
Durchtrennen der Nabelschnur: Wer glaubt, dieser Akt gleiche dem lockeren Durchtrennen eines Bandes bei einer Autobahneinweihung, wird überrascht sein© Thomas Lohnes/DDP
Es würde ja oft schon reichen, wenn die Kursleiterinnen den Männern erklären würden, warum der Ort der Entbindung "Kreißsaal" heißt. Dann würde ihnen schnell einiges klar werden. Das Wort hat nämlich nichts mit "kreisrund" zu tun. Nein, "Kreiß" entstammt dem mittelhochdeutschen Wort kreißen. "Es bedeutet schreien, stöhnen, speziell 'Wehen haben' ", ist im Lexikon zu lesen.
Im wahren Leben darf der Mann die Bedeutung gerne noch erweitern auf: kräftige Sprache pflegen. "Ich scheiß euch hier die dickste Wurst meines Lebens ins Bett", ist ein nicht selten gehörter Satz. Bei dem sich die Frau oft nicht nur auf die Ankündigung beschränkt.
Das ist dann vielleicht auch einer der Momente, in dem sich zeigt, wie belastbar die Beziehung von Mann und Frau ist. "Das Beste ist eine partnerschaftliche Beziehung, in der der Mann während der Geburtsphase auch einmal sagen kann: 'Mir ist jetzt gerade ein bisschen unwohl, ich geh mal einen Kaffee trinken' ", sagt Vetter.
Nur übertreiben sollte der werdende Vater das nicht. Denn nicht jede Klinik ist WC-technisch gut ausgerüstet. So kommt es vor, dass Männer auf ihre Frage, wo sie auf Toilette gehen könnten, die Antwort bekommen: "Da hinten rechts. Aber wirklich nur ausnahmsweise, das ist das WC für die Frauen!" Aber vielleicht sollte der Mann das als eine Art Probe betrachten. Und sich an die Weltmeisterschaft erinnern. Da stand er ja schließlich auch nicht auf, wenn das Elfmeterschießen begann.
Überhaupt ist es nicht die schlechteste Idee, sitzen zu bleiben. Dann kann man wenigstens nicht so tief fallen. "Es kommt vor, dass Väter während der Geburt umkippen. Häufig passiert das während der sogenannten Periduralanästhesie, wenn sie sehen, wie der Arzt mit einer großen Nadel in die Lendenwirbelsäule sticht, um die Betäubung zu setzen", berichtet Klenk, die lange Zeit als Hebamme tätig war. "Und wenn sich Hebammen auch um die Männer kümmern müssen, wird der Frau ein Teil der eigentlich nötigen Aufmerksamkeit genommen."
Ist das Kind schließlich da und ist bis dahin alles einigermaßen gut gegangen, dürfen die Männer endlich auch etwas tun und ihr handwerkliches Geschick beweisen. Eine sanft lächelnde Hebamme hält einen rötlich schimmernden Schlauch zwischen ihren Händen und sagt mit einer Stimme, die keine Diskussion zulässt: "Die Nabelschnur darfst du jetzt durchschneiden, das ist Aufgabe des Mannes." Wer glaubt, dieser Akt gleiche dem lockeren Durchtrennen eines Bandes bei einer Autobahneinweihung, wird überrascht sein. Und weiß dann auch, warum die Hebamme diese Angelegenheit in die starken Hände eines Mannes gelegt hat.
Ein paar Minuten später wartet die nächste Herausforderung. Der Mann muss miterleben, wie die Plazenta, der sogenannte Mutterkuchen, ausgestoßen wird - ein Vorgang, der sein Verhältnis zu Naturereignissen ganz neu ordnet. Mitunter muss er dann auch noch die Entscheidung treffen, ob er das blutige Stück Gewebe mit nach Hause nehmen möchte. Seinem ungläubigen Blick folgt die Erklärung der Hebamme, dass doch manche Paare die Plazenta im Garten vergraben und darauf einen Baum pflanzen.
Wenn alles überstanden zu sein scheint, die Vorbereitung auf die Geburt, die Niederkunft, die Zeit in der Klinik, dann kann es selbst jene Männer erwischen, die im Kreißsaal standhaft blieben: "Während der Geburt verhindert das ausgeschüttete Adrenalin, dass die Männer umklappen. Aber wenn sie später die Geburt auf Video zu sehen bekommen, kann es sein, dass einigen ganz anders wird", sagt Vetter.
Für manche kommt es noch schlimmer. Immerhin jeder zehnte Vater leidet an der männlichen Form der "Wochenbettdepression", haben US-Forscher kürzlich in einer Studie ermittelt.
Spätestens nach der Geburt zeigt sich also, wie viel Wahres in den Worten steckt, die einmal ein mehrfacher Vater gelassen ausgesprochen hat: "Wenn wir Männer die Kinder gebären müssten, wäre die Menschheit schon längst ausgestorben."
Gefunden in ...
Stern
Ausgabe 49/2006