
Medizinische Werte - wie die Blutgruppe - können online in "Gesundheitsakten" gespeichert werden© Picture-Alliance/Sven Simon
Im Revolution Health Store werden zudem Produkte verkauft - von Diabetikerspritzen, Vitaminen und Babyflaschen bis hin zu Windeln, Hustensaft und Aknesalbe. Überdies erhält Revolution Health Kommissionen von Versicherungen, wenn individuelle Nutzer oder Unternehmen Krankenversicherungen über die Tochtergesellschaft RHG Insurance Services abschließen. Die Website präsentiert sich - ähnlich wie die erfolgreiche Plattform Myspace - als Web-Community, spezialisiert auf Patienten und Gesundheitsbewusste.
Microsoft konzentriert sich mit dem Projekt Healthvault, von dem bisher nur eine Testversion besteht, stärker auf Gesundheitsakten, die Patienten ihren Ärzten zugänglich machen können, um sie zu aktualisieren: Wer sich registriert, bewegt sich - anders als in der aufwendig und bunt gestalteten Welt von Revolution Health - in einem nüchternen, aber übersichtlichen Umfeld. Medizinische Werte lassen sich zurzeit nur über Programme eingeben, die sich als Weiterleitung auf externen Seiten von Drittanbietern entpuppen. Einer davon ist beispielsweise die amerikanische Heart Association. Sie verlangt eine erneute namentliche Registrierung. Die eingegebenen Herz-Kreislauf-Daten werden automatisch mit der Healthvault-Akte synchronisiert - kostenlos. Das ist nicht bei allen Microsoft-Partnern so. Die Firma Capmed zum Beispiel verlangt für das Abspeichern von Notfalldaten wie Kontaktinformationen, Allergien und Impfungen pro Jahr 9,95 Dollar.
Grad Conn, der bei Healthvault die Produktstrategie verantwortet, bezeichnet diese Vernetzung als "interaktive Werbung" für Dienstleistungen oder medizinische Geräte aus dem zweiten Gesundheitsmarkt. Innerhalb der Internetpatientenakten werde auch künftig keine Werbung erscheinen. Geld sollen Textanzeigen bringen, die neben Suchergebnissen eingeblendet werden, sagt Conn, "ähnlich wie bei Google".
Google selbst, das mit diesem Anzeigenkonzept in den vergangenen Jahren sehr erfolgreich war, will dagegen werbefreie Zonen schaffen. Die künftige Patientenakte Google Health, von der bisher lediglich Screenshots veröffentlicht wurden, soll zunächst auf Werbung verzichten. Profitieren will das Unternehmen davon, dass durch Google Health die zentrale Startseite für die Internetsuche noch häufiger besucht wird. So funktioniert derzeit schon das werbefreie Angebot Google News. Der Internetkonzern, der fast seinen gesamten Umsatz mit Werbeerlösen bestreitet, schließt Anzeigen bei Google Health aber nicht aus. Das Projekt sei nicht als reines System für persönliche Krankenakten zu verstehen, sagt Google-Chef Schmidt. Es sei eine Plattform, auf der "viele Dienste aufgebaut werden können. Die echte Innovation entsteht durch diese Plattform".
Seit Mitte Februar läuft ein Pilotprojekt mit der Cleveland Clinic in Ohio, die mit dem Programm "eCleveland Clinic MyChart" bereits mehr als 100.000 Patienten ihre Daten online selbst verwalten lässt. 1500 von ihnen testen jetzt bis Ende April Google Health, indem sie Daten wie Rezepte, Allergien und Therapiepläne zwischen ihrer in der Klinik angelegten elektronischen Krankenakte und den Google-Servern hin- und herschicken.
Eine leicht anzulegende Zugangsberechtigung auf einer Internetseite - mehr ist nicht nötig, um die neuen Angebote zu nutzen. Die US-Softwarekonzerne geben damit ein deutlich höheres Tempo vor als Politik und Selbstverwaltung in Deutschland, die seit Jahren um die elektronische Gesundheitskarte ringen - und damit ebenfalls den Informationsfluss verbessern wollen. Offiziell soll das Projekt zwischen 1,4 und 1,6 Mrd. Euro kosten - eines der weltweit größten IT-Vorhaben im Gesundheitswesen.
