle Väter, treue und sorgende Ehemänner und nicht zuletzt als verständnisvolle Partner, die ihrer Frau genügend Zeit lassen, sich wieder zu regenerieren.
Ich kann nur Kester Schlenz beipflichten, der sinngemäß in einem seiner Bücher sagte, wer seiner Frau nach der Geburt rasch-rasch den Koitus abnötige, solle sich nach einer Hämorrhoiden-OP ruhig mal einen Billardstock rektal einführen lassen...
Und wer meint, er müsse sich während der Geburt hyperventilierend in die Horizontale begeben, dem sei gesagt, dass er sich nun nicht unbedingt mit der Nase vor'm Geburtskanal aufhalten muss...
Ich habe beide Geburten ohne nennenswerte psychische Schäden überstanden. Und ich begegne meiner Frau tagtäglich in stiller Hochachtung für ihre Leistungen.
junimami (10.12.2006, 21:30 Uhr)
Wieso nur für Männer ein Schock?
Jede Erstgebärende ist meist zutiefst verunsichert, was auf sie zukommen wird. Im Kurs wird immer nur beruhigend vom Pressen erzählt und Stöhnübungen durchgezogen. Meinen Sie, den Frauen ergeht es besser als den Männern?
Mir wurde übel, als mir ein Spiegel vorgehalten wurde, um "das Köpfchen" zu sehen. Ein Schock, wie sehe ich denn da jetzt aus???!
Kein Mann muss "müssen".
Ich persönlich aber bin meinem Mann von Herzen dankbar, dass er in diesen harten Stunden der körperlichen und seelischen Arbeit bei mir war. Alleine wäre es für mich wesentlich schwerer gewesen.
Auch außerhalb der Kurse sollte sich ein Paar auf die Geburt vorbereiten. Es gibt etliche Dokumentationen, die Geburtsvorgänge realistisch und "lebensnah" zeigen. Jeder Mensch hat selbst die Wahl, inwieweit re sich mit einem Thema befassen möchte und sich darüber aufklären (lassen) möchte.
corehead (08.12.2006, 23:34 Uhr)
Ich sag nur: Damm-Schnitt
Bei der Geburt unseres Sohnes stand ich neben meiner Frau, Arzt und Schwester hatten alles im Blick, ich habe es vermieden mir alles zu genau anzusehen, da ich etwas empfindlich bin. Bei meinen ersten Blick nach unten sehe ich dann wie der Arzt gerade ein Skalpell in Richtung Geburtsöffnung führt, zack, und eine Blutfontäne spritzt nach oben, so das die Krankenschwester einen Schritt zurück macht. Darauf war ich wirklich nicht vorbereitet, und werde es zeitlebens auch nicht mehr vergessen. Ansonsten waren die ersten Minuten aber wirklich etwas besonderes, vor allem wenn ein Neugeborenes schon einen Finger fest umgreift. Auch mein Tipp: eher mal wegschauen, das erspart einem einiges.
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