Doch es hinkt dem Zeitplan bereits Jahre hinterher. Zwar wurde Ende 2007 die Telekom-Tochter T-Systems mit dem Aufbau der Dateninfrastruktur beauftragt. Trotzdem verstreicht in diesem Monat ein weiterer Termin zur Einführung der Karte, die einmal ein Schlüssel zur digitalen Patientenakte werden soll. Zusätzlich zu Basisdaten wie Name, Geburtsdatum und Versicherung sollen irgendwann auch Angaben zur persönlichen Krankengeschichte gespeichert werden können.
Neben der Finanzierung ist noch immer umstritten, welche Institutionen mit dem Betrieb der Server betraut werden und wer Zugang zu den Daten hat. Kaum denkbar erscheinen hierzulande weitergehende Funktionen, etwa der direkte Zugriff der Patienten auf ihre eigenen Daten oder Administratorrechte für den Zugang von beliebigen Dritten, wie es die US-Konzerne planen.
Dabei haben die Deutschen längst Erfahrungen mit webbasierten Patientenakten gesammelt. Bereits vor sieben Jahren startete die Uni Münster Akteonline.de, um den Nutzen von patientengeführten elektronischen Gesundheitsakten zu klären. Die Auswertung ergab vor drei Jahren ein positives Ergebnis. Elektronische Gesundheitsakten erlaubten "dem Nutzer eine aktivere Rolle im Gesundheitsmanagement", sagt Frank Ückert, medizinischer Informatiker, der die Studie leitete. "Das Verständnis von Therapien und Diagnosen wird erhöht."
Auch Intercomponentware (ICW), eine Ausgliederung des Softwarekonzerns SAP, kam vor acht Jahren mit der Gesundheitsakte Lifesensor auf den Markt. Für 5 Euro im Monat bietet das Unternehmen seitdem den Zugang zu digitalen Akten an - ähnlich jenen, die nun Microsoft und Google aufbauen. Allerdings verfolgt ICW eine andere Strategie: "Im Unterschied zu Microsoft und Google bieten wir keine zentralisierte Akte an, die von Patienten und Ärzten eigens mit Daten bestückt werden muss", sagt Vorstandschef Peter Reuschel. "Uns geht es auch um die Integration der vorhandenen Patientenakten bei niedergelassenen Ärzten und Krankenhäusern. Diese Systeme müssen miteinander reden können. Und es geht darum, diese Daten für Patienten verständlich aufzubereiten. Großer Vorteil für die Patienten Den deutschen Markt haben die amerikanischen IT-Giganten zwar noch nicht im Visier, aber selbst wenn sie direkte Konkurrenten würden, brächte das Reuschel nicht aus der Ruhe: "Die neuen Aktivitäten der US-Konzerne sehen wir prinzipiell positiv, weil sie Angebote dieser Art breiter bekannt machen, als uns das gelingen könnte." Die Deutschen könnten auf jahrelange Erfahrung zurückgreifen, wie Systeme bei Ärzten, Kliniken oder Apotheken ineinander greifen könnten. Der Nutzen der Onlineakten steht für Reuschel außer Zweifel: "Durch die elektronische Gesundheitsakte können Patienten sehr viel stärker in die Versorgung einbezogen werden." Die regelmäßigen Log-Ins der Nutzer zeigten, dass es keine Datenfriedhöfe seien wie die herkömmlichen Akten bei Ärzten und Therapeuten. Die Frage, wie Patienten ihre Daten im Detail einsetzen, soll jetzt ein Forschungsprojekt der Barmer Ersatzkasse klären. Den Lifesensor-Account bekommen Barmer-Versicherte für knapp 2 Euro pro Monat, sie nehmen anonym an der Studie teil. "Wir stellen ein zunehmendes Interesse der Bürger fest, sich über Gesundheitsthemen zu informieren", sagt Barmer-Vorstandschef Johannes Vöcking. "Ich schätze, dass es in fünf bis sechs Jahren rund 300.000 Versicherte sein könnten, die die neue elektronische Gesundheitsakte nutzen